Dein Konto, das unbekannte Wesen: Mit dem Überziehungsrahmen kommt man relativ leicht an Geld, das kann aber teuer werden
In der Brieftasche herrscht Ebbe. Doch wofür gibt es schließlich Bankomat-Karten? Frei nach dem Motto "Was ich nicht sehe, ist nicht" wird der Überziehungsrahmen des Girokontos gerne einmal ausgereizt. Manchmal sogar bis zum Anschlag. Doch die böse Überraschung lässt dann mitunter nicht lange auf sich warten.
Denn billig ist dieser "Kredit" sicher nicht.
Ein paar Eckdaten: Laut der jüngsten Erhebung der Arbeiterkammer (AK) aus dem Sommer 2011, kostet ein Gehaltskonto in Österreich durchschnittlich 73,65 Euro im Jahr an Kontoführungsgebühren. Meist beinhalten diese automatisierte Buchungen, Internetbanking, Kontoauszüge und eine Bankomatkarte. Guthabenzinsen betragen im Schnitt 0,125 Prozent, Überziehungszinsen 9,5 Prozent.
Zinssätze
Der große Unterschied zwischen den Plus- und den Minuszinsen ist der AK schon lange ein Dorn im Auge, vor allem auch, dass die Überziehungszinsen auch dann auf hohem Niveau bleiben, wenn der Leitzins fällt. Christian Prantner, AK-Experte für Finanzprodukte, fordert daher im Gespräch mit derStandard.at, die Zinssätze beim Girokonto auch an einen Referenzzinssatz zu binden. Oft sehe man als Konsument erst beim quartalsmäßigen Kontoabschluss, wie teuer eigentlich das Überziehen des Kontos ist und welchen "Schmarren" an Zinsen man für das Guthaben bekomme, so Prantner.
Überhaupt wissen viele nicht, wie hoch ihr Konto-Überschreitungs-Limit eigentlich ist, geschweige denn, wie viel an Zinsen für dieses anfallen. Prantner rät deswegen dazu, das im Auge zu behalten und sich zu informieren.
Denn letztlich ist es genau der Kontorahmen, der so manchen ins finanzielle Verderben stürzt. Auf Anfrage heißt es aus den größten Banken Österreichs (Bank Austria, Bawag P.S.K., Erste Bank und Raiffeisen), es werde ein Kontorahmen vom Zwei- bis Dreifachen des Monatseinkommens gewährt. Voraussetzung sei eben ein geregeltes Einkommen.
Kurzfristiges Geld
Einkaufsreserve nennen die Banken die gewährten Gelder, gedacht ist sie als kurzfristige Überbrückung von Liquiditätsengpässen. Die im Vergleich zu Kreditzinsen doch mancherorts recht hohen Zinsen für die Konto-Überschreitung argumentiert man seitens der Banken ebenfalls mit der kurzfristigen, recht unbürokratischen Bereitstellung des Geldes über das Girokonto. So brauchten Konsumenten beispielsweise keine Sicherheiten wie bei einem Kredit. Das alles habe laut Bankenauskunft eben seinen Preis. Die Höhe der Zinsen - im Plus wie im Minus - sehen die Banken als Fixzinssätze, sie veränderten sich weder in Hoch- noch in Niedrigzinsphasen. Eine Bindung an Referenzzinssätze ist derzeit nicht angedacht.
Doch Konsumenten nutzen den Kontorahmen oft nicht so, wie er vom Erfinder gemeint ist. In einem Interview mit derStandard.at stellte daher auch der Geschäftsführer der Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldnerberater, Hans W. Grohs, unlängst fest, dass das Minus am Girokonto auch der erste Schritt in die Schuldenfalle sein kann.
AK-Experte Prantner stimmt dem zu. Vor allem, weil zu den Überziehungszinsen spätestens beim Ausreizen des Kontorahmens noch weitere Kosten auf den Konsumenten zukommen. Zum Beispiel wird es recht teuer, wenn ein automatischer Zahlungsauftrag nicht mehr durchgeführt werden kann, weil das Konto am Minus-Limit angekommen ist. Dann fallen Spesen an. 2011 lagen diese im Schnitt bei 6,50 Euro.
Weniger Kontorahmen
Prantner erzählt auch, die Banken würden erst seit wenigen Jahren Kontorahmen zurückstutzen oder fällig stellen. Prantner führt dieses Vorgehen darauf zurück, dass Banken mittlerweile mehr auf die Bonität ihrer Kunden schauen und vorsichtiger geworden seien. Das sei grundsätzlich natürlich nicht verwerflich, für so manchen Bankkunden könne so eine Herabstufung aber auch zum Verhängnis werden. Auf Anfrage geben die österreichischen Banken an, sie würden sich die Kontorahmen ihrer Kunden regelmäßig anschauen. Kürzungen des Überschreitungs-Limits oder Fälligstellung gebe es, wenn regelmäßige Gehaltseingänge ausbleiben. Und vor allem dann, wenn Informationen seitens des Kunden fehlen. Grundsätzlich suche man seitens der Banken das Gespräch mit dem Konsumenten, um zu klären, was da gerade los ist.
Damit das fette Minus am Kontoauszug einen also nicht aus den Patschen kippt, rät Prantner in erster Linie, sich anzuschauen, wie viel das Konto und die Überziehung eigentlich kosten. Langfristige Kontoüberziehungen solle man durchaus in einen Privatkredit umschulden, um so günstigere Konditionen auf den Kredit zu bekommen. Denn letztendlich ist auch das überzogene Konto nichts anderes als ein Kredit. Nur eben ein sehr teurer. (rom, derStandard.at, 20.12.2011)