Veli Kavlak schwärmt trotz enormer teaminterner Konkurrenz von seinem Arbeitgeber Besiktas Istanbul
ÖFB-Teamspieler und Ex-Rapidler Veli Kavlak hat mit dem Transfer zu Besiktas ins "fußballverrückte" Istanbul den Sprung ins Auslang gewagt und es hat sich ausgezahlt. Am Bosporus profitiert(e) er von den Qualitäten eines Guti, eines Hugo Almeida, eines Ricardo Quaresma oder Simão. Warum ein Istanbuler Derby nicht mit dem großen Wiener Derby zu vergleichen ist, wie sich der Mentalitäts-Unterschied in der Praxis auswirkt und warum er für die kommende WM-Qualifikation zuversichtlich ist, erzählt Kavlak im derStandard.at-Interview.
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derStandard.at: Sie haben vor rund zwei Wochen gegen Orduspor Ihr erstes Saisontor für Besiktas erzielt. Ein Resultat Ihrer guten Form?
Kavlak: Ich versuche oft, auf das Tor zu schießen, wenn ich
die Gelegenheit dazu habe. Bisher war halt immer wieder ein Bein eines
Gegenspielers dazwischen. Diesmal hat es Gott sei Dank geklappt und
darüber bin ich sehr froh.
derStandard.at: Sie kommen mehr oder weniger regelmäßig zum Einsatz. Haben Sie ein Stammleiberl?
Kavlak: Ein Stammleiberl gibt es hier eigentlich nicht, das hat keiner, weil der Kader sehr groß und gut bestückt ist. Man muss jeden Tag hart arbeiten. Weniger gute Leistungen werden nicht lange toleriert und man findet sich in dem Fall schnell auf der Bank wieder. Darum muss man immer wach sein und Gas geben.
derStandard.at: Sie werden aber auch regelmäßig ausgetauscht. Hat das einen konditionellen Hintergrund?
Kavlak: Nein, überhaupt nicht. Ich spiele hier im halb linken oder halb rechten Mittelfeld. Das ist eine recht aufwendige Position. Der Trainer verlangt von mir, dass ich sowohl offensiv als auch defensiv am Spiel teilnehme und das Tempo, das verlangt wird, kann man schwer 90 Minuten durchgehend bringen. Wir haben auch sehr gute Spieler in der Hinterhand, die alle qualitativ sehr stark sind. Da muss man jeden Tag Leistung bringen. Die Konkurrenz ist riesengroß.
derStandard.at: Wer sind die direkten Konkurrenten auf Ihrer Position?
Kavlak: Fabian Ernst, Mehmet Aurelio, Manuel Fernandes, Júlio Alves und Eigenbauspieler Necip Uysal. Wir haben praktisch sechs Spieler für drei Positionen, da geht es schon dementsprechend zur Sache.
derStandard.at: Die Qualität in den Reihen von Besiktas ist beachtlich. Wagt man einen Blick auf die Kaderliste, so findet man prominente Namen wie Hugo Almeida, Ricardo Quaresma oder Simão ...
Kavlak: In Österreich wird das unterschätzt und wenn man als Österreicher hierher kommt, dann wird man zunächst gar nicht wahrgenommen. Das hätte ich mir schon anders vorgestellt. In den ersten Wochen nach meiner Ankunft war das schon extrem extrem. Dass die Konkurrenz so groß ist, hätte ich nicht gedacht. Aber, da hilft nur eins, sich durchbeißen!
Man kann die Qualität hier nicht mit jener in Österreich vergleichen, hier gab es einen Guti von Real Madrid, einen Quaresma, der bei Inter Mailand, Barcelona und Chelsea gespielt hat. Manuel Fernandes ist 2007 für 20 Millionen nach Valencia gegangen. Wenn man mit denen trainiert, dann hat das eine ganz andere Qualität. Wenn Rapid gegen Stoke City gespielt hätte, dann wäre das das Spiel des Jahres gewesen und ein Unentschieden wäre eine Sensation gewesen. Hier aber fragt jeder: wer ist Stoke? Und es ist egal, gegen Stoke musst du gewinnen und man interessiert sich gar nicht so für den Gegner. Da merkt man schon einen Unterschied von der Mentalität her. Und es ist interessant zu sehen, wie große Spieler von sich überzeugt sind.
derStandard.at: Trainer Tayfur Havutcu wurde im Zuge des Manipulationsskandals um Besiktas verhaftet. Hat der Portugiese Carlos Carvalhal nur interimistisch übernommen?
