Psychologie

Selbstkontrolle ist auch nur ein Muskel

Michael Freund, 19. Dezember 2011, 17:02

Der Sozialpsychologe Roy Baumeister untersucht die Dynamik, die Menschen willensstark macht

Zürich - Die Versuchspersonen hatten Hunger. Sie mussten einzeln in einem Raum warten, in dem eine Schüssel mit Rettich neben einer mit Schokolade stand. Einem Teil wurde gesagt, sie gehörten zur Rettich-Gruppe, die Schokolade dürften sie nicht anrühren. Dem anderen Teil stand die Schokolade frei. Nachher hatten alle zur Aufgabe, so lange an einem (unlösbaren) Puzzle zu arbeiten, bis sie nicht mehr weiterkonnten.

Die Rettich-Gruppe gab nach durchschnittlich 8,35 Minuten auf, die andere erst nach fast 19 Minuten.

"Der Versuchung zu widerstehen", sagt Roy Baumeister", "erschöpft unsere Willensstärke. Es bleibt dann weniger dafür übrig, an einer schweren Aufgabe zu arbeiten." Baumeister, experimenteller Sozialpsychologe an der Florida State University, untersucht seit langem anhand empirischer Studien, was zum Wohlbefinden der Menschen entscheidend beiträgt.

Die Theorien, dass Selbstwertgefühl und positives Denken dafür entscheidend sind, hatte er für "überbewertet" gehalten und gefragt, woher die vielen schädlichen und sowohl persönlich wie sozial destruktiven Verhaltensweisen kommen. Die Antwort fand er in einem von ihm mitentwickelten Modell. Es handelt von der zentralen Rolle von Willenskraft und Selbstkontrolle, nicht als moralische Kategorien, sondern als Teile einer Kräftedynamik, mit der Menschen mehr oder weniger gut haushalten.

Auf der fünften Tagung der Zurich.Minds-Stiftung, zu der Vortragende aus aller Welt geladen wurden ("Sharing passion"), spricht Baumeister über Selbstkontrolle wie über einen Muskel, "der auch bei starker Belastung ermüdet, den man aber ebenfalls durch Übung stärken kann". Zahlreiche Studien haben ergeben, dass ein erschöpftes Ich - sei es durch Ermüdung, Krankheit oder vorangegangene Akte der Willensstärke, sprich Verzicht - weniger fähig ist, einen weiteren Verzicht auf sich zu nehmen. Es kann auch weniger gut Entscheidungen treffen und ist schneller irritiert.

Plausibles Energiemodell

Der Vergleich mit dem Muskel ist kein Zufall: Baumeister sieht biologische Energie am Werk. Da Selbstkontrolle im präfrontalen Cortex situiert ist, bezieht der Psychologe die Glukosezufuhr in sein Konstrukt der Willenskraft ein.

Die Fähigkeit zu verzichten hat der aus Wien stammende Psychologe Walter Mischel bereits in den Sechzigerjahren untersucht. In seinen "Marshmallow-Experimenten" stellte er Zusammenhänge zwischen der kindlichen Fähigkeit zu Belohnungsaufschub und späterem schulischem und sozialem Erfolg her.

"Mischel hat sich auf kognitive Prozesse konzentriert", sagt Baumeister dazu im Interview. "Als wir mit unserer Forschung begannen, war in der Psychologie die Informationsverarbeitung en vogue. Seit einiger Zeit denkt man stärker in evolutionären, genetischen und biologischen Kategorien, das macht unser Energiemodell plausibler."

Mit dem New York Times-Wissenschaftsjournalisten John Tierney hat Baumeister die Arbeiten über Willpower zusammengefasst. Das Buch kommt in Kürze auf Deutsch heraus. Es kombiniert psychologische Theorie mit Praxistipps und Experimente mit Fallstudien, etwa über Eric Clapton. Ob er die Ratschläge aus seinem Buch selber befolge? "Ich weniger", antwortet er. "Meine Frau und meine Tochter schon eher." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. Dezember 2011)


Roy Baumeisters und John Tierneys "Die Macht der Disziplin - Wie wir unseren Willen trainieren können" erscheint im kommenden Jänner bei Campus.

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Posting 1 bis 25 von 40
1 2
Magic
02
20.12.2011, 19:36
oder

Die Rettich-Gruppe hat schneller erkannt, dass es eine unlösbare Aufgabe ist...

|]3R |-|3RR |]1R3K70R
00
20.12.2011, 16:38

waaasaaaaabiiiiiiii

princess of fame
07
20.12.2011, 15:26
Beherrschung kostet Kraft.

Oder:

Willst Du später noch was können
musst Du jetzta Dir was gönnen.

:-)

Quintus Beckloeffel
14
20.12.2011, 13:23
Ich wette jetzt apriori:

Die Schokogruppe kann leichter auf den Rettich verzichten als die Rettichgruppe auf die Schokolade. Wenn das kein Beweis ist für die willensstärkende Kraft der Schokolade!

susi strolcher
03
20.12.2011, 12:45
das ist auch die erklärung für fettleibigkeit in der "unterschicht"

es geht nicht darum, dass gesundes essen unerschwinglich ist, sondern darum, dass die, die immer nur verzichten müssen, mit salz, zucker und fett kompensieren. das merkt doch jeder bei sich selbst: wenn man ganz diszipliniert war und sich zu etwas überwunden hat, dann vernachlässigt man als ausgleich irgendeine routinetätigkeit.
die übermenschen im standard forum natürlich ausgenommen;-(

gratis trinken
00
29.12.2011, 15:57

das ist nicht ganz so- da wirkt auch das belohnungszentrum im gehirn mit.
und die einzige belohnung ist halt für eine bestimmte schicht der zuckerkick.

