Seit in diesem Blog berichtet wurde, dass über die Wiener Dombuchhandlung (33 Prozent im kirchlichen Besitz) entgegen der kirchlichen Doktrin ("schwere Verfehlung", "Quelle unerlaubten Profits") Pornos bezogen werden können, gibt es nur eine kleine Veränderung: Die Zahl der Titel unter dem Stichwort „Sadomaso" ist von 28 auf 27 gesunken. (Hoffentlich haben nicht meine Zeilen zum Ausverkauf eines Titels beigetragen). Seitens der Erzdiözese herrscht Sendepause.
Diese kleine Schönporn-Affäre (den Begriff „Schönporn" steuerte Poster van Braun bei) hat einen spannenden kirchenpolitischen Nebenaspekt:
Gegen den deutschen Weltbildverlag machte wegen des Sortiments die auch in Österreich sehr rührige Internetplattform kath.net mobil, eine stramme katholische Community. Ideologisch entspricht sie der Linie des verhinderten Weihbischof Gerhard Maria Wagner. Bischof Laun ist dort regelmäßiger „Klartext"-Schreiber. Einer ihrer Vertreter, Christof T. Zellenberg, trat erst kürzlich in der ORF-Sendung "Im Zentrum" auf, um der Pfarrer-Initiative schroff die Katholizität abzusprechen.
Spannend dabei: In einem Kommentar (15. November) wurde nicht nur heftig kritisiert, sondern auch eine Reihe von einschlägige Titel aufgezählt. Die meisten davon sind auch in Wien beziehbar. Doch zur Kirche in Wien schweigt kath.net.
Betreffend Deutschland kam man damals zum Schluss: "Diese Ignoranz werden die Bischöfe sich nicht länger leisten können. Spätestens seit der Ermahnung durch Benedikt XVI. ist das halbseidene Milliardengeschäft Chefsache geworden." Tatsächlich hatte der Papst in einer Ansprache an den deutschen Botschafter seinen Bischöfen ausrichten lassen, dass Handlungsbedarf besteht (nebenbei ein etwas eigentümlicher Kommunikationsvorgang, wenn eine Aufforderung an die Landeskirche über den staatlichen Botschafter erfolgt). Und kath.net sollte Recht behalt. Mittlerweile wurde ja, wie berichtet, der kirchliche Rückzug aus dem Weltbildverlag bekannt gegeben.
Bendedikt XVI. sagte übrigens wörtlich: „Hier ist es an der Zeit, Prostitution wie auch die weite Verbreitung von Material erotischen oder pornographischen Inhalts, gerade auch über das Internet, energisch einzuschränken. Der Heilige Stuhl wird darauf achten, dass der notwendige Einsatz gegenüber diesen Missständen seitens der katholischen Kirche in Deutschland entschiedener und deutlicher erfolgt."
Nimmt man das ernst, ist nicht erst der Verkauf ein Problem, sondern schon die Aufrufbarkeit der Titelfotos mit ihren Werbetexten auf einer Homepage, wie das bei dombuchhandlung.at der Fall ist.
Der kath.net Kampf reicht schon bis 2005 zurück und zählt 63 Einträge. Dabei gerieten nicht nur über Pornografie im eigentliche Sinn ins Fadenkreuz der Kritik, sondern schon die Verbreitung der Zeitschrift "Bravo", aber auch Titel ohne Fleischbeschau, wenn sie aus kirchlicher Sicht, besser aus kath.net Sicht fragwürdig sind, wie Dan Browns „Das Sakrileg".
Bleibt die Frage: Was läuft da im Hintergrund, dass sich eine so eifernde Gruppe in Wien einfach ruhigstellen lässt? Es gilt die Unschuldsvermutung.
PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 19.12.2011)
Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996
Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der
Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit
2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die
kleinere Sünde" (Czernin-Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.