Das Rohmaterial des Lebens

19. Dezember 2011, 17:20
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Eine Pariser Ausstellung zu Walter Benjamins Nachlass

"Spuren des Verschwindens" lautet eine Überschrift zu Beginn der Ausstellung, gemünzt auf Schwarz-Weiß-Fotos von russischen Spielzeugen, die Walter Benjamin (1892-1940) bei seinem Moskauer Aufenthalt gesammelt hatte. "Spuren des Verschwindens" wäre aber auch ein passendes Motto für die ganze Ausstellung im Jüdischen Museum in Paris, wo die intellektuelle Hinterlassenschaft eines der wichtigsten europäischen Denker im 20. Jahrhundert präsentiert wird.

Es ist bekannt, dass der deutsche Philosoph sein ganzes Archiv und noch einiges mehr der Nachwelt überlassen hat. Er sorgte selbst dafür, dass seine schriftlichen und anderen Spuren an (auch kriegs)sicheren Orten geschützt und aufbewahrt wurden.

Und Benjamin wahrte alles auf - von Telegrammumschlägen über Hebräisch-Schreibversuche und Anagramm-Experimente bis hin zu Zeitungsausschnitten. Die Ausstellung dokumentiert eine geradezu manische Sammelwut, einen Versuch, alles zu bewahren, zu fixieren, zu registrieren.

Dass alles systematisch geordnet sein musste, hatte zuerst einen praktischen Grund: Benjamin meinte selbst, ein Archiv bringe nichts, wenn nicht jedes Bestandteil produktiv verwendet werden könne - das heißt auffindbar sei. Aber der Berliner Philosoph, dessen großbürgerlicher Vater schon Kunst gesammelt hatte, verwandte auch große Sorgfalt auf das äußere Erscheinungsbild seiner Notizhefte, die er parallel, weil thematisch führte. Einband, Broschierung, Deckfarbe und auch das Papier wählte er mit Bedacht.

Am auffälligsten ist aber die Schrift, winzig klein oft, aber klar; fehler- und korrekturfrei. Sogar eng beschriebene Papierschnitzel weisen eine gewisse Eleganz auf, wie etwa jenes Sonett von der Größe eines Streichholzheftes.

Frappierend ist die Ästhetik des Rohmaterials, wenn man sie mit der Unvollendetheit des Benjamin-Werkes vergleicht. Das gilt auch für die kulturgeschichtlichen Überlegungen zu den Passages, den mit Glas bedeckten Ladenstraßen der Pariser Jahrhundertwende, die bei Benjamin Stückwerk geblieben sind. In einem Fragment meint er zu seiner Arbeit: "Wie es der Lumpensammler von Baudelaire es mit den Abfällen des Tages anstellt, sortiert der materialistische Historiker die verschmähten Objekte und Überreste der Geschichte."

Denkinhalte und Methodik

Die Pariser Ausstellung ist eine erweiterte Fassung der 2006 in Berlin gezeigten Schau Walter Benjamins Archive. Sie illustriert und erhellt nicht so sehr die Denkinhalte eines großen Kritikers, sondern dessen Denkprozesse. Und wie oft gibt der Blick in die Methodik mehr Aufschluss über die Person als das Werk selbst.

Bewahren, was zu entgleiten und verschwinden droht: Die Ausstellung in Paris legt, sei es beabsichtigt oder nicht, in erster Linie davon Zeugnis ab. All die unvollendeten, aber geordneten Schriftspuren berichten von einem Leben, das nie Halt fand und das ins (das innere wie äußere) Exil und die (materielle wie sentimentale) Misere führte. Von einem Leben, das unvollendet endete, "in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen, wo mich niemand kennt", wie Benjamin in seinem Abschiedsschreiben festhielt, bevor er an der - für ihn - gesperrten Grenze nach Spanien im Herbst 1940 eine Überdosis Morphium schluckte.

Nicht einmal sein Grab auf dem Friedhof von Port-Bou ist heute auffindbar. Wichtiger - und bezeichnender: Uns bleibt sein Archiv. (Stefan Brändle, DER STANDARD - Printausgabe, 20. Dezember 2011)

Musée d'art et d'histoire du Judaïsme, Paris. Bis 5. Februar 2012.

  • Inneres und äußeres Exil: Walter Benjamin.
    foto: arte

    Inneres und äußeres Exil: Walter Benjamin.

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