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Ich verstehe überhaupt nicht, warum sich liebwerteste Gichtlinge über das Esoterik-Geschwurbel der Berliner Piraten-Fraktionsgeschäftsführerin Daniela Scherler so aufregen. Sie befindet sich in bester Gesellschaft. Auch große Unternehmen pflegen ein skurriles Netzwerk mit Beratern, Managementgurus, Esoterikern, Wirtschaftsastrologen, Trainern und Agenturen: So gibt es Personalabteilungen, die neue Mitarbeiter über grafologische Gutachten auswählen und die Entwicklung von Führungskräften über Schamanen vorantreiben. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Kreativitätsseminaren gelernt werden. Manager stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor: "Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great." Gestresste Führungskräfte, die am Burnout-Syndrom leiden, ergehen sich in albernen Rollenspielen oder ruinieren ihr schwarz-graues Outfit durch unkoordiniertes Gefummel mit Knetmasse. Da fehlt dann nur noch das kollektive Einüben der Hechelatmung zwecks Unterstützung kreativer Presswehen in holistischen Trauma-Bewältigungs-Workshops. Und selbst im Tempel der Wissenschaften regieren nicht nur Prinzipien der Ratio und Vernunft. An einer hessischen Universität mit dem „Fachgebiet biologisch-dynamische Landwirtschaft" prägt der ideologische Überbau des Anthroposophen Rudolf Steiner den Arbeitsalltag der Forscher.
Rindermist mit astralischen Kräften
Auf Grundlage seiner Lehren bemüht man sich, die landwirtschaftliche Praxis mit dem zu "verbinden, was für unsere normalen fünf Sinne verborgen ist". Entsprechend sind die Lehrinhalte und Forschungsprojekte ausgewählt worden. Sie widmen sich dem "Unsichtbaren": Es geht um die "Mondrhythmen im Pflanzenwachstum", eine Doktorandin forscht über Lebens- und Ätherkräfte genannt und ergötzt sich an den übersinnlichen Methoden eines gewissen Herrn Dorian Schmidt. Über diesen anthroposophischen Methodenlehrer erfährt man in einem Essay zum Thema „Biogas" in der Zeitschrift "Lebendige Erde" (4/2006), er habe "mit übersinnlichen Erkenntnismethoden" gezeigt, "dass die astralischen Kräfte des Rindermistes bei der Vergärung aus dem Mist heraus getrieben werden". Zur "biologisch-dynamischen Landwirtschaft" nach Steiner zählt auch das Vergraben von Kuhhörnern im Acker bei Vollmond.
Die obskuren Vorstellungen für die Agrarwirtschaft sind eingebettet in ein nicht minder sonderliches Weltbild. Danach vollzog sich die Menschheitsentwicklung nacheinander auf sieben "Planeten". Laut Steiner gab es keine Evolution. Vielmehr bildeten sich irgendwann "Lemurier" und "Atlantier" heraus, und aus Letztgenannten die "Arier", zu denen der selbst ernannte Meister sich selbst und die kultivierten Westeuropäer zählte - nicht aber die "verkümmerten Menschen", deren Nachkommen heute noch als sogenannte wilde Völker gewisse Teile der Welt bewohnen.
Thomas Mann und das teleplastische Zipfel-Taschentuch
Und auch der aufgeklärte Großschriftsteller Thomas Mann stand im Bann okkultistischer Lehren und war beeindruckt von der "teleplastischen Morphogenese".
Er besuchte in den 20er-Jahren über einen Zeitraum von vier Jahren regelmäßig die Séancen des Geisterbarons Schrenck-Notzing in München und hat sich bis zu seinem Lebensende nie von diesem Spiritismus-Zirkus distanziert, so Germanistik-Professor Manfred Dierks auf einer Veranstaltung der Thomas-Mann-Gesellschaft in Bonn.
"Im Rotlicht des Sitzungssalons schwebte ein Leuchtring auf und ab. Immerhin ohne jede Menschenhilfe. Eine Tischglocke einsam und allein auf einem Tischchen läutete sich selbst. Und eine frisch erschaffene Materie, ein Plasma, stieg vom Körper des Mediums auf und erreichte als Nebel die Zimmerdecke. Dann gab es eine Verzögerung. Medium Willi hatte sich jetzt eine anspruchsvollere Leistung vorgenommen und nahm dazu einen längeren Anlauf. Es war eher eine Geburt. Etwas wollte heraus. Willi stieß seinen Körper hin und her, presste und stöhnte. Lustvoll erlitt er den Gebär- und Geschlechtsakt in einem. Thomas Mann hatte sogar von Samenergüssen Willis gehört. Aber was dabei herauskam, als es schließlich geschah, war es denn die Qualen wert?", fragt sich Dierks, Autor des Buches "Thomas Manns Geisterbaron: Leben und Werk des Freiherrn Albert von Schrenck-Notzing", das im nächsten Jahr erscheint.
