Wenn Auswege zu Sackgassen werden

Bert Rebhandl
19. Dezember 2011, 17:04
  • Geister und andere Komplikationen: Kristen (Amber Heard) in "The Ward".
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    Geister und andere Komplikationen: Kristen (Amber Heard) in "The Ward".

Wahnsinn mit Methode: Nach längerer Pause beweist John Carpenter im Film "The Ward", dass er die Kunst der Horrorfilmregie nach wie vor bestens beherrscht

Wien - Das Besondere am Wahn ist, dass er mit niemandem zu teilen ist. Wer wahnsinnig ist, hält die eigene Welt für die einzig richtige, so lehrt es uns zumindest die Psychologie des Horrorkinos, das es uns gelegentlich erlaubt, in einen Wahn einzutreten, aus dem wir dann auf schreckliche Weise erlöst werden müssen. In John Carpenters The Ward ist die ganze Geschichte auf die Identifikationsfigur Kristen zugeschnitten, die zu Beginn in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird. Der Film spielt in Oregon in den Sechzigerjahren, das ist jene Periode, an der die amerikanische populäre Kultur im Moment besonders interessiert ist (nicht zufällig taucht hier aus der Serie Mad Men der Schauspieler Jared Harris auf).

Kristen hat ein Problem, das mitten in die Logik des Wahns führt: Sie ist die einzige Vernünftige in einem repressiven Zusammenhang, sie hat nur das Problem, dass niemand auf sie hören will.

Sie begreift sehr schnell, dass sie mit Argumenten nicht weit entkommt, deswegen versucht sie, die anderen Mädchen in ihrer Abteilung zu einem Ausbruch zu bewegen. Diese sind aber fürchterlich eingeschüchtert, weil sie von einem Geist verfolgt werden, der ihnen überall den Weg versperrt.

Kristen hat also eine doppelt komplizierte Aufgabe, sie muss einen Geist austreiben und zugleich die Insassinnen zu Sinnen bringen. Sie erledigt all das mit dem heldenhaften Mut, den im einschlägigen Genrekino die patenten Mädchen aufbringen, die am Ende übrigbleiben werden - aufgehoben entweder für ein Sequel oder für eine Pointe, die sich gewaschen hat.

Dass die Produktionsfirma den Namen des Regisseurs wie eine Trademark in den Filmtitel aufgenommen hat, macht im Falle von The Ward Sinn. Denn John Carpenter hat gleich eine ganze Reihe von Klassikern des schockierenden Kinos gemacht, von Halloween bis They Live. In den letzten Jahren war es aber eher still um ihn geworden, sodass The Ward so etwas wie ein Comeback darstellt.

Die Kunst liegt hier in der Ökonomie der erzählerischen Mittel. Denn eigentlich laufen fast schon zu viele Motive durcheinander: Weibliche Insassen (Female Convicts) wollen nach draußen (Prison-Break), werden dabei aber von einem unheimlichen Angreifer gejagt (Slasher-Movie) und können sich nie ganz sicher sein, ob sie sich das eine oder andere nur einbilden (Psychothriller).

Carpenter integriert das alles durch eine klassische Dramaturgie in der ersten Person Singular: Mit Kristen (gespielt von Amber Heard) sind wir auf Gedeih und Verderb in diesem Film drinnen, also in einer geschlossenen Anstalt, in der die Räumlichkeiten so konstruiert sind, jeden Ausweg in einer Sackgasse enden zu lassen. Die Spannung gewissermaßen aus dem Gebäude selbst entstehen zu lassen, die Oppression zu einem unüberwindlichen Zusammenhang aus Architektur und Projektion werden zu lassen, darin besteht in so einem Fall die Kunst der Horrorfilmregie, von der John Carpenter hier zeigt, dass er sie immer noch beherrscht - Wahnsinn mit Methode, fast wie in den besten alten Zeiten. (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 20. Dezember 2011)

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das problem bei carpenter ist wohl folgendes: die maßstäbe die er mit seinen frühen werken gesetzt hat, sind längst zum standard im modernen horror-kino geworden und wurden in den letzten jahrzehnten von unzähligen regisseuren mal gut, mal schlecht kopiert. selbst carpenter selbst hat sich ab mitte der 80er ja selbst kopiert..."prince of darkness" zb ist nichts anderes als ein horror-remake von "assault". trotzdem hat er (zurecht) den ruf einer ikone des horrorfilms, was sein spärlicher output in den letzten jahren natürlich noch gefördert hat. "the ward" ist nun also ein guter, routinierter film geworden, der wow-effekt ist aber natürlich nicht mehr da, weil wir das alles schon kennen und im prinzip von einem guten horrorfilm erwarten.

Wenn hier schon Hitlisten aufgestellt werden...

dann kommt für mich "Assault" ganz klar als erster (ein Western in Thrillerpelz, super-straight erzählt), dann "Halloween" (für die Kreation des ersten wirklichen Slashers) und dann "The Thing" und "Escape From New York" (obwohl bei Letzterem Russels Posing eher schwer zu ertragen war). Was Carpenter leider nicht konnte, war Ironie, daher sind für mich "They Live", "Big Trouble", "Escape From LA" u.ä. ziemlich gescheitert.

