Havel hat in einem welthistorischen Augenblick der Politik gedankliche Tiefe gegeben
Eine persönliche Erinnerung an eine wahrhaft historische Figur: In den
späten 1980er-Jahren arrangierte Karl Schwarzenberg, der damals von Wien
aus die tschechoslowakischen Bürgerrechtler unterstützte, eine heimliche
Begegnung in Prag mit dem Dissidenten Václav Havel. Der war erst vor
kurzem auf internationalen Druck aus politischer Haft entlassen worden.
In den nächsten Stunden entwickelte Havel dem kurzsichtig nach
"verwertbaren" News und "Einschätzungen der politischen Situation"
fragenden Journalisten ein Gedankengebäude über das Leben und Verhalten
in der totalitären Diktatur. Nicht aufgeben, das System ist nicht
unverwundbar, hieß der Leitgedanke, wie er ihn in seinem Essay Versuch,
in der Wahrheit zu leben entwickelt hatte: "Diese Keimzellen eines
unabhängigen Lebens sind wie kleine Boote im Ozean des manipulierten
Lebens. Sie werden vom Wellengang hin und her geschleudert. Doch sie
tauchen immer wieder auf. Sie sind sichtbare Boten des Lebens in
Wahrheit."
Der damalige Eindruck - "ein großartiger Mensch, aber chancenlos" - war
zwei Jahre später als großer Irrtum manifestiert: der kommunistische
Machtkoloss unblutig gestürzt, Havel Präsident. Als solcher stieß er
dann hart mit der "Realpolitik" zusammen. Aber er hatte in einem
welthistorischen Augenblick der Politik gedankliche Tiefe und moralische
Höhe gegeben und die "Realisten" im Staub zurückgelassen. (DER STANDARD Printausgabe, 20.12.2011)