Sol´kanar -The Swamp King
00
22.12.2011, 08:24
ein sehr interessantes posting.

ich habe die theorie des "teuren, gesunden" essens auch immer für schwachsinn gehalten, aber die übergewichtigkeit bei den unteren schichten wollte ich auch nicht unbedingt auf dummheit schieben.

am ende muss man ja nur wenig essen und das kostet einfach auch wenig, man sieht das bei den ganz alten menschen (wie meiner Oma, 99) die nur mehr ein supperl am tag isst (aber sonst top fit ist).

ein sehr interessanter ansatz!

Bekka
 
02
20.12.2011, 11:46
andere interpretation:

schokolade gibt dir (kurzfristig) energie

AlBundyFan
 
00
20.12.2011, 11:41
wenn die leute gegessen haben

kann dann die höhere leistung nicht an der zusätzlichen energiezufuhr leigen?
wenn ich dortsitze und immer noch hunger habe wäre das für mich sicher ein grund für geringere leistung - einfach weil ich immer noch zusätzlich an das hungergefühl denke und abgelenkt bin.

um das nur auf die willenkontrolle zurückzuführen zu können, hätten die beiden kontrollgruppen vor dem teststart noch eine ausgiebige mahlzeit bekommen müssen damit dieser faktor ausgeschalten wird.

samuel kant
04
20.12.2011, 10:27

haben sie die zuckerwerte im blut verglichen?
Glucose braucht das Gehirn. Im Rettich ist nicht viel drin.

higgs - wozu?
02
20.12.2011, 09:48

bewußtseinsforschung ist eine relativ junge wissenschaft, aber extrem interessant - soweit ich weiß hat sie festgestellt, daß sowas wie ein freier willen gar nicht existiert - bevor wir eine entscheidung bewußt fällen sind bereits neurologische prozesse im gange die wir nicht bewußt beeinflussen können - die entscheidung wird quasi "unterbewußt" getroffen, das bewußtsein dient uns nur dazu die entscheidung zu erfassen und zu analysieren - es teilt und nur mit, was entschieden wurde

Quintus Beckloeffel
11
20.12.2011, 13:21

Empirische Forschung kann niemals feststellen, ob ein Wille frei ist oder nicht, weil Willensfreiheit genausowenig ein empirisches Phänomen ist wie Determiniertheit.

manto bamminger
01
20.12.2011, 11:51
diese problematik habe ich schon als kleinkind entdeckt

bei geistigen selbstgesprächen, ist mir aufgefallen das ich das wort ja schon gedacht habe, bevor ich es mit meiner inneren stimme gesagt habe.
Dies führte dazu dass ich selbstgespräche nun in rasender geschwindigkeit führen kann.
Trotzdem weiß ich noch nicht wo der gedanke herkommt, und ob es ein ich gibt,...naja vom ich bin ich schon recht überzeugt,(vom ego der meisten noch viel mehr). ...äh jetzt bin ich verwirrt, und meine gedanken versuchen sich selbst zu überholen und durch die zeit zu reisen, super

schmunzelmonster
00
20.12.2011, 13:56

...aber mit wem sprechen Sie da bei Ihren Selbstgesprächen? Bzw.: wo denken Sie hin? Das ist eine ernst gemeinte Frage: wer sie beantwortet, dem winkt die Erleuchtung!
Schöne Weihnachten noch !

manto bamminger
00
20.12.2011, 15:08
hmm

also ich lege mich in so großem rahmen ja nur ungern auf eine antwort fest.
Ich sehe mich als symbiose mit dem universum. und eigentlich spreche ich bei selbstgesprächen in eine art göttliche Dimension hinein, und die sprechen raus. (also die engel und dämonen und all die anderen)
Wenn es jetzt zb. so einen großen Schöpfer Gott gibt, dann mag ich ihn, er mich glaub ich auch, nur so ganz versteh ich ihn halt ned, denn der denkt noch viel viel schneller als ich

my thoughts...
00
22.12.2011, 07:25

Ralph? Bist du's? :-)

Jake Gittes
01
20.12.2011, 09:44

Ich persönlich mag Rettich ja viel lieber als Schokolade.

peter schmidt
 
00
20.12.2011, 08:37
Man hat ja nur genügend Potential sein Leben maximal 3-4 mal zu ändern.

Das heisst für die meisten sie hören 3 mal zum rauchen auf und lassen sich einmal scheiden.

jodaflo
 
01
20.12.2011, 01:05
hätte mit willenskraft schoki über rettich geschmolzen und puzzle gelöst.

werwolfi
06
20.12.2011, 00:34

Spannend.
Wo allerdings ist der Beweis dafür, dass nicht die Schokolade den IQ soweit senkt, dass die Erkenntnis über die Unlösbarkeit des Rätsels doppelt so lang dauert?
;o)

hiesiger Greis
02
19.12.2011, 22:54

das was in einem Menschen kocht und brodelt, ist etwas komplizierter als ein Muskel zusammen halten kann.

Tom_Bombadil
03
19.12.2011, 21:57
Schokolade macht willensschwach.

Ein unlösbares Puzzle wurde von der Schokoladengruppe später als unlösbar enttarnt.
Sie folgten länger der sinnlosen Anweisung.

Scheint mir sogar eher logisch.

Jetzt bin ich neugierig, wie nachvollziehbar das ist.
:-)

Kühler_Wind
02
20.12.2011, 00:16
bravo

Tom_Bombadil
00
20.12.2011, 10:51
Danke! :-)

Weitergedacht würde es dann in einem bekannten Spruch gipfeln:

"Brot und Spiele."

her wig
06
19.12.2011, 19:25
Warnung

Keine Schokolade essen dürfen erschöpft die Kräfte!

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