Betriebsausflug auf dünnen Operettenbeinchen

19. Dezember 2011, 17:11
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Videokünstler Philipp Stölzl inszeniert am Berliner Schillertheater Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt"

Das Ganze sieht ein wenig aus wie eine Salzburger Schnapsidee - wie eine jener Programm-Eingebungen, die dem Ex-Intendanten der Festspiele und jetzigen Chef der Berliner Staatsoper Unter den Linden, also Jürgen Flimm, beim Plausch in kleiner Runde zugeflogen sein könnte: Dem erfolgreichen Videoclipper Philipp Stölzl Offenbach anvertrauen? Er ist in Sachen Musiktheater durchaus talentiert. Und bei Ben Becker, den Jedermann-Tod, kann man gut auch an einen Offenbach-Pluto denken.

Dass Stölzl schon bei der Berliner Konkurrenz, an der Deutschen Oper, sein cineastisches Händchen mit Wagners Rienzi bewiesen hatte, mag Flimm, den Herrn über das Staatsopernprovisorium im Schillertheater, zusätzlich gereizt haben.

Doch das Schillertheater ist kein belebtes Bühnenhaus mehr, in dem man bekannten Mimen auch dann noch wohlwollend zuhört und -schaut, wenn sie so tun, als könnten sie einen Operettenklassiker wie Offenbachs Orpheus in der Unterwelt singend umsetzen. Hätte sich eine Schauspieltruppe dazu aufgeschwungen - subversiver Charme wäre möglich gewesen.

Pappflugzeug nach unten

Aber wenn eines der wichtigsten Opernhäuser mit dem gleichen Ziel aus der anderen Richtung musikalisch abrüstet, dann wird das schnell zu einer Kapitulation vor dem Genre Operette. Da helfen dann auch die putzigen Bilderbuch-Klappbühnenbildchen nichts, die sich unter den XXL-Euro-Paletten verbergen. Und: Ein Cancan, bei dem nicht die Beine fliegen, sondern durch bemalte Pappkameradinnen gesteckte Arme so tun als ob, das hat einen so begrenzten Verführungscharme wie ein Pappflugzeug auf dem Weg nach unten.

Bei dem, was über die Bühne geht, ist nur die Eurydice (Evelin Novak) vom Fach. Folglich hantelt sie sich mit Singstimme durch den gefühlt noch länger als die tatsächlichen zweieinhalb Stunden brutto währenden Abend. Musikalisch ist das Ganze in einer Bühnen-Combo-Magerfassung zu hören, bei der 14 Mitglieder von Staatskapelle und Orchesterakademie (durch acht Gäste an Schlagzeug, Saxofon, Banjo, Gitarre, Klavier und Keybord ergänzt) von Julien Salemkour in einem Bühnenkarton im Hintergrund geleitet werden. Schon dadurch fällt der Musikbeitrag (in der Fassung von Christoph Israel) noch dürftiger aus als die vokalen Beiträge der 17 Chordamen und das Krächzen zwischen Ben Beckers Unterwelt-Mephisto und Gustav Peter Wöhlers Knuddel-Jupiter, bei dem das Beste war, dass er sich kurz vor einem Dirk-Bach-Imitat gerade noch einkriegt.

Immerhin kommen Thomas Pigors wohlfeile Pointen-Knaller(chen) einigermaßen professionell gesprochen über die Rampe: im Falle der Öffentlichen Meinung bei Cornelius Obonya als eine Art Publikumsanmache zum Aufwärmen. Stefan Kurt jedenfalls profitiert als näselnde Witzfigur Orpheus erkennbar von seiner Dreigroschenoper-Erfahrung mit Robert Wilson am Berliner Ensemble. Und dass einer wie Hans-Michael Rehberg mit gewellter Haarpracht, Trauermiene und dünnen Strumpfhosenbeinchen unter den Hamlet-Puffhosen einen grandios von der Lethe-Sucht beduselten Styx hinlegt, versteht sich von selbst. Er sprechsingt denn auch schön traurig von seiner Zeit als Prinz von "Nord-Lappalien".

Es ist indes kein Trost dafür, dass sich die Opernrestmannschaft und ihre Gäste bei ihrem Betriebsausflug leider genau in dieses "Lappalien" verirrt haben. (Joachim Lange, DER STANDARD - Printausgabe, 20. Dezember 2011)

  • Ben Becker (als Pluto ) und Evelin Novak (als Euridice).
    foto: matthias baus

    Ben Becker (als Pluto ) und Evelin Novak (als Euridice).

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