Just great!

Gastkommentar | 19. Dezember 2011, 09:34

Wer glaubt, Esoterik sei lediglich der letzte Strohhalm vereinsamter Menschen, irrt. Ob Unternehmen oder Universitäten: Die Hoffnung auf das Überirdische zieht Menschen in ihren Bann - da hilft es auch nicht, Thomas Mann zu heißen - Von Gunnar Sohn

Ich verstehe überhaupt nicht, warum sich liebwerteste Gichtlinge über das Esoterik-Geschwurbel der Berliner Piraten-Fraktionsgeschäftsführerin Daniela Scherler so aufregen. Sie befindet sich in bester Gesellschaft. Auch große Unternehmen pflegen ein skurriles Netzwerk mit Beratern, Managementgurus, Esoterikern, Wirtschaftsastrologen, Trainern und Agenturen: So gibt es Personalabteilungen, die neue Mitarbeiter über grafologische Gutachten auswählen und die Entwicklung von Führungskräften über Schamanen vorantreiben. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Kreativitätsseminaren gelernt werden. Manager stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor: "Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great." Gestresste Führungskräfte, die am Burnout-Syndrom leiden, ergehen sich in albernen Rollenspielen oder ruinieren ihr schwarz-graues Outfit durch unkoordiniertes Gefummel mit Knetmasse. Da fehlt dann nur noch das kollektive Einüben der Hechelatmung zwecks Unterstützung kreativer Presswehen in holistischen Trauma-Bewältigungs-Workshops. Und selbst im Tempel der Wissenschaften regieren nicht nur Prinzipien der Ratio und Vernunft. An einer hessischen Universität mit dem „Fachgebiet biologisch-dynamische Landwirtschaft" prägt der ideologische Überbau des Anthroposophen Rudolf Steiner den Arbeitsalltag der Forscher.

Rindermist mit astralischen Kräften

Auf Grundlage seiner Lehren bemüht man sich, die landwirtschaftliche Praxis mit dem zu "verbinden, was für unsere normalen fünf Sinne verborgen ist". Entsprechend sind die Lehrinhalte und Forschungsprojekte ausgewählt worden. Sie widmen sich dem "Unsichtbaren": Es geht um die "Mondrhythmen im Pflanzenwachstum", eine Doktorandin forscht über Lebens- und Ätherkräfte genannt und ergötzt sich an den übersinnlichen Methoden eines gewissen Herrn Dorian Schmidt. Über diesen anthroposophischen Methodenlehrer erfährt man in einem Essay zum Thema „Biogas" in der Zeitschrift "Lebendige Erde" (4/2006), er habe "mit übersinnlichen Erkenntnismethoden" gezeigt, "dass die astralischen Kräfte des Rindermistes bei der Vergärung aus dem Mist heraus getrieben werden". Zur "biologisch-dynamischen Landwirtschaft" nach Steiner zählt auch das Vergraben von Kuhhörnern im Acker bei Vollmond.

Die obskuren Vorstellungen für die Agrarwirtschaft sind eingebettet in ein nicht minder sonderliches Weltbild. Danach vollzog sich die Menschheitsentwicklung nacheinander auf sieben "Planeten". Laut Steiner gab es keine Evolution. Vielmehr bildeten sich irgendwann "Lemurier" und "Atlantier" heraus, und aus Letztgenannten die "Arier", zu denen der selbst ernannte Meister sich selbst und die kultivierten Westeuropäer zählte - nicht aber die "verkümmerten Menschen", deren Nachkommen heute noch als sogenannte wilde Völker gewisse Teile der Welt bewohnen.

Thomas Mann und das teleplastische Zipfel-Taschentuch

Und auch der aufgeklärte Großschriftsteller Thomas Mann stand im Bann okkultistischer Lehren und war beeindruckt von der "teleplastischen Morphogenese".

Er besuchte in den 20er-Jahren über einen Zeitraum von vier Jahren regelmäßig die Séancen des Geisterbarons Schrenck-Notzing in München und hat sich bis zu seinem Lebensende nie von diesem Spiritismus-Zirkus distanziert, so Germanistik-Professor Manfred Dierks auf einer Veranstaltung der Thomas-Mann-Gesellschaft in Bonn.

