Sehen, was man nie sah

20. Dezember 2011, 10:14
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Die Bibliothek ungelesener Bücher erhält einen Ableger: Archivar und Plakatkünstler Julius Deutschbauer sammelt nun auch ungesehene Filme

Wien - Anfangs, das war im Jahr 1997, wurde der Plakat- und Performancekünstler Julius Deutschbauer mitunter leise belächelt. Denn er gründete mit einer Subvention, die er von der damaligen Bundeskunstkuratorin Lioba Reddeker zuerkannt bekommen hatte, die etwas skurril anmutende Bibliothek ungelesener Bücher.

Doch das Projekt schlug ein, sorgte allerorts für großes Interesse: Die Bibliothek war unter anderem im Sigmund-Freud-Museum, in der Salzburger Residenzgalerie, in der Kunsthalle Baselland und in der Universität Klagenfurt, in den Kammerspiele Hamburg, in der Wiener Arbeiterkammer, im Nationaltheater Mannheim und im Palais des Beaux Arts von Brüssel zu Gast.

Julius Deutschbauer sammelt jene Bücher, von denen seine Gesprächspartner behaupten, diese nie gelesen zu haben. Die Bibel wurde bisher 25-mal genannt - und daher ebenso oft für die Bibliothek erworben. Ulysses und Der Mann ohne Eigenschaften kamen auf je 15 Nennungen. Und fünfmal wurde Mein Kampf nominiert. In der Bibliothek gibt es Hitlers Manifest aber nur zweimal: "Mehr Kämpfe anzukaufen, widerstrebt mir", sagt Julius Deutschbauer. Die Bibliothek umfasst mittlerweile über 700 Bücher samt Interview über die Gründe für die Nennung.

Seit 2003 ist die Sammlung im brick-5, Herklotzgasse 21, beheimatet. Nun startet Deutschbauer als Ergänzung die Videothek ungesehener Filme. Diese wird im Stadtkino am Schwarzenbergplatz installiert.

Zum offiziellen Start heute im Filmhaus-Kino interviewt Julius Deutschbauer den Kärntner Schriftsteller Josef Winkler, der auch einige Texte zum Kino liest. Welchen Film Winkler nennen wird? Julius Deutschbauer ist schon gespannt. (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 20. Dezember 2011)

Filmhaus Kino, Spittelberggasse. 3, 20.12., 21.00

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    foto: stadtkino
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