Dritte Heimat Syrien

19. Dezember 2011, 08:18
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Die gebürtige Ungarin Katalin Wette unterstützt seit Jahren das politische Engagement ihres syrischen Ehemanns

Beim Begriff "Heimat" denkt man meistens an ein Land oder eventuell an eine "Kultur". Eine alte Heimat, eine neue Heimat - das hat man dann als Migrant. Dass man in mehreren Ländern gleichzeitig beheimatet sein kann und noch dazu seine eigentliche Heimat nicht in einem Land verortet, sondern im politischen Engagement, davon zeugt die Biographie des Ehepaars Wette.

"Mein Mann und ich haben eine sehr lange, wunderbare Geschichte", beginnt Katalin Watte ihre Erzählung am Rande eines syrischen Adventbasars. Sie trägt ein gelbes T-Shirt von Amnesty International, ebenso wie ihr Mann, Sabah El-Dien, auch Abu-Jemillgenannt. Die beiden Pensionisten engagieren sich für Amnesty International und helfen beim Adventbasar im Hotel Regina bei der Votivkirche aus. Hier werden auf mehreren Tischen bunte Kerzen, handbemalte Seifen, Geschirr, Stofftücher und andere farbenprächtige Gegenstände feilgeboten. Der Gewinn soll jenen zu Gute kommen, die sich für mehr Freiheit in Syrien engagieren.

"Seit der arabische Frühling begonnen hat, ist mein Mann um zehn Jahre gealtert. Er sitzt nur noch vor dem Computer und verfolgt die Nachrichten aus Syrien", erzählt Katalin Watte besorgt. "Aber ich will ihn auf keinen Fall verlieren, bevor diese Sache gut ausgegangen ist", ergänzt sie mit einem schelmischen Augenzwinkern.

Sozialistisches Engagement

Katalin lernte ihren zukünftigen Mann Anfang der Siebziger Jahre in Ungarn kennen, wo er sich zu Studienzwecken aufhielt. Seit seiner frühesten Jugend engagierte sich Abu-Jamil für die sozialdemokratische Bewegung in Syrien. Internationale sozialistische Kontakte machten es auch möglich, dass er in Ungarn studieren durfte. Illegal, versteht sich.

Nachdem sie geheiratet hatten, zogen die beiden zunächst nach Syrien. "Das waren zwei harte Jahre", erzählt Katalin, "wir wollten wirklich dort bleiben, bekamen aber keine Arbeit und hatten finanzielle Probleme. Ich wurde krank, hatte Hepatitis und Typhus. Es war schrecklich, ich bin froh, dass ich lebend da rausgekommen bin."

Katalin hatte Verwandte in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich und schrieb hilfesuchende Briefe. Eine Tante, die in Österreich lebte, meinte schließlich, sie würde ihnen helfen, eine Existenz in Österreich aufzubauen. Gesagt getan, das Paar zog nach Österreich und bekam bald darauf seine erste Tochter.

"Viele gute Köpfe"

In Österreich gelang es den beiden rasch, sich zurechtzufinden. Sie betrieben ein gastronomisches Familienunternehmen, in dem die inzwischen vier erwachsenen Kinder schon früh mithalfen. Für Abu-Jemillbedeutete die gut abgesicherte Existenz aber nicht, dass er sein sozialistisches Engagement aufgab. Jedes Jahr fuhr er nach Syrien, arbeitete mit Oppositionellen im Untergrund zusammen, schmuggelte verbotene Bücher und politische Schriften über die Grenze. "Er war immer mit einem Fuß im Gefängnis", erzählt Katalin. Sie selbst engagiert sich seit ihrer Pensionierung intensiv für politische und humanitäre Belange, etwa im Rahmen von Amnesty International. "Ich möchte einfach etwas tun, um den Menschen dort zu helfen, die für Meinungsfreiheit kämpfen. Es gibt dort so viele gute Köpfe, engagierte Intellektuelle, die einfach eingesperrt werden, für zehn oder fünfzehn Jahre", erzählt Katalin, während sich ihr Gesicht merklich verdüstert. "Für die Menschen dort ist es fast ein Normalzustand."

Freundschaft und Gastfreundschaft

Für Katalin ist Syrien ebenfalls so etwas wie eine Heimat, "eine dritte Heimat", sagt sie und lacht. Durch zahlreiche Aufenthalte hat sie die Sprache gut gelernt und viele Menschen kennengelernt. "Dreiviertel meines Herzens gehören Syrien", schlussfolgert sie. "Die Menschen dort sind herzlich. Wenn sie ein Stück Brot haben, geben sie dir die Hälfte. Sie vergessen dich nicht, und knallen dir nicht die Tür vor der Nase zu. Eine Freundschaft hält ein Leben, das gefällt mir bei den Menschen dort." Sie bewundere ihren Mann dafür, dass er trotz zahlreicher Hindernisse seinen sozialistischen Überzeugungen treu geblieben sei, fügt sie hinzu.

Bei den aktuellen Nachrichten aus Syrien "stellt's mir alle Haare auf", erzählt Katalin. Was sie und ihr Mann sich für Syrien wünschten? - dass Oppositionelle sich frei bewegen könnten; dass ein Parlament zustande komme, in dem alle Parteien vertreten sind; dass Bildung für alle zugänglich sei, nicht nur für Militärs und Parteifunktionäre, die nun um den Verlust ihrer Macht bangen. Abschließend erklärt Katalin: "Die Syrer, die ich kenne und politisch unterstütze, sind keine Fanatiker. Sie haben das korrupte Regime satt, wollen mehr Gerechtigkeit und das Allerwichtigste, Demokratie im Land." (daStandard.at, 19.12.2011)

  • Katalin lernte ihren zukünftigen Mann Anfang der Siebziger Jahre in Ungarn kennen, wo er sich zu Studienzwecken aufhielt.
    foto: mascha dabic

    Katalin lernte ihren zukünftigen Mann Anfang der Siebziger Jahre in Ungarn kennen, wo er sich zu Studienzwecken aufhielt.

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