Genug gezeichnet, um die Wände zu tapezieren

19. Dezember 2011, 18:03
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    foto: lisi specht

    Wenige Möbel, aber dafür Wände, die von künstlerischen Adern durchzogen sind: Elisabeth H. und Anton P. in ihrer betreuten Startwohnung in Wien-Simmering.

Elisabeth H. und Anton P. waren früher obdachlos. Heute leben sie in einer sogenannten Startwohnung des Wiener Vereins Neunerhaus

Elisabeth H. und Anton P. waren früher obdachlos. Heute leben sie in einer sogenannten Startwohnung des Wiener Vereins Neunerhaus. Wojciech Czaja hat sie besucht.

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"Ich bin ausgebildete Fotografin, habe in Deutschland in der Reprografie und in der Atelierfotografie gearbeitet und bin dann 1973 wieder nach Wien zurückgekommen. Der Neustart war nicht einfach. Und dann kam ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Ich habe meinen Sohn auf die Welt gebracht, der körperbehindert ist und um den ich mich zu Hause gekümmert habe, und habe dadurch meinen Job verloren. Nach dem Tod meiner Mutter schließlich konnte ich mir die Wohnung nicht mehr leisten. So wurde ich obdachlos.

Das ist jetzt 14 Jahre her. Am Anfang habe ich mich wahnsinnig gegen diesen Gedanken gesträubt. Die erste Nacht in der Gruft in der Mariahilfer Straße war entsetzlich. Aber dafür habe ich dort meinen Lebenspartner Anton kennengelernt. Etwas Gutes hatte die Sache ja immerhin! Wir sind daraufhin gemeinsam in eine betreute Wohnung gezogen und leben seitdem zusammen.

Danach haben wir in einer Gemeindewohnung gelebt. Nach ein paar Jahren hatten wir aufgrund einiger Krisen zu wenig Geld für die Miete, waren im Mietrückstand und wurden delogiert. Und so sind wir eines Tages im Neunerhaus gelandet. Das ist eine Obdachloseneinrichtung, die Menschen wie uns hilft.

In dieser Startwohnung in Simmering leben wir jetzt seit eineinhalb Jahren. Der offizielle Mieter ist das Neunerhaus. Im schlimmsten Fall - und den gab es leider schon einmal vor ein paar Monaten - ist das ein gewisser Sicherheitspuffer. Wenn wir im Rückstand sind, gibt es die Möglichkeit zum Gespräch, ohne dass wir gleich wieder delogiert werden. 45 Quadratmeter ganz für uns allein. Mit den Nachbarn kommen wir auch sehr gut aus. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wohl wir uns hier fühlen.

Meine fotografische Berufslaufbahn ist ja schon lange vorbei. Nur das gewisse fotografische Auge ist geblieben. Und Anton, der früher als Maler und Anstreicher gearbeitet hat, hat überhaupt eine künstlerische Ader. Er zeichnet jede Woche ein paar Bilder, meist mit Kugelschreiber und Bleistift. Das war eine Idee unserer Betreuerin. Sie meinte, wenn wir die Wohnung verschönern wollen, dann könnten wir doch selber ein Kunstwerk anfertigen. Jetzt kann Anton gar nicht mehr aufhören mit dem Zeichnen. Ich glaube, wir könnten mittlerweile die Wohnung damit austapezieren. Es gibt etwa hundert dieser Zeichnungen. Die 40 schönsten hängen bei uns an den Wänden. Der Großteil hier über der Couch, die anderen an der Wand neben dem Fenster.

Das ist unsere Kunst. Gut, dass wir sie haben, denn sonst ist es bei uns recht leer. Die Möbel wurden uns alle vom Neunerhaus aus privaten Spenden zur Verfügung gestellt. Das ist eine großartige Unterstützung, denn wir hätten uns ohne diese Hilfe nicht einrichten können. Von uns stammen der Fernseher, das Radio sowie unsere persönlichen Sachen.