In der Regel entsprang der Materialisation schlichtweg ein Taschentuch. Mehr passierte nicht. Den Höhepunkt erreichten die spiritistischen Sitzungen, wenn das Objekt mit Zipfelchen in der Luft schwebte und das Auditorium von der wissenschaftlichen Beweisführung der teleplastischen Morphogenese überzeugt wurde. An der okkulten Echtheit der Phänomene wollte Thomas Mann 1923 nicht zweifeln, obwohl fast alle Star-Medien, die im Münchner Salon auftraten, als Betrüger entlarvt und juristisch belangt wurden: "Ich bin überzeugt, dass eine spätere Wissenschaft es denjenigen Dank wissen wird, die in unseren Tagen den Mut oder die Unbefangenheit hatten, ihren Sinnen zu trauen." Insofern sollte die Esoterik-Leere von Daniela Scherler etwas ernster genommen werden.
Denn: "Der Dumme glaubt neue Wahrheiten hervorzubringen, indem er wirre Ideen vereinigt." (Dávila) Beste Voraussetzungen, um mit den Scherler-Vertiefungsseminaren "Lebe Deine Macht!" auch parteipolitisch zu punkten. (Gunnar Sohn, derStandard.at, 19.12.2011)
Autor
Gunnar Sohn, The European, Der Wirtschaftspublizist und Medienberater ist Chefredakteur des Onlinemagazins NeueNachricht.
Dazu sage ich nur:
http://1.bp.blogspot.com/-4utcoEEL... 472933.png
Man sollte da ganz genau unterscheiden, was Ziellose Scharlatanerie isr und was tatsächlich, auch wenn der Weg noch so abstrus ist einen realen Nutzen hat.
Natürlich sollte sich niemand wundern, der mit Dingen wie Spiritualität und "Übersinnlichem" experimentiert selbst ein Opfer von Glauben und Irrationalität zu werden. Wie einfach Menschen auf diese Weise zu beeinflussen sind, sieht man an der generellen Anhänglichkeit an Religionen, die bis zu Wahnvorstellungen und selektivem Realitätsverlust führen kann.
"(...) Trotz fehlender wissenschaftlicher Evidenz haben "positive Psychologie" und Glücksforschung inzwischen sogar die Universitäten erobert. Doch nirgendwo ist das Ausblenden der Realität stärker verbreitet als in der Wirtschaft: Die Weigerung, negative Entwicklungen überhaupt ins Auge zu fassen, hat, so Ehrenreich, wesentlich zum jüngsten Crash beigetragen."
(Auszug Klappentext: Barbara Ehrenreich, Smile or die, Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt, München 2010)
Rezension:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/sm... e-1.995130
Vor rund hundert Jahren verwendete man noch differenziertere Begriffe, wie Spiritismus, Magie, Astrologie. Und es wurde nicht alles Unerklärliche in einen Topf geworfen. Heute macht man dies, aus marketinggründen und weil die potenziellen Kunden nicht überfordert werden sollten.
Aber Fakt ist, daß unsere westl. Gesellschaft seelisch verarmt, und zwar extrem. Der wissenschaftliche Fortschritt führt unweigerlich in eine Sackgasse, wenn wir parallel dazu seelisch und moralisch degradieren.
Einige der im Artikel genannten "Theorien" sind es wert wissenschaftlich untersucht zu werden! Nur traut sich da kein Forscher heran, weil man Angst hat, sein Ansehen in der Fachwelt, die großteils atheistisch ist, zu verlieren.
die federal reserve bank studiert den einfluß der sonnenaktivität auf das verhalten von börsenkurse und das menschliche bewußtsein - hier die studie:
http://www.frbatlanta.org/filelegac... p0305b.pdf
aber jene die dieses feld seit langem erforschen gelten bei uns dann als spinner, und tauchen auf esowatch und anderen quellen der fehlinformation auf, zb. dieter broers.
Methode: Alles miteinander vermischen. Offenkundig unterschiedlichste Phänomene und unterschiedlichste Haltungen von Esoterikern bis Nicht-Mainstream-konservativen Wissenschaftern in einen Topf werfen und willkürlich beurteilen und mit Anekdoten auffetten.
Als Gegner von Aufklärung sind derlei Autoren - möchte ich Ihnen, Herr Gunnar Sohn, ins Stammbuch schreiben - mindestens ebenso ernst zu nehmen, wie manche der kritisierten Esoteriker.
auf das Verhalten diverser Tierarten ist gut erforscht - mit anderen Worten, manche orientieren sich am Mond. Wie es mit der diesbezüglichen Erforschung von Pflanzen aussieht, weiß ich nicht. Beim Menschen kenne ich eigentlich auch nur Mythen, weiß nicht ob oder was davon objektiv nachgeprüft ist. Aber rein aus der Tatsache dass irgendwo Mondzyklen beteiligt sein sollen würde ich noch nicht auf Irrtum schliessen.
Davon abgesehen, in den Fein- und Grobheiten der sozialen Welt kann so ein Sprücheklopfen mit Händchenhalten womöglich schon etwas verändern. Und sei es nur dass die nachher meinen etwas gemeinsam zu haben und deshalb ein bisschen offener als vorher miteinander reden. Und dann wäre es ja schon wirksam gewesen.
Da könnte man eine www.atheistische-religionsgesellschaft.at ja geradezu als aufgeklärt bezeichnen (und kostenlos ist sie außerdem).
Wo Geld verlangt wird ist zumindest schon mal Vorsicht geboten, auch wenn Elisabeth Gehrer einmal meint: "Was nichts kostet ist nichts wert".
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