Finsternis in Russland

Blog | Rubina Möhring, 19. Dezember 2011, 13:30
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    Selbstdarstellung nach der Wahl: Putin im TV-Studio

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    Auf Russlands Straßen wird demonstriert.

Kein Ende von JournalistInnen-Morden in Sicht - 330 weitgehend ungeklärte Fälle - Putin zeigt erstmals Schwäche

Sonderlich kalt ist es dieser Tage in Moskau nicht, aber ungleich finster. Präsident Medwedew hat die Umstellung auf Winterzeit für entbehrlich erklärt, also wird es nun erst kurz vor zehn Uhr hell. Wann der Tag beginnt, erkennt man nur noch am heillosen Morgenverkehr. Klar, dass bei diesem täglichen Hin- und Zurückwahnsinn eine Smogglocke über der Stadt hängen muss. Doch selbst wenn dann endlich das Tageslicht durchdringt, fühlt man noch immer keine Helligkeit. Im Gegenteil.

Grell hingegen war das Fernsehlicht, in dem Ministerpräsident Putin sich vergangene Woche Stundenlang in einem überdimensionierten TV-Studio sonnte, sich präsentierte, sich verplapperte und blamierte. Vor einem Millionenpublikum zeigte Putin erstmals Schwäche.

Spott für Demonstranten

Im Eifer des Gefechts, sprich präsidialer Selbstdarstellung, spottete er peinlich über die Abertausende, die gegen Wahlbetrug auf die Straße gegangen waren. Die weißen Bänder, die diese als Zeichen des Protestes an den Revers trugen, hielt er für Kondome. Selbst wenn dies im Zuge nachträglicher Schadensbegrenzung als Zynismus interpretiert werden sollte, der Sager lief voll ins Leere. Sogar offiziöse, englischsprachigen Blätter berichteten darüber auf Seite 1. Finsternis nach dem Abschalten der Scheinwerfer.

Es brodelt in Russland, doch niemand weiß, wohin das Brodeln führt. Fest steht nur: Seit dem Ende der Sowjetunion vor exakt 20 Jahren wurden in Russland 330 JournalistInnen ermordet. Warum, weshalb, wieso ist in den meisten Fällen bis heute ungeklärt.

In Putins Russland nimmt das Morden an JournalistInnen kein Ende.

Am 15. Dezember - Präsident Medwedew weilte gerade beim EU-Parlament in Straßburg - wurde dieser ermordeten JournalistInnen mit einer feierlichen Zeremonie im traditionellen Moskauer Journalistenhaus gedacht - einem architektonischen Juwel aus vorsowjetischer Zeit. Am selben Tag wurde zwar nicht in Moskau, aber in Dagestan Chadschimurad Kamalow, der populäre Herausgeber einer kritischen Zeitung auf offener Straße vor seiner Redaktion ermordet. Vermutet wird ein Racheakt für kritische Berichterstattung über dortige Polizeimethoden.

Beruflicher Mord

In Moskau selbst wurden willkürlich der Chefredakteur Maxim Kowalski der liberalen Zeitung "Kommersant-Wlast" sowie der Leiter der Media-Holding "Kommersant", Andrej Galijew, vom Oligarchen-Inhaber gefeuert. Anlass war die Veröffentlichung eines Wahlzettel mit einem Putin-kritischen Kommentar. Nennen wir diese Personalentscheidung doch schlicht beruflichen Mord.

Ein zivilgesellschaftliches Beobachtungs-, ein neues Monitoring-System will deshalb künftig nicht nur "Todesfälle" sondern auch in ihrer Existenz bedrohte JournalistInnen wahrnehmen. Zumindest als Mahnung inmitten gesellschaftspolitischen Unrechts. Als kleiner, aber umso wichtiger Schritt in Richtung seriöser Rechtsstaatlichkeit.

Wenn hierzulande am 24. Dezember konsumbewusste Last-Minute-Weihnachtseinkaufsorgien im Gang sind, werden in Moskau voraussichtlich nicht schnöde Autos sondern Demonstrationen demokratiepolitisch aktiver Menschen den Verkehr zum Erlahmen bringen.

Solidarität am Tannenbaumtag

Wir schauen zu, gruseln uns vielleicht - "wow, sind die mutig" - und freuen uns, nicht dort zu leben sondern demokratiepolitisch und wirtschaftlich auf der Butterseite gelandet zu sein. Also für die Verteidigung unserer demokratiepolitischen Rechte nicht demonstrieren und deshalb Verhaftungen riskieren zu müssen. Das wird es dann unsererseits am Tannenbaumtag in Sachen Solidarität auch gewesen sein. Großartig.

Im EU-Nachbarland Ungarn exerziert derzeit eine demokratisch gewählte, autoritäre rechtsnationale Regierung durch, wie demokratische Werte im Nu gesetzlich entwertet werden können. Dort sind nun Intellektuelle für die Verteidigung von Presse- und Meinungsfreiheit in Hungerstreik getreten. Ein deutsches TV-Team, das den Streik drehen wollte, wurde amtlich daran gehindert. Unterstützen kann man die Streikenden über stargarten.wordpress.com/hungerstreik.

Kleiner Tipp für den Gabentisch

Dies als kleiner Tipp für den Gabentisch. Er kostet kein Geld, nur Wachheit. Budapest, die Hauptstadt unseres EU-Kompagnons, liegt übrigens näher bei Wien als Graz oder Salzburg.

Angesichts hiesiger Politikverdrossenheit bleibt zu hoffen, das unsere derzeit stabile Welt keine scheinbare ist und dass nicht auch wir eines Tages auf die Straße gehen müssen, um unsere demokratiepolitischen Selbstverständlichkeiten zu verteidigen.

