Das dunkle Begehren, das uns antreibt

19. Dezember 2011, 17:52
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Uraufführung von Paul Wenningers "Sehnen" im Tanzquartier Wien

Wien - Noch ist die Bühne leer, und schon ist zu sehen: Paul Wenningers neue Choreografie Sehnen, die gerade im Tanzquartier Wien uraufgeführt worden ist, wird keine Spaßpartie. Unheimlich sirrende Sounds, kaltes gedämpftes Licht und eine kahle Fläche zwischen zwei Publikumstribünen empfangen zwei Männer und zwei Frauen, die sofort mit einem eiskalten Spiel beginnen.

Es ist dieses Spiel, in dem es immer scheinbar um alles geht: die Anderen und ich. Was bin ich für mein Gegenüber? Attraktiv oder zuwider oder einfach egal? Und: Was lösen die Anderen in mir aus? Wir sehnen uns danach, begehrt, angenommen, respektiert zu werden. Vor allem von jenen, die wir anziehend finden oder von denen wir abhängig zu sein glauben. Betrieben werden all die daraus resultierenden Winkelzüge vom Unbewussten der Beteiligten.

Ein Spiel, das so verborgen bleibt wie die Sehnen des Körpers unter Schichten von Haut und Gewebe. Eines, das unser Bewusstsein ständig hintergeht. Diese gespenstischen Umtriebe machen Adriana Cubides, Raúl Maia, Rotraud Kern und Paul Wenninger während ihres Tanzstücks Sehnen sichtbar: in einem akustischen Stressgewebe von Peter Jakober mit Tiziana Bertoncini und einem Bühnenset des österreichischen bildenden Künstlers Leo Schatzl.

Immer wieder gerät das Licht ins Flackern und erweist sich schließlich als Videoprojektion, die schwarze Streifen und Flecken über den weißen Boden geistern lässt. Wiederholt steigert sich die Musik bis an die Grenze des Erträglichen. Abgehackt, verzögert und erratisch bewegen sich die Tänzer von Pose zu Pose. Einmal steigern sich Maia und Cubides in ein lüsternes Duett hinein. Später stakst und stolpert Kern völlig isoliert durch einen Solopart. Ihre Lippen bewegen sich, doch die Worte werden vom Sturm der Musik fortgerissen.

Hier zeigen sich vier psychische Strukturen, die ihre äußeren Erscheinungen wie Gliederpuppen zappeln, einander fassen oder umklammern lassen. Das vielbesungene Sehnen erweist sich dabei als schöne Worthaut für etwas, das wir nicht verstehen. Für eine archaische dunkle Materie, die uns dazu treibt, anzupeilen, was wir begehren. Diese Materie ist in Wenningers ausgezeichnet konstruiertem und getanztem Stück zum Frösteln deutlich spürbar. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 20. Dezember 2011)

  • Sehnen des Körpers unter den Schichten von Haut und Gewebe: Paul Wenningers neue Choreografie im Tanzquartier Wien.
    foto: paul wenninger

    Sehnen des Körpers unter den Schichten von Haut und Gewebe: Paul Wenningers neue Choreografie im Tanzquartier Wien.

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