In unserem Lieblingseck befinden sich, wie man sich vorstellen kann, Esstisch und Couch. Anton sitzt meist am Tisch und zeichnet. Ich sitz am liebsten auf dem Sofa und lese ein Buch oder löse Kreuzworträtsel. Und unsere Freizeit? Wie bei ganz normalen Leuten. Wir gehen gerne spazieren, kochen regelmäßig und spielen miteinander Würfelpoker. Und jedes zweite Wochenende ist mein mittlerweile erwachsener Sohn zu Besuch. Ein halbes Jahr können wir hier noch wohnen bleiben. Danach werden wir uns eine eigene Wohnung suchen müssen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.12.2011)

Elisabeth H., geboren 1949 in Wien, arbeitete früher als Fotografin. Sie bezieht heute die bedarfsorientierte Mindestsicherung. Anton P., geboren 1959 in Eggenburg, arbeitete als Maler und Anstreicher sowie als Leiharbeiter und ist derzeit arbeitslos. Seit 14 Jahren sind die beiden ein Paar. Seit Sommer 2010 wohnen sie gemeinsam in einer sogenannten Startwohnung des Obdachlosenvereins Neunerhaus, wo sie circa zwei Jahre lang bleiben können - mit dem mittelfristigen Ziel, anschließend wieder eigenständig zu wohnen.

Das Neunerhaus bietet obdachlosen Menschen ein Zuhause und medizinische Versorgung. Insgesamt betreut der Verein drei Wohnhäuser und zehn Startwohnungen in Wien. Demnächst soll das Pilotprojekt ausgebaut werden. Um den Bedarf zu decken, müssten in Wien jährlich rund 200 Startwohnungen angemietet werden. Für 2012 sucht der Verein wienweit 50 günstige Mietobjekte.

Link

www.neunerhaus.at

Kommentar posten
21 Postings
kerihuelo
22
20.12.2011, 14:41

diese geschichte ist bei weitem interessanter als all die berichte über die wohnungen der super architekten und szenemenschen.

wir orientieren uns immer nur nach oben!

ev. wäre es nicht schlecht uns ab und zu bewusst zu machen, wie gut es uns geht. so eine ständige rubrikausrichtung hätte mehr sinn als die schöner wohnen artikel die hier sonst so stehen!

cyber ferkel
22
20.12.2011, 07:10

Schön, dass sie neben dem Lesen von Büchern, Kreuzworträtsel lösen und und malen auch noch ein wenig Freizeit zum Spazierengehen und Würfeln haben.

Timagoras
 
12
20.12.2011, 10:15
@cyber ferkel

sind'S neidisch auf das leben der beiden?
oder was soll der boshafte einwurf?

cyber ferkel
11
20.12.2011, 10:43

Nein, neidisch bin ich nicht und irgendwie bereu' ich mein Geschreibsel eh schon...

Aber; nur zu schreiben, wie super das alles ist, ist mir dann aber doch zu wenig. Man könnte sich in dem Zusammenhang ja auch kritisch mit z.B. Altersarbeitslosigkeit auseinandersetzen.

kerihuelo
11
20.12.2011, 14:30

versetzen sie sich in deren lage (soweit das überhaupt möglich ist).

dann stellen sie sich vor ein journalist käme vorbei und erklärt ihnen, dass er einen bericht über ihre wohnung in der rubrik "wohngespräch" unterbringen möchte.

nona werden sie dann nicht herumsudern, sondern versuchen zu erklären, dass es ihnen im vergleich zu früher momentan ganz gut geht.

cyber ferkel
00
20.12.2011, 18:03

Ja eh...das mit der "Freizeit" war halt ein aufgelegter Elfer und den konne ich einfach nicht vergeben.

flohimpelz
10
20.12.2011, 14:17
Du bereust gar nichts,

fühlst dich nur ertappt - aber du hast weder ein Herz noch Verständnis für die Schwachen dieser Gesellschaft - ich denke du willst einfach nur Stimmung machen weil du dich stärker fühlst!

mukl
00
21.12.2011, 22:06

ja, alle sind schlecht, oder besser noch schlechtest, charakterlosest und fehler werden auch auf beteuerung hin nicht verziehen. im "anonymen" web gibts nur extreme und psychopathen.

aber dafür haben wir ja moralpolizisten wie sie.

flohimpelz
00
10.1.2012, 13:54
Völlig unverständlich, was sie hier absondern

können sie das in verständlichen Sätzen wieder geben??