"Im Rotlicht des Sitzungssalons schwebte ein Leuchtring auf und ab. Immerhin ohne jede Menschenhilfe. Eine Tischglocke einsam und allein auf einem Tischchen läutete sich selbst. Und eine frisch erschaffene Materie, ein Plasma, stieg vom Körper des Mediums auf und erreichte als Nebel die Zimmerdecke. Dann gab es eine Verzögerung. Medium Willi hatte sich jetzt eine anspruchsvollere Leistung vorgenommen und nahm dazu einen längeren Anlauf. Es war eher eine Geburt. Etwas wollte heraus. Willi stieß seinen Körper hin und her, presste und stöhnte. Lustvoll erlitt er den Gebär- und Geschlechtsakt in einem. Thomas Mann hatte sogar von Samenergüssen Willis gehört. Aber was dabei herauskam, als es schließlich geschah, war es denn die Qualen wert?", fragt sich Dierks, Autor des Buches "Thomas Manns Geisterbaron: Leben und Werk des Freiherrn Albert von Schrenck-Notzing", das im nächsten Jahr erscheint.

In der Regel entsprang der Materialisation schlichtweg ein Taschentuch. Mehr passierte nicht. Den Höhepunkt erreichten die spiritistischen Sitzungen, wenn das Objekt mit Zipfelchen in der Luft schwebte und das Auditorium von der wissenschaftlichen Beweisführung der teleplastischen Morphogenese überzeugt wurde. An der okkulten Echtheit der Phänomene wollte Thomas Mann 1923 nicht zweifeln, obwohl fast alle Star-Medien, die im Münchner Salon auftraten, als Betrüger entlarvt und juristisch belangt wurden: "Ich bin überzeugt, dass eine spätere Wissenschaft es denjenigen Dank wissen wird, die in unseren Tagen den Mut oder die Unbefangenheit hatten, ihren Sinnen zu trauen." Insofern sollte die Esoterik-Leere von Daniela Scherler etwas ernster genommen werden.

Denn: "Der Dumme glaubt neue Wahrheiten hervorzubringen, indem er wirre Ideen vereinigt." (Dávila) Beste Voraussetzungen, um mit den Scherler-Vertiefungsseminaren "Lebe Deine Macht!" auch parteipolitisch zu punkten. (Gunnar Sohn, derStandard.at, 19.12.2011)

Autor

Gunnar Sohn, The European, Der Wirtschaftspublizist und Medienberater ist Chefredakteur des Onlinemagazins NeueNachricht.

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Kein Wunder, dass die Biobauern die Opfer des Bio-Wahns sind, wenn sie solche unsinnige Dinge glauben und in der Vollmondnacht Kuhhörner vergraben.

Geschwurbel. Scheixx wort.

"just great" - feuchthanderlhalten der manager

kein wunder, daß die wirtschaft in diesem zustand ist.

Das ganze Papiergeld ist Esotherik, weil alle an etwas glauben, das keinen realen Wert hat.

Geld lebt davon, als Zahlungsmittel akzeptiert zu werden. Und genau dieser einzige Zweck funktioniert perfekt.

so betrachtet hätte auch Gold keinen Wert - es sei denn zur Zahnsanierung. Wenn dir dein Zahn aber egal ist, dann hätt es sogar dafür keinen Wert.

Man sollte da ganz genau unterscheiden, was Ziellose Scharlatanerie isr und was tatsächlich, auch wenn der Weg noch so abstrus ist einen realen Nutzen hat.
Natürlich sollte sich niemand wundern, der mit Dingen wie Spiritualität und "Übersinnlichem" experimentiert selbst ein Opfer von Glauben und Irrationalität zu werden. Wie einfach Menschen auf diese Weise zu beeinflussen sind, sieht man an der generellen Anhänglichkeit an Religionen, die bis zu Wahnvorstellungen und selektivem Realitätsverlust führen kann.

"Positiv denken" ist nichts anderes...

"(...) Trotz fehlender wissenschaftlicher Evidenz haben "positive Psychologie" und Glücksforschung inzwischen sogar die Universitäten erobert. Doch nirgendwo ist das Ausblenden der Realität stärker verbreitet als in der Wirtschaft: Die Weigerung, negative Entwicklungen überhaupt ins Auge zu fassen, hat, so Ehrenreich, wesentlich zum jüngsten Crash beigetragen."
(Auszug Klappentext: Barbara Ehrenreich, Smile or die, Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt, München 2010)

Rezension:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/sm... e-1.995130

Glücklicherweise trifft es aber diese Leute nur selber, die Entwicklungen negieren.

nope.
Den Steuerzahler trifft's.