Wie pflegt man hierzulande schon rund um zehn Uhr morgens herum zu sagen? Mahlzeit.
Ich wünsche köstliche Weihnachtbissen, die nicht im Halse stecken bleiben, und ein sattsam glückliches neues Jahr. Mit heller Sicht und ohne Finsternis.

Kommentar posten
13 Postings
papst benedikt
22
20.12.2011, 11:41

jelzin regime:
laut russischer journalistengewerkschaft 201 ermordete journalisten.
putin regime:
seit amtsantritt laut reporter ohne grenzen 15 morde.

soviel zur realität, frau möhring.


PS: wo übrigens sind ihre quellen? sie werden ja wohl nicht annehmen, dass ihnen irgendwer glaubt, nur weil sie es in eine zeitung schreiben. das taten journalisten von prawda und stürmer ja auch.

foxy herta
30
20.12.2011, 11:01
Kleiner Tipp für den Gabentisch....

Zeit wird es, daß hierzuland auch mal fundiert und kritisch über die Situation in Rußland berichtet wird, damit die Leute Bescheid wissen. Bis dato hielten sich die interessanten Artikel zum Thema hier sehr in Grenzen, also spare sich der Autor den moralischen Zeigefinger in Richtung Bürger...

Markus2001
01
20.12.2011, 10:53

Ich muss allerdings zugeben, so Putin-kritisch ich bin, nun auch die ENTLASSUNG eines Journalisten rhetorisch als eine Art "MORD" umzudeuten, ist vollkommen unseriös. Abgesehen davon passiert das im Westen sicher auch andauernd, dass Journalisten ENTLASSEN werden, weil sie nicht einer bestimmten ideologischen Linie entsprechend arbeiten wollen.

Markus2001
31
19.12.2011, 20:08

330 ermordete Journalisten ... dass es so viele sind, habe ich nicht gewusst ... das sollte all denen zu denken geben, die da alle Kritik an Putin als imperialistische Propaganda und dgl. abtun.

Warentester
25
19.12.2011, 22:01

Seit Ende der UDSSR. Der überwiegende Teil starb in den "wilden 90ern" unter Jelzin. Da hat man aber kaum was vernommen, weil Jelzin war ja super. Hat den Westen und seine Firmen schön ihre Interessen verfolgen lassen, auch wenn sie den russischen Interessen entgegenliefen.

Markus2001
31
20.12.2011, 06:23
Das "seit Ende der UDSSR" habe ich schon kapiert. Ich kann ja lesen. Woher sie aber haben, dass unter Jelzin der Großteil, ist mir wiederum schleierhaft.

Und es gibt keinen Grund, Putin zum antiimperialistischen Helden hochzustilisieren. Putin und der Westen haben sehr wohl auch sehr lange miteinander gut können. (Schröder: "P. ist ein lupenreiner Demokrat.") Es hat sehr lange gedauert, bis der Westen kapiert hat, was das für einer ist, dazu hat es die Ermordung Litwinenkos in Großbritannien, die Anna Politkowskajas u. v. a. gebraucht.
Ich bin froh, dass der Westen endlich aufgehört hat, sich an Putin ranzuschleimen und alles schönzureden und zu entschuldigen, wie das lange Jahre üblich war.

hiesiger Greis
41
19.12.2011, 17:26

Russland ist ein furchtbares Land und Putin sitzt ja jetzt im kalten Winter hinter denselben meterdicken Kremlmauern, hinter denen sich vor nicht allzu langer Zeit noch die Mitglieder der Zarenfamilie gegenseitig ermordet haben. Und dann kam der Kommunismus. Stalin war so gefürchtet, als er starb, traute sich von seinen engsten Vertrauten tagelang niemand nachschauen gehen, was mit ihm ist. Und dann haben sie noch den Breschnew mit dem steinernen Gesicht eingesetzt usw..... Wenn Putin heute ein paar umbringen lässt, ist er immer noch viel freundlicher als die damals waren.

Red Core
53
19.12.2011, 20:01

glauben sie mir der westen und die amerikaner sind nicht besser die sind sogar noch schlimmer töten nicht nur ihre eigenen leute sondern vernichten völker in dem sie ihre länder angreifen.journalisten morde gibts genug hier auch im westen und drüben in den USA genauso glauben sie mir.die wahren üblen leute gibt es nur hier im westen.

Standard Leser4
 
31
20.12.2011, 11:44
Sie sind immer fuer einen Lacher gut.....

Ihr Idol Putin ist im System gefangen, er kann gar nicht aufhoeren und die Macht an einem Nachfolger abgeben.
Sonst ergeht es im so wie "Julia" in der Ukraine.
Und d ist nicht der einzige Unterschied zum sogenannten boehsen "Westen" !

foxy herta
11
20.12.2011, 10:56

nein, ihnen glaubt niemand was....

Dani B.
11
20.12.2011, 09:38

"glauben sie mir..."

Markus2001
02
20.12.2011, 06:24

Welche Journalisten wurden wann und wo von den USA im eigenen Land ermordet?

hiesiger Greis
30
19.12.2011, 23:24

naja, die im Westen.... der Machtapparat in Washington ist auch furchterregend, aber in Russland haben sie das Geld abgeschafft und eine zentralistische Zwangswirtschaft errichtet, jeder, dem etwas nicht paßte, wurde nach Sibirien geschickt in den Gulag und damit haben sie die ganze Welt bedroht, bis sie beinahe verhungert und erfroren wären. Dagegen war der Hitler eine rasch vorübergehende Episode, die bald vergessen war. Aber in Russland wollte man auch von einem Tag auf den anderen den Kommunismus vergessen machen, aber die Diktatur ist noch da.

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