"Es gibt auch außerhalb von Tirol Berge"

Interview | Thomas Rottenberg, 20. Dezember 2011, 12:01

Karel Kriz, einer der Autoren des Guides "Skitouren Wiener Hausberge", spricht über die Vielfalt des östlichen Alpenrandes und öffentliche Geheimtipps

derStandard.at: Tourenliteratur gibt es zu Hauf - und alle wollen hoch hinaus. Passt da der Ostrand der Alpen überhaupt ins Trend-Bild?

Karel Kriz: Unser Ziel ist, die Vielfalt und Schönheit dieser Region einer breiten Usergruppe näher zu bringen. Am östlichen Alpenrand erstreckt sich ein faszinierendes Skitourengebiet, das in seinem Abwechslungsreichtum und in seiner Vielfalt im Alpenraum einzigartig ist. Und da die Anzahl der SkitourengeherInnen auch zwischen Wien, Linz und Graz von Jahr zu Jahr steigt, beschreiben wir 175 Skitouren in 15 Regionen - und setzen neue Maßstäbe in der Alpinliteratur: Die klassischen Inhalte eines Tourenführers als Buch mit den Mitteln eines Internet‐Portals. Das ermöglicht eine individuelle Handhabung für eine nachhaltige, professionelle Tourenplanung. Sämtliche Touren werden mit umfangreichen 2D und 3D Karten, Hangneigungskarten, Orthofotos, GPS‐Tracks, etc. komplettiert. Darüber hinaus sind die Inhalte in einer mobilen Version - für Handy und Smartphone - verfügbar, um einen schnellen Zugriff "am Berg" zu ermöglichen.

derStandard.at: Die Leute, mit denen ich auf Tour gehe, sind meist "kernige" Alpenhauptkammtalbewohner. Bei "Wiener Hausberge" lächeln die mitleidig.

Csaba Szepfalusi: Die Wiener Hausberge haben mehr zu bieten, als man glaubt: Klassiker für alle Könnerstufen, Lighttouren für Einsteiger, Genusstouren für Feinschmecker, Landschaftsorientierte Panoramatouren, Abfahrtsorientierte Powdertouren mit Steilrinnen für Spezialisten. Und sogar Abenteuertouren mit Klettereinlagen und Abseilstellen.

Das sind zum Teil noch Geheimtipps. Vieles wird hier erstmalig veröffentlicht. Zum Teil auch mit Tipps für Zweitagestouren oder Überschreitungen, die "Hautes Routes". Skitourengeher (sollen) wissen, dass es auch außerhalb von Tirol Berge gibt! Und die Touren können genauso steil und lang sein.

derStandard.at: Wie kam es zu diesem Guide? 

Karel Kriz: Die schneeweiße Winterlandschaft vom Wienerwald bis zum Hochschwab hat es uns angetan. Unsere Hausberge sind in griffweite und erlauben es uns, über den gesamten Winter Skitouren ohne großen Reiseaufwand zu unternehmen. Hier kennen wir uns gut aus und können unbeschwerter an die Sache herangehen, weil wir eine innere Sicherheit verspüren, die anderswo in fremden Gegenden nicht zum Tragen kommt.

derStandard.at: Backcountryguides sind wie Gastronomieführer: Sie lenken Massen. Wenn ich in einem Powderguide "Secret" oder "Sweetspot" lese, weiß ich, dass dort ab jetzt ein Almauftrieb herrscht. Ein Autor eines bekannten Freeride‐Guides sagte mir im Vorjahr, dass er die schönsten Plätze und Rides nicht mehr nennt. Wie halten Sie es mit "Geheimtipps"? 