Kavlak: Havutcu war im Gefängnis und ist erst vor einer Woche rausgekommen. Offiziell ist er noch immer unser Trainer, aber wir müssen abwarten, was passiert. Niemand weiß, wie das weitergehen wird. Wir haben jeden dritten Tag ein Spiel, da bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken.
derStandard.at: Die Derbys gegen Galatasaray (0:0) und Fenerbahce (2:2) sind beide unentschieden ausgegangen. Ist die Stimmung mit einem Wiener Derby vergleichbar?
Kavlak: Das ist nicht zu vergleichen. In Österreich geht zwar auch die Post ab, aber was hier passiert, ist um ein Vielfaches mehr. Das muss man erleben, das kann man fast nicht erzählen. Zwei Wochen vorher beginnt die Vorberichterstattung, auf 25 von 30 Kanälen gibt es nur das Thema Derby. Jeder einzelne Spieler wird analysiert und befragt. Und auch noch Tage nach dem Spiel wird geredet und geredet und jede Szene analysiert. Die Leute hier sind sehr fanatisch. Alles dreht sich
um Fußball. Es ist eine unglaublich schöne Sache, wenn man in einer
derart fußballverrückten Stadt Fußball spielen kann, noch dazu wenn es
sich um einen Großklub wie Besiktas handelt.
derStandard.at: Wie geht es Ihren Teamkollegen Tanju Kayhan und Ekrem Dag?
Kavlak: Die deutsche Fraktion um Fabian Ernst, Roberto Hilbert, Tanju, Ekrem auch der Tscheche Tomás Sivok, der Slowake Filip Holosko und ich kommen regelmäßig zusammen, wir sind eine Partie und haben es alle schwer hier, haben nicht so einen Bonus wie Spieler aus anderen Ländern. Wir alle haben gewusst, dass es schwer wird, sich hier durchzusetzen, der Klub hat einen Marktwert von 120 Millionen Euro.
derStandard.at: Besiktas liegt im Moment auf Platz drei. Wie lautet das Saisonziel?
Kavlak: Das Ziel ist der Titel. Am Ende wird die Meisterschaft in einem Playoff-System entschieden, da spielen die besten vier Teams in je zwei Spielen den Titel aus. Die härtesten Konkurrenten sind sicher Galatasaray, Fenerbahce und Trabzonspor.
derStandard.at: Inwieweit haben sich durch Ihren Transfer in die Türkei Training und taktische Vorbereitung verändert?
Kavlak: Es war eine sehr große Umstellung. Wir haben ein super Trainingszentrum, wo wir alles machen können. Da gibt es eine große Kraftkammer, es gibt vier super Plätze. Wir haben neben dem Trainer noch zwei Co-Trainer und einen Konditionstrainer. Jeder Spieler hat ein eigenes Zimmer am Trainingsgelände, man kann auch hier übernachten. Generell wird viel Wert auf fußballerische Klasse gelegt, man muss kämpfen und viel laufen. Das sind Grundvoraussetzungen.
derStandard.at: Hat sich die Trainings-Intensität im Vergleich zu Rapid erhöht?
Kavlak: Nein, wir haben auch unter Pacult schon hart trainiert, ein Unterschied ist, dass wir hier kürzere, dafür aber intensivere Einheiten haben. Jeder Gegner wird analysiert, das Abschlusstraining ist von Taktik geprägt und man wird perfekt auf den Gegner eingestellt. Man lernt da schon einige Sachen.
derStandard.at: Hat die Taktik auch in Hütteldorf eine derart wichtige Rolle gespielt?
Kavlak: Unter Pacult haben wir schon auch ab und zu taktische Übungen gemacht, bei Besiktas wird nun schon mehr gemacht, aber das soll man nicht überbewerten. Die klassischen Fähigkeiten bringt eh ein jeder Spieler mit und dann kommt es eben auf die Feinheiten an. Da hilft uns der Trainer weiter, er zeigt uns die gegnerischen Teams immer auf dem Laptop und so sind wir immer super vorbereitet auf das nächste Spiel.
derStandard.at: Wie ist das Spielsystem ausgelegt?
Kavlak: Wir spielen meist ein 4-3-3, also vor der Viererkette mit einem Sechser, davor mit zwei Achtern, einem Linksaußen, einem Rechtsaußen und mit einer zentralen Spitze. Und das wird immer wieder durchgespielt und eintrainiert. Mir war das System vorher nicht so vertraut, aber es ist schön, wenn man etwas Neues kennenlernt.
derStandard.at: Wie ist die Trennung von Rapid verlaufen?