10.000 leute bewerten den film mit 5.6/10

das ist unterdurchschnittlich - und darum, und wenn man sich so die carpenter filme der letzten jahre anschaut, schau ich ihn mir auch nicht an... :)
obwooooohl... vielleicht wegen der hauptdarstellerin... ;)

Noch beunruhigender finde ich dabei, dass die maennlichen <18-jaehrigen den Film im Durchschnitt mit 7.3 bewertet haben, waehrend er von den >30-jaehrigen nur noch 5.5 bekommen hat... (-:

mit 5.6 meinte ich imdb...
http://www.imdb.com/title/tt1369706/

Amber Heard, hell yeah!

mies

ich bezweifle gerade den gleichen film gesehen zu haben wie hr. rebhandl.
carpenter ist am ende seiner kunst. 'ghosts of mars' war schon ein mehr als entwürdigendes filmereignis.
'the ward' wartet im gegensatz dazu zwar mit einigermassen interessanten charakteren und ideen auf, jedoch versagt carpenter für mich, diese dinge auch filmisch gut umzusetzen. spannung? grusel? nein...eher sich dazu zwingen sich auch noch die letzten 15 min anzuschauen um vielleicht doch noch eine positive überraschung zu erleben.
und auch der twist am ende wurde in anderen filmen weitaus besser und glaubwürdiger rübergebracht.
einziges highlight: amber heard

They live nicht gesehen? Tun sie es noch heute

meine persönliche JC Bestenliste :

Dark Star ,
Escape from NY,
The Thing,
They Live ,
Assault On Precinct Thirteen ,
The Fog,
Halloween,
Prince of Darkness,
und natürlich sein Elvis-Film mit Kurt Russel.

Der Rest ist allemal unterhaltsam.

Das ist eigentlich keine schlechte Ausbeute für einen Regiesseur, der nicht wirklich unmengen an Filmen machte,
der als Autor, Komponist und wasweisich auch gute Figur macht und immer im low budget bereich arbeitete.

Ich bewundere den Mann. Mögen die Kunstfreunde mich steinigen.

ich bin ein kunstfreund und steinige Sie nicht ;-)

Musik

Carpenter hat ja die Musik zu seinen filmen meist selber gemacht
minimal mit analogsynthies
aber die themen erzeugen schon von selbst gänsehaut
ohne bilder

der dumpfe synthie in assault (mit kraftwerkdrumbox)
das piano in
the fog und halloween

das hauptthema in escape

grosse kunst !

Eine Liste der Carpenter-Filme ohne "Big Trouble in Little China"? Shame on you ... ;)

Im Ernst, ich LIEBE Big Trouble. "This the first guy you plugged?" "Of course not". Nur "The Thing" ist mir von Carpenter noch lieber.

Seinen vielgescholtenen "Ghosts of mars" finde ich aber wirklich nicht so schlecht - im Kontext, dass es ein B-movie ist und sein will.

Zu "The Thing" übrigens gibt es aktuell ein Prequel, das nicht gar so furchtbar ist.

ich werde das wirklich noch heute tun :)
danke auch für die liste!

ich finde carpenter genial.

als jugendlicher hat er mich das schrecken gelehrt, wie nie jemand zuvor und danach. und dann irgendwann sah ich dark star (als ich begann kunstfreund zu werden ;-)) und war hin und weg. carpenter hat(te) eine unglaubliche bandbreite und ich habe ein bisschen angst, mir the ward anzusehen. ich mag nicht, dass mein einzementiertes bild von ihm erschüttert wird. er hat nämlich leider wirklich auch einiges an mist produziert. aber unterm strich: wenige regisseure haben mich so gefesselt.

Hey bomb?

Let there be light ........

Verdient am anfang der liste. ;)

arghh.

CHRISTINE vergessen.

Vampires mit James WOods.

Assault on precinct 13 war m. a. nach einer der besten !

Assault on precinct 13 war m. a. nach einer der besten !

Niedlich, wie sie ihr Röckchen da runterzupft.

Ich mag ja Retrofilme recht gern, auch Shutter Island war gut gemacht.

für einen schüleraufsatz recht brav, danke. aber jetzt würd ich gerne wieder was von einem richtigen journalisten lesen.

kann denn neuerdings im ressort film niemand mehr schreiben?

gut, solide und gutes ende

mir hat auch die musik gefallen (tanzszene im aufenthaltsraum)
http://www.youtube.com/watch?v=3OIGUXnE3rg

Carpenter funktioniert mit weniger Budget am besten.

Schade, dass er die Fortsetzung von Escape From New York so schändlich vergeigt hat, das hätte schon längst eine eigene Reihe/Serie verdient. (Nur dass Kurt Russell jetzt eindeutig zu alt dafür ist.)

der film ist für horrorfreaks eher weniger zu empfehlen. fand ihn nicht berauschend

stimme dem bei...

habe ihnen eher als ein blasses, vorhersehbares 0/8 15 Plastikkino in Erinnerung. Aber der Artikel ist sehr brav geschrieben :-)

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