Csaba Szepfalusi: Der Begriff "Geheimtipp" ist Nonsens: Geheimnisse soll man für sich behalten. Andererseits zeigt die Praxis, dass sich der gefürchtete Almauftrieb auf einige wenige Ziele konzentriert (z.B. Annaberg/ Tirolerkogel, Schneeberg‐Wurzengraben, Stuhleck, Blahstein, Veitsch‐Schaller, Frein/ Mürz), und er anderswo selbst am Wochenende erträglich ist.

derStandard.at: Der Zug ins Gelände ist ein Trend, stört aber Jäger und Förster. Wie gehen Sie damit um ‐ in "ihrem" Einzugsgebiet leben ja weit mehr Menschen, als in irgendwelchen hinteren Tälern.

Karel Kriz: Das oberste Gebot heißt, respektiere Mensch, Tier und Natur. Dazu verweisen wir auf Besonderheiten wie Jungwald, Aufforstungen, Fütterungsstellen oder Privatbesitz - und auf die Verhaltensstandards von Alpenverein und anderen Organisationen.

derStandard.at: Masse bringt nicht immer Klasse. Was die Natur bei wenigen Leuten locker wegsteckt, wird zum Problem, wenn es viele tun.

Csaba Szepfalusi: Ja, das ist ein Thema. Wir haben deshalb Infos aufbereitet. Etwa Tipps zur CO2 ‐ bewussten Anreise, Tipps für Pistentouren oder die Grundlagen zum Respekt von Wald und Wild des OeAV.

derStandard.at: Im hochalpinen Raum ist der Anblick der Berge respekteinflößend. "Wiener Hausberge" klingt nach Spaziergang ‐ wie halten Sie es persönlich mit Sicherheitsausrüstung, LVS‐Checks und Sicherheitstraining?

Karel Kriz: "Wiener Hausberge" klingt nur beim ersten Mal "wienerwaldlike". Tatsächlich reicht das Gebiet bis zum Hochschwab, da geht's schon ziemlich hochalpin zu. Lawinen gibt's auch in den Voralpen. Der NÖ Lawinenwarndienst wurde zwar erst vor einigen Jahren eingerichtet, aber Anlass war ein Lawinentoter am Tirolerkogel. Auf ca. 1.300 Metern Höhe! Mit Sicherheit ist nicht zu spaßen. Eine up‐to‐date Sicherheitsausrüstung sowie ein solides Sicherheitstraining sind das 1x1. Ich schnalle mich ja auch im Auto immer an, egal, ob ich um den Häuserblock oder nach Innsbruck fahre.

derStandard.at: Ich habe auf meinem iPhone mittlerweile zahlreiche Offpiste‐Apps. Was ist an ihrem Tool das Besondere?

Csaba Szepfalusi: Gadgets gibt es viele. Und viele sind auch recht nett. Aber versuch einmal, bei ‐10°C, Schneetreiben und 40 km/h Wind ein iPhone zu bedienen. Das kombinierte Tool‐ Angebot sehen wir dagegen als Schlüssel zum Erfolg: Einstimmung und grobe Planung per Buch, dann Detailanalyse und Vorbereitung via Online‐Zugang, dann Karten und Information ausdrucken - und eventuell auf GPS-Geräte und Smartphone überspielen. Für den Notfall.

derStandard.at: Keinen Handyempfang zu haben, ist im Backcountry nichts Außergewöhnliches. Wiegen sich nicht viele Tourengeher mit solchen Tools in falscher Sicherheit?

Karel Kriz: Man kann zwar im Vorfeld wichtige Infos lokal runterladen - aber das tut in Wahrheit niemand: Smartphones "on tour" sind Spielzeuge. Nette Gadgets, die im Ernstfall nicht zuverlässig sind. Da gibt es etliche Fehlerquellen: Batterie, Empfang, Display, Kälte, Handhabung, Touchscreen. Zielführender sind echte GPS‐Geräte mit Kartenanbindung. Man muss aber vor allem wissen, wie man mit GPS und Karten umgeht. Wir entwickeln gerade für Smartphones und GPS‐Geräte eine professionelle Anbindung, die in dieser Saison als Beta‐Version zur Verfügung gestellt wird.