Schon der Begriff Esoterik und wie damit umgegangen wird, zeigt, wie geistig und seelisch verarmt unsere Gesellschaft ist

Vor rund hundert Jahren verwendete man noch differenziertere Begriffe, wie Spiritismus, Magie, Astrologie. Und es wurde nicht alles Unerklärliche in einen Topf geworfen. Heute macht man dies, aus marketinggründen und weil die potenziellen Kunden nicht überfordert werden sollten.
Aber Fakt ist, daß unsere westl. Gesellschaft seelisch verarmt, und zwar extrem. Der wissenschaftliche Fortschritt führt unweigerlich in eine Sackgasse, wenn wir parallel dazu seelisch und moralisch degradieren.
Einige der im Artikel genannten "Theorien" sind es wert wissenschaftlich untersucht zu werden! Nur traut sich da kein Forscher heran, weil man Angst hat, sein Ansehen in der Fachwelt, die großteils atheistisch ist, zu verlieren.

Seele ist etwas, das es gar nicht gibt. Was Moral ist, wird häufig von religiösen Deppen festgelegt.
Das einzige worauf wir uns wirklich verlassen können, sind die Fortschritte der Wissenschaft.

???

Wenn dich die religiöse komponente am begriff seele stört dann nenn es bewusstsein oder moderer dein Ich. Zur Existenz kann ich nur sagen, dass ich weiß dass ich eins habe.

Der Autor disqualifiziert sich selbst durch das Vermengen von wissenschaftlich anerkannten Methoden und tatsächlicher Esoterik.

offensichtlich völlig esotherisch verblendet:

die federal reserve bank studiert den einfluß der sonnenaktivität auf das verhalten von börsenkurse und das menschliche bewußtsein - hier die studie:
http://www.frbatlanta.org/filelegac... p0305b.pdf

aber jene die dieses feld seit langem erforschen gelten bei uns dann als spinner, und tauchen auf esowatch und anderen quellen der fehlinformation auf, zb. dieter broers.

Die mangelnde Bildung und der Unwille zur vernünftigen kritischen Auseinandersetzung zeigt sich bei solchen, die meinen, sich in öffentlicher Gegnerschaft mit Esoterik auseinandersetzen zu müssen, ebenso wie be den Anhängern von Esoterik.

Methode: Alles miteinander vermischen. Offenkundig unterschiedlichste Phänomene und unterschiedlichste Haltungen von Esoterikern bis Nicht-Mainstream-konservativen Wissenschaftern in einen Topf werfen und willkürlich beurteilen und mit Anekdoten auffetten.

Als Gegner von Aufklärung sind derlei Autoren - möchte ich Ihnen, Herr Gunnar Sohn, ins Stammbuch schreiben - mindestens ebenso ernst zu nehmen, wie manche der kritisierten Esoteriker.

Der Einfluss des Mondes

auf das Verhalten diverser Tierarten ist gut erforscht - mit anderen Worten, manche orientieren sich am Mond. Wie es mit der diesbezüglichen Erforschung von Pflanzen aussieht, weiß ich nicht. Beim Menschen kenne ich eigentlich auch nur Mythen, weiß nicht ob oder was davon objektiv nachgeprüft ist. Aber rein aus der Tatsache dass irgendwo Mondzyklen beteiligt sein sollen würde ich noch nicht auf Irrtum schliessen.

Davon abgesehen, in den Fein- und Grobheiten der sozialen Welt kann so ein Sprücheklopfen mit Händchenhalten womöglich schon etwas verändern. Und sei es nur dass die nachher meinen etwas gemeinsam zu haben und deshalb ein bisschen offener als vorher miteinander reden. Und dann wäre es ja schon wirksam gewesen.

Alles untersucht. Kein Einfluss auf den Menschen und auch keiner auf die Lebensdauer des Weihnachtsbaumes.

quelle?

Ja, klar. Ich laufe hier als Bibliothek herum....

Ersteres konnte man unlängst im ORF-Radio hören und zu Zweiterem hat "die BOKU" mal u.a. bei Vollmond ein paar Bäume geschlägert.

Details dürfen Sie sich gerne selber googeln.

na ja, theologische fakultäten sind doch eigentlich auch esoterikstätten...

Just big business

Da könnte man eine www.atheistische-religionsgesellschaft.at ja geradezu als aufgeklärt bezeichnen (und kostenlos ist sie außerdem).

Wo Geld verlangt wird ist zumindest schon mal Vorsicht geboten, auch wenn Elisabeth Gehrer einmal meint: "Was nichts kostet ist nichts wert".

Überforderung

Meiner Beobachtung nach neigen jene Menschen zu esoterischen Verhaltensweisen, die durch den Alltag systematisch überfordert sind.

Homöopathie fehlt da noch

Seltsamerweise ein fast schon gesellschaftlich akzeptierter Zweig der Esoterik, und daher besonders gefährlich.

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