Timagoras
 
12
20.12.2011, 11:44
"Man könnte sich in dem Zusammenhang ja auch kritisch mit z.B. Altersarbeitslosigkeit auseinandersetzen"

.
könnte man.

aber in dem fall geht's einfach um leute, die "abgestürzt" sind, und die offenbar nach so langer zeit nicht mehr ohne fremde hilfe über die runden kommen. und es ist gut, dass es diese hilfe gibt.
ein luxus-lotterleben ist das wohl eh nicht gerade.
ich gönne ihnen (und allen anderen in ähnlicher situation) auf jeden fall das bisserl spazierengehen, würfeln und kreuzworträtseln.

cyber ferkel
00
20.12.2011, 12:56

Ich wollte nur die Kurve kratzen - offensichtlich ist es mir gerade noch gelungen.

Das Liebenswürdige Scheusal
 
10
20.12.2011, 21:02
Es ist misslungen.

Storyteller
13
20.12.2011, 11:19

Aber nein, Sie brauchen nix bereuen!

Wir nutzen dieses Forum doch alle als Blitzableiter, als Gelegenheit zur Frustabfuhr. Ich denk mir auch oft: oje, was hab ich denn da wieder für einen Mist zusammengeschrieben? Aggressiv und präpotent, manchmal schäme ich mich.

Aber man braucht das halt, wo soll man denn sonst seinen Frust auslassen? An seinen Mitmenschen im direkten Umgang möchte man das doch nicht, was können denn die dafür?

Dafür gibt's Internetforen!

aufgeklärtbisheiter
16
20.12.2011, 05:09

Ich hab eine EOS 10D herumliegen.
Wenn jetzt noch jemand ein Objektiv dazu hat, könnte man das ja - sofern Bedarf besteht - einer sinnvollen Nutzung zuführen und verschenken.

Gerhard Grabner
23
19.12.2011, 23:31
Schöne Geschichte, schön für die beiden!

alexanderletten
 
11
19.12.2011, 22:30

Wenn Anton weiter fleißig malt und seine Werke auch konsequent an die Wand hängt, dann wird er seinen Fortschritt daran erkennen, welche Qualität seine ersten Bilder hatten und zu welchen Bildern er mittl. fähig ist.

Ach ja, ein serviertes Grande ist nicht so selten wie ein Grand ouvert hand, eine 147 im Snooker, ein 300er im Bowling. ;-)

Blaise Pascal
112
19.12.2011, 19:25
Und?

Kommt jetzt demnächst eine heldenhafte Frau, die alle Malen nach Zahlen Bilderl ausgemalt hat und ihre Kreuzstichdeckerltherapie als Lebenssinn sieht?

Brot Pitt
 
10
20.12.2011, 16:41
Von Empathie hast du wohl noch nicht gehört...

www.kirchenaustritt.at
11
19.12.2011, 21:13
Naja, Sie wissen ja,

Weihnachten steht vor der Tuere. Dann ist eh wieder ein Jahr eine Ruhe...

mukl
00
21.12.2011, 22:07

sie sind ja richtig bemüht werbung für eine sache zu machen. danke schön. ein toller dienst an der gesellschaft.

kleiner tipp: wie wärs, wenn sie ihren postingnamen ändern?

www.kirchenaustritt.at
00
22.12.2011, 09:17
Danke fuer den Tipp,

ist glaube ich nicht noetig. Ich zeige lediglich auf, wie verlogen unsere Gesellschaft ist. Mehr aufrechte Atheisten braucht die Gesellschaft. :)

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