Worte statt Waffen

Blog18. Dezember 2011, 23:22
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Die Gruppe Combatants for Peace vereint Israelis und Palästinenser, die sich früher getötet hätten.

„Wir dürfen nie vergessen, wer wir sind", erinnert Chen Alon die rund 20 Israelis und Palästinenser, die aneinandergereiht im Kreis stehen und ihm aufmerksam zuhören. Chen ist wie alle anderen hier ein „Kämpfer für den Frieden", oder ein Combatant for Peace (CfP), wie sich die Aktivistengruppe nennt. In einer alten Burg im palästinensischen Dorf Schufa ist eine von fünf CfP-Ortsgruppen zusammengekommen, um wie schon Jahre zuvor im Dialog voneinander zu lernen.

Nach vier Jahren als aktiver Soldat und 11 Jahren als Reservist hat Chen 2001 das Gewehr für immer abgelegt. Sein letzter Einsatz war der Abriss eines palästinensischen Hauses, weil dessen Besitzer ohne Genehmigung einen Balkon gebaut hatte. Das war nur einer von vielen absurden Einsätzen, die ihn zum Nachdenken gebracht haben, erklärt er. „Ich habe zu realisieren begonnen, dass wenn wir die Anderen entmenschlichen, wir uns selbst entmenschlichen", schrieb Chen in einer früheren Erklärung.

Und es dürfte vielen damals nicht schwer gefallen sein, den Feind zu entmenschlichen. In den fünf Jahren nach Beginn der zweiten Intifada (2000) haben palästinensische Anschläge 667 israelische Zivilisten getötet. Mehr als 3200 Palästinenser kamen im selben Zeitraum durch die Hand israelischer Soldaten ums Leben. Und zwischen Oktober 2001 und Jänner 2005 wurden 668 Häuser in den Palästinensergebieten zerstört. Trotz all dem haben manche den Dialog gesucht, und das Töten verweigert.

Avner Wishnitzer ist einer von ihnen. Mit 12 anderen Reservisten der prestigeträchtigen israelischen Eliteeinheit Sayeret Matkal hat er 2003 eine Petition unterschieben, die dem damaligen Premierminister Ariel Sharon übergeben wurde. „Wir Werden unsere Hände nicht länger für die Unterdrückungsherrschaft in den Palästinensergebieten und die Missachtung der Menschenrechte von Millionen Palästinensern hergeben", hieß es in dem Brief.

Nach viel Medienaufmerksamkeit wurden die Wehrdienstverweigerer dann von Palästinensern kontaktiert, „die Teil der blutigen Widerstandsbewegung waren", erklärt Avner. Beim zweiten Treffen habe er ziemliche Angst gehabt. „Ich stieg in das palästinensische Auto, und wir sind nach Bethlehem gefahren. Ich wusste, dass sie mich genauso gut entführen könnten", erinnert er sich. Doch letztendlich habe sich so ein Dialog entwickelt. Zuerst sei die Palästinensisch-israelische Aktivistengruppe Ta‘ayush („Zusammenleben") entstanden, und später sei der Dialog in die Combatants for Peace egemündet. So wurden aus Feinden Partner.

„Nicht leicht, die zwei Welten zusammen zu bringen"
Heute tourt Avner für die „Combatants" mit seinem Auto durch Israel und das Westjordanland, hilft wo er kann und versucht Probleme in den fünf Lokalgruppen zu lösen. Und von diesen Problemen gibt es genug, das konnte man auch bei dem jüngsten Treffen der Gruppe im Dorf Schufa sehen.
„Es ist oft schon schwierig genug einen Tag zu finden, an dem Palästinenser und Israelis Zeit haben", erklärt Avner.

Samstag würde für Israelis immer passen, sei für Palästinenser aber oft nicht gut. „Und auch der Ort ist wichtig. Wo treffen wir uns?" meint er. Schufa sei hier ein gutes Beispiel, denn das Dorf liegt in der Zone C des Westjordanlandes, die unter kompletter israelischer Kontrolle steht. In dieser Zone können sich Israelis legal aufhalten, und gleichzeitig könne man die „Probleme der israelischen Besatzung" gut sehen, erklärt er.

Schufa ist durch eine Straßenblockade von der nahegelegenen Stadt Tulkarem abgeschnitten. So müssen die palästinensischen Aktivisten aus Tulkarem zu Fuß bis zur Betonblockade gehen, wo sie die israelischen Aktivisten mit dem Auto abholen. Es sei eben nicht leicht, diese zwei Welten zusammen zu bringen, meint Avner.

Während der zahlreichen Treffen wird jedes Wort vom Hebräischen ins Arabische, und vom Arabischen ins Hebräische übersetzt. So kann jeder frei in seiner Muttersprache reden. Eine Intimität, die oft nötig ist, wenn es um die eigene Geschichte als Gewalttäter geht. Eine Palästinenserin, die jahrelang im Gefängnis war, weil sie einen israelischen Soldaten mit einem Messer erstechen wollte, vertritt heute gemeinsam mit ehemaligen israelischen Soldaten einen alternativen Weg. Combatants for Peace sieht sich als gewaltlose Bewegung, die an die Zusammenarbeit beider Seiten glaubt, um den Kreislauf der Gewalt zu brechen.

Aktivisten wie Avner reden nicht nur, sondern zeigen auch Mut, indem sie aus der Masse ausbrechen. Wie ernst er seine Sache nimmt, wurde auch bei der Heimfahrt von Tulkarem nach Jerusalem ersichtlich. Als Israeli mit einem Österreicher im Gepäck hätte er eigentlich die schnelle Spur am Militär-Checkpoint nehmen können. „Das ist ein Akt der Solidarität", erklärte er stattdessen, nachdem wir eine halbe Stunde gemeinsam mit den palästinensischen Autos in der Schlange gewartet haben.

  • Artikelbild
    foto: andreas hackl
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