Kavlak: Es war klar, dass etwas passieren wird. Ich habe nur mehr ein halbes Jahr Vertrag gehabt und wusste, dass mich Rapid bei einem Angebot gehen lassen wird. Wir haben uns im Guten getrennt. Ich habe mit den Fans ein sehr, sehr gutes Verhältnis gehabt, war zweimal Rapidler des Jahres. Ich kann Rapid nur alles Gute wünschen. Sie sind auf einem gutem Weg und ich hoffe, dass es so weiter geht.
derStandard.at: Warum hat sich Besiktas von Guti getrennt?
Kavlak: Genauere Umstände weiß ich nicht, der Vertrag wurde einvernehmlich aufgelöst.
derStandard.at: Besiktas ist in der Europa League noch im Rennen. Der nächste Gegner ist Braga. Wie werden die Aufstiegschancen beurteilt?
Kavlak: Ein schweres Los, die Chancen stehen 50:50. Braga stand letztes Jahr im Finale, aber wir haben auch viele Portugiesen in der Mannschaft, das könnte ein Vorteil sein. Wir haben aber auch so die Qualitäten, Braga auszuschalten. Wir haben die Gruppenphase mit den Gegnern Dinamo Kiev, Stoke City und
Maccabi Tel Aviv als Erster abgeschlossen und nun müssen wir schauen, was auf uns zukommt, aber es wird bestimmt ganz, ganz schwer.
derStandard.at: Kommen wir zum Nationalteam. Sehen Sie den Wechsel von Constantini zu Koller positiv?
Kavlak: Ich habe auch zu Constantini ein gutes Verhältnis gehabt, leider war ich oft verletzt. Im Endeffekt haben die Ergebnisse nicht gepasst. Wir wollten uns für die Euro qualifizieren, das haben wir nicht geschafft. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir uns mit dem neuen Teamchef weiter verbessern und eine große Rolle spielen werden in der nächsten WM-Quali. Die Qualität im Kader ist sicher da. Die meisten spielen im Ausland und bei ihren Clubs eine große Rolle. Sie haben jede Woche Konkurrenz- und Leistungsdruck und bewältigen das. Das müssen sie nun auch im Team in die Waagschale werfen.
Gegen die Ukraine haben wir ein gutes Spiel gemacht, da hat man die Handschrift des neuen Trainers schon erkennen können. Für die kommende Quali gibt es keine Ausreden mehr, wir wollen einfach dabei sein, egal wie.
derStandard.at: Dazu müsste man Erster oder zumindest Zweiter werden, was in Anbetracht der starken Gegner schwierig werden könnte...
Kavlak: Deutschland ist ganz klar Favorit, aber vor Schweden oder Irland müssen wir uns nicht schrecken, gegen sie können wir auf jeden Fall gewinnen. Viel besser als wir sind sie nicht, wir müssen einfach unsere Chancen nützen.
derStandard.at: Was sind Ihrer Meinung nach Gründe, warum es in der EM-Quali nicht geklappt hat?
Kavlak: Wir hatten einen guten Start in die Quali mit dem 4:4 in Belgien. Das Heimspiel gegen die Belgier war dann der Knackpunkt. Das Happel-Stadion war ausverkauft, aber wir haben uns zu ängstlich präsentiert. Dieses Spiel hat uns sehr weit zurückgeworfen. Die Belgier hatten schon auch großen Respekt vor uns und wenn man so ein Spiel zu Hause spielt, dann muss man die Fans von der ersten Minute hinter sich bringen, von Anfang an vorne auf Pressing spielen und zeigen, dass man da ist. Das haben wir nicht gemacht, wir haben uns zurückgezogen und geschaut, haben reagiert nicht agiert. Dann ist es rasch 0:2 gestanden und dann war es schon vorbei. Ich war damals verletzt und mit Krücken unterwegs, ich habe mir das Spiel im Fernsehen angeschaut und habe vergeblich gehofft, dass wir gleich von Beginn an Druck machen würden. (derStandard.at, 20. Dezember 2011)
Veli Kavlak wurde am 3. November 1988 in Wien geboren. Er begann seine Karriere 1995 bei Post SV. Nach nur zwei Tagen wurde er von Rapid entdeckt und durchlief dort in der Folge alle Nachwuchsstationen. 2004 kam der gelernte Stürmer von den grün-weißen Amateuren in den
Kader der Kampfmannschaft und feierte im Mai 2005 im Spiel gegen SV Salzburg mit erst 16 Jahren, sechs Monaten und 19 Tagen sein
Debüt in der österreichischen Bundesliga. Im Mai 2011 unterschrieb der Mittelfeldspieler einen Vierjahresvertrag bei Besiktas Istanbul. Seine Ablösesumm betrug 750.000 Euro.