Aber es stimmt: viele Tourengeher glauben, mit ihrem GPS und/oder Smartphone alles im Griff zu haben. Die Technik‐Abhängigkeit steigt und die Sicherheit, die auf dem Eigenkönnen basiert, geht zunehmend verloren.

derStandard.at: Kann ein Tourenguide wie ein Kochrezept funktionieren - und eigene Planung ersetzen?

Csaba Szepfalusi: Natürlich nicht! Wir wollen und können nur einen Beitrag leisten. Nicht mehr und nicht weniger. Die eigenverantwortliche Letztentscheidung bei der Planung und auf Tour müssen wir aber den Usern überlassen. Das betrachten wir als einen wichtigen Aspekt der Freiheit am Berg.

Hochalmspitze
00
23.12.2011, 19:47

die Breite Ries am Schneeberg kann locker einen Vergleich mit vielen westösterreichischen Touren standhalten :)

Darius Minor
01
21.12.2011, 11:48
Karel Kriz

ist ein Geograph/Kartograph reinsten Wassers, wenn ich mich nicht irre ... da darf man (trotz des etwas bemueht-saloppen Jargons des Interviews) einiges an ernstzunehmendem Inhalt erhoffen.

the_great_cornholio
03
20.12.2011, 19:12

schone grusse aus den ukrajinischen karpaten! hier gibt es auch wunderschone berge, im moment knapp nen halben meter neuschnee, u va absolut niemand (ausser mir), der ausserhalb der kleinen schigebiete unterwegs ist; war gestern erst auf der blyznycja 1883m, bericht folgt, sobald ich wieder in wien bin, auf http://hikr.org GLG :-)

G. B. Corner
21
20.12.2011, 14:24
Seltsamer Naturbegriff

Zitat: "Das oberste Gebot heißt, respektiere Mensch, Tier und Natur. Dazu verweisen wir auf Besonderheiten wie Jungwald, Aufforstungen, Fütterungsstellen oder Privatbesitz ..."

Wer der Meinung ist, dass das "natürliche" Winterleben eines Rehs oder Hirsches daraus besteht, ungestört neben seiner gut gefüllten Futterstelle zu mampfen, der hat einen ziemlich gestörten Naturbegriff. Man muss die Vicher ja nicht absichtlich stören, aber das sind Fluchttiere und von Natur aus auf rasches Davonlaufen eingestellt.

der böse joko
01
21.12.2011, 09:37
?????

_Natürlich_ ist das Winterleben von Hirschen und Rehen sehr ruhig. Die Natur verschenkt nichts. Jeden Tag drohen im Winter Kälte und Schneefall. Jedes Äsen bedeutet nur, Hunger- oder Erschöpfungstod ein paar Tage hinauszuschieben. Hirsche und Rehe haben bei uns keine natürlichen Feinde. Jede Panikflucht vor Tourengehern ist verbunden mit Herzrasen und Energieverschwendung. Immer wieder verenden Tiere an Kreislaufschwäche oder Herzinfarkt, weil sie im Winter aufgeschreckt werden. Und das Problem wird immer größer wegen der Zunahme der Tourengehermassen.

shifting baseline
00
20.12.2011, 21:19
die fluchttiere

ohne in die problematik um wild und jagd näher einzugehen möchte ich dazu eines loswerden:
die erwähnten vicher sind unzweifelhaft auf flucht programmiert, passiert das allerdings zu häufig, gibts tote...
deshalb macht es sinn, routentreu zu bleiben, denn darauf kann sich wild einstellen.

G. B. Corner
00
20.12.2011, 21:34

Ja, wie gesagt, man muss ja nicht absichtlich reinfahren aber man braucht auch kein schlechtes Gewissen haben wenn man einmal ein paar aufschreckt.

Derpeitschenpeter
00
20.12.2011, 12:16

Thema Skitouren und am Bild ein Schneeschuh. Wie ist das eigentlich? Bekriegen sich diese beiden Spezies immer noch bis aufs Blut?

Pogled
04
20.12.2011, 12:34

Ja
Verwende beides und leide seither unter Schizophrenie.

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