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Wien - "Rettungswiderstand" nannte der mittlerweile 87-jährige deutsche Historiker polnischer Herkunft, Arno Lustiger, den von ihm herausgegebenen Sammelband über "die Judenretter in Europa während der NS-Zeit". Es waren ganz normale Bürger, Diplomaten, Geistliche oder sogar Wehrmachtssoldaten, die selbst unter Lebensgefahr Zivilcourage bewiesen. Auch in der Ostmark, also im heutigen Österreich, wurden Helfer aktiv. Etwa Kardinal Theodor Innitzer, dessen Haltung zum Nationalsozialismus indes bis heute umstritten ist.
"Ausnahme" Innitzer
Innitzer kommt wegen seiner - zumindest anfänglich - öffentlich geäußerten Sympathie für den "Anschluss" und den Führer in den Geschichtsbüchern nicht immer gut weg. Anders sieht ihn der 1924 in Polen geborene Arno Lustiger, jüdischer Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald und laut Medien "Deutschlands bekanntester Laienhistoriker". Zwar seien in der "österreichischen Kirche" damals "antisemitische Stereotypen" weit verbreitet gewesen, doch habe Innitzer "eine Ausnahme dargestellt". Als einer von wenigen Priestern hielt er "judenfreundliche Predigten" und stellte Taufbescheinigungen aus.
Seine "positive Haltung gegenüber den Juden" habe Innitzer schon als Rektor der Universität Wien Ende der 1920er Jahre gezeigt, heißt es in dem Buch: "An der Universität verhinderte Innitzer antisemitische Ausschreitungen, indem er drohte, die Universität zu schließen. Auch sei Innitzer seiner Linie treugeblieben: "Im Dezember 1940 richtete er die 'Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken' ein", schreibt Lustiger, "die Hunderten katholischen 'Nichtariern' zur Flucht ins Ausland verhalf."
Finanziert seien die Aktivitäten der Hilfsstelle von Innitzer privat und durch Spenden von kirchlichen Institutionen und Privatpersonen worden. Durch "Bettelbriefe" an den Papst und an Bischöfe in potenziellen Auswandererländern sei es Innitzer zudem gelungen, auch nach der Schließung seines Unterstützungsvereins rund 150 getaufte Juden ins Ausland zu vermitteln.
"Gerechte der Völker"
88 Österreicher wurden von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte der Völker" geehrt (Stand Jänner 2011). Das ist die höchste Ehrung, die das jüdische Volk ausschließlich Nichtjuden erteilt, wenn durch jüdische Zeugen nachgewiesen worden ist, dass sie unter dem Einsatz ihres Lebens Juden gerettet haben.
Ein "Gerechter" war auch der chinesische Generalkonsul in Wien, Ho Feng Shan, der gegen die Anweisungen seiner Vorgesetzten Emigrationszertifikate für Shanghai vergab. Insgesamt dürfte Ho, der viele Ausgaben auch aus eigener Tasche bestritt, laut Lustiger "Hunderten, wenn nicht Tausenden Menschen geholfen haben."
Geschichten wie diese gibt es viele in diesem Buch. Etwa die vom entflohenen KZ-Häftling, der in Häftlingskleidung an eine Tür klopfte, um Essen zu erbitten. Zu seinem Schrecken öffnete ein Wehrmachtsoffizier die Tür, doch der gab ihm ein Stück Brot und ließ ihn gehen. Der KZ-Flüchtling war Arno Lustiger selbst.
Sonderfall Albanien
Einen Sonderfall stellte das erst von Italien, dann von Deutschland besetzte Albanien dar: "Bei Kriegsende lebten mehr Juden auf albanischem Terrain als vor dem Krieg, jeder einzelne Jude in Albanien wurde gerettet, egal, ob er Albaner, Deutscher, Jugoslawe oder Grieche war", ist zu lesen. "Die Gründe für diesen Ausnahmefall sind vielfältig und reichen vom geringen Bevölkerungsanteil der Juden über deren hohes Maß an Integration und fehlende Registrierung (...) bis zur traditionellen Freundschaft der Albaner."
Manche Heldentaten waren gefährlich, die meisten verliefen indes unspektakulär. Alle verlangten aber Mut und manche hatten sogar einen amüsanten Charakter. Etwa jene des italienischen Radrennfahrers Gino Bartali, der zweimal die Tour de France und dreimal den Giro d'Italia gewann. Solche Erfolge erforderten hartes Training. Dass er dabei so nebenbei als Kurier einer illegalen Helferorganisation zwischen Rom und Florenz mit einer Tasche voller falscher Dokumente unterwegs war, musste ja nicht jeder wissen... (APA/red)
Publikation
Arno Lustiger.
Rettungswiderstand. Über die Judenretter in
Europa während der NS-Zeit.
Wallstein-Verlag, Göttingen 2011.
462 Seiten / 30,80
Euro.
ISBN: 978-3-8353-0990-6.
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