Bibliothek angezündet - Zusammenstöße zwischen Aktivisten und Sicherheitskräften dauern an
"Es braucht nur ein Streichholz, um einen Vulkan zu entfachen", umschreibt ein Passant die Atmosphäre rund um den Tahrir-Platz am Samstagabend. Es sind nur wenige Tausend Menschen da, alle vereint durch ein Gefühl: Wut. Seit die Militärpolizei am Freitagmorgen ein friedliches Sit-in vor dem Gebäude des Ministerrates gewaltsam aufgelöst hatte, dauern die Auseinandersetzungen zwischen Steine werfenden Demonstranten und knüppelnden Sicherheitskräften an. Ihre Brutalität erinnert an die Ära Mubarak. Viele junge Männer tragen Helme wie auf einer Baustelle. Hunderttausendfach wird das Video einer halbnackten jungen Frau angeklickt, die von Sicherheitskräften geschlagen und getreten wird.
Bibliothek angezündet
In Flammen aufgegangen ist auch ein historisches Gebäude in der Nähe des Parlamentes, in dem sich eine Bibliothek mit unersetzlichen historischen Dokumenten, zum Beispiel alte Karten, befindet. Die 1978 gegründete Einrichtung gilt als einer der ältesten wissenschaftlichen Komplexe in der arabischen Welt. Wer das Feuer gelegt hat, ist nicht bekannt. Beide Seiten bezichtigen sich gegenseitig, Vandalenakte begangen zu haben. Aktivisten und Soldaten begannen am Sonntag gemeinsam eine Rettungsaktion für Bücher und Dokumente. Die unabhängige Tageszeitung al-Shorouq berichtete, dass Schläger, die in der ganzen Umgebung wüteten, von der Militärpolizei gedeckt wurden. Die Bilanz der Unruhen bezifferte das Gesundheitsministerium am Sonntag mit mindestens zehn Toten, darunter ein berühmter Scheich der al-Azhar-Universität, und über 500 Verletzten.
Das Muster der Gewaltexplosion glich jenem vom November, als 45 Menschen starben, und die Absicht des regierenden Militärrates ist klar erkennbar. Die Straßenproteste sollen ein für alle Mal niedergeschlagen werden. "Diese Ereignisse wurden provoziert, um die Revolution zu zerschmettern. Der Militärrat war nie mit der Revolution" , analysierte der Schriftsteller und Kommentator Alaa el-Aswany vor wenigen Tagen bei einem öffentlichen Auftritt.
Aus Protest gegen das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte haben mehr als ein halbes Dutzend Mitglieder des neu gegründeten Rates, der die Militärführung beraten soll, ihren Rücktritt erklärt. Auch führende Politiker, darunter die Spitze der Muslimbrüder, haben die Gewalt scharf verurteilt. Der Chef der Übergangsregierung Kamal el-Ganzouri sprach von einer "Gegen-Revolution" , und der Vorsitzende des Militärrates, Feldmarschall Hussein Tantawi, drückte den betroffenen Familien sein Beileid aus. Die Tatsache, dass die Staatsspitzen so tun, als ob sie mit dem Entscheid, den Straßenprotest niederzuschlagen, nichts zu tun hätten, schürt die Wut der Demonstranten, die eine Machtübergabe an die Zivilisten fordern.
Dritte Welle der Revolution
Die dritte Welle der Revolution, wie manche Beobachter schreiben, folgt auf die zweite Runde der Parlamentswahlen. Nach ersten Ergebnissen ist das Resultat mit jenem der ersten Runde praktisch identisch. Die Freiheits- und Gerechtskeitspartei der Muslimbrüder behält ihren Spitzenplatz vor der salafistischen El-Nour-Partei. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2011)