Durch den Blätterwald

19. Dezember 2011, 17:11
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Höchst subjektiv und mit Freude an Abschweifungen erinnert Varda eher an eine Flaneurin denn an eine Dokumentaristin

Einen Blätterwald, so bezeichnet Agnès Varda ihr filmisches Reisetagebuch - etwas, das man in mehreren Tagen durchqueren kann. Zwei Jahre hat die belgische Filmemacherin und "Großmutter der Nouvelle Vague" filmisch und auf Fotos ihre Reisen dokumentiert. Zwar zeigt Arte das von ihr zusammengeschnittene und kommentierte Werk nun seit Montag als fünfteilige Dokureihe, Agnès War Da, mit herkömmlichen Fernsehdokumentationen hat das aber nichts zu tun.

Höchst subjektiv und mit Freude an Abschweifungen erinnert die alte Dame eher an eine Flaneurin denn an eine Dokumentaristin. Sie reist nach Portugal oder Berlin, trifft Künstler und Menschen, die sie interessieren. Der Zuschauer lernt Vardas Familie kennen, en passant erzählt sie von der eigenen Vergangenheit, ihren Filmen. So wird aus dieser Reihe eine sehr persönliche und höchst liebenswerte Alternative zum herkömmlichen Angebot, aus dem der gebeutelte Fernsehzuschauer wählen kann: tiefgründig und schwer. Oder leicht und verdummend.

Vardas Reisetagebuch vermittelt eine ziellose, aber anspruchsvolle Leichtigkeit des Seins. Man muss nicht angestrengt konzentriert vor dem Fernseher sitzen, um ihm folgen zu können. Quasi im Vorbeispazieren lernt man Lebenskünstler und Künstlerpersönlichkeiten kennen, und mit ihnen lauter kleine Weisheiten über das Leben und die Liebe.

Einmal bekommt Varda von einem Gesprächspartner erklärt: Nicht das Kino sei die Täuschung. Es lasse uns vielmehr erkennen, wie sehr die Realität auch nur ein Konstrukt und abhängig vom Blickwinkel sei. Das ist die Stärke dieses "Blätterwaldes": Er lehrt uns, die Welt anders zu sehen. (Andrea Heinz, DER STANDARD; Printausgabe, 20.12.2011)

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    foto: arte
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