Gewalt in Ägypten

Die Hoffnung verbrennt

Kommentar | Gudrun Harrer, 18. Dezember 2011, 18:40

Die Militärjunta reagiert genau so, wie es das Regime Mubarak immer getan hat

Die Ereignisse in Ägypten sind dazu angetan, einem das Herz zu brechen. Die Hoffnungen auf einen friedlichen Übergang zu einem demokratischen System im Land am Nil, das so oft, im Guten wie im Schlechten, Vorreiterfunktion in der arabischen Welt hat, gehen in Gewalt und Flammen unter.

Wie ein Menetekel wirkt die Verbrennung der dreißig Bände des Manuskripts von Description de l'Égypt, verfasst von französischen Wissenschaftern, die Napoleon Bonaparte 1798 nach Ägypten begleiteten und das "Institut d'Égypte" gründeten, das am Samstag durch einen Molotow-Cocktail in Brand geschossen wurde. Die Ankunft Napoleons in Ägypten wird gemeinhin als "Beginn der Moderne" apostrophiert. 2011 sollte das Jahr werden, in dem das Land seine Postkolonialzeit endlich überwindet und in die politische Moderne eintritt.

Das scheint in weite Ferne gerückt. Die Militärjunta reagiert genau so, wie es das Regime Mubarak immer getan hat: Sie lügt und leugnet. Der Unterschied ist, dass jetzt nicht mehr die Polizei, sondern die gute, patriotische Armee auf die Demonstranten losgeschickt wird, die nur, weil sie Hosni Mubarak in Pension schickte, naiverweise als auf der Seite der Revolution stehend betrachtet wurde.

Und inmitten dieses Zusammenbruchs finden die ersten Wahlen statt. Was ein Fest der Demokratie werden sollte, wird zum Begräbnis. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2011)

Kommentar posten
15 Postings
gegen Gewalt
03
19.12.2011, 12:20

Islamisten (Moslembrüder, Dschihadisten,Salafisten) haben schon bei der ersten Revolution die idealistisch rebellierende Jugend ruhig und abwartend vorne stehen und sterben lassen, um dann die Wahlen zu gewinnen. Schade um eine Hoffnung!

no_milk_today
02
19.12.2011, 11:46

vor einem halben jahr, als ich meinte, auch diese revolution wird ihre kinder fressen, war die antwort, ich solle nicht so nihilistisch sein und alles negativ reden. tja ...

die rote baronin
03
19.12.2011, 11:33
Als der "arabische Frühling" begann, haben viele (besonders JournalistInnen) so getan, als würde jetzt in kurzer Zeit alles gut werden.

Allein die wirtschafltiche und soziale Situation in diesen Ländern lassen einen so schnellen Wandel gar nicht zu.
Und jetzt wird so getan, als hätte sich gar nichts geändert.
Nach jeder Revolution dauert es grundsätzlich sehr lange, bis man den Wandel umfassend erkennen kann.

byron sully
00
19.12.2011, 14:55
jein,

in tunesien scheint es ja zu funktionieren, dort stehen die zeichen immer eindeutiger auf weg richtung demokratie. ägypten befindet sich am scheideweg. und in libyen ist noch gar nichts wirklich vorhersehbar.

salman
 
00
20.12.2011, 22:26
In Tunesien war es auch ein richtiger Aufstand

Das Militär stellte sich gegen den Machthaber, ist aber zu schwach und wenig einflussreich, um die eingeschleiften Strukturen mit List, Tücke und Gewalt zu verteidigen wie es in Ägypten der Fall ist.

Zudem haben mächtige Leute etwas dagegen, wenn der schlafende, nein sich im Koma befindende Riese Ägypten - Nachbar Israels, Besitzer des Suezkanals, Zentrum des Islam - erwacht,

während Tunesien zum ersten gesellschaftlich weiter ist (Lebensstandard, Bildungsniveau der Masse) und zweitens strategisch weniger bedeutend und kleiner.

mistvieh666
 
01
19.12.2011, 18:23

tunesien? mal ein bisschen nachgooglen.
10775 dollar war gdp/kopf 2010
9610 wird 2011 erwartet.
http://en.wikipedia.org/wiki/List... _estimates
tendenz in wahrheit weiter fallend, weil wer soll dort in naechster zeit was investieren? so.
das einzig positive ist, dass man die islamisten als regierungspartei fuer die misserfolge der naechsten 5 jahre verantwortlich machen wird und tunesien vielleicht irgendwann doch wieder ein erfolgreiches land wie unter der schrecklichen diktatur des brutalen, blutsaufenden diktators ben ali werden wird.

byron sully
00
20.12.2011, 14:49

das ist aber im fall eines systemwechsels völlig normal, daß das BIP anfangs fällt. war ja in osteuropa 1989 auch nicht anders. ihr link zeigt allerdings, daß ein schnelles wiederansteigen progonstiziert wird.

Erwin Wolfram
00
19.12.2011, 00:04
Uebersetzung

Vor 6 Monaten waren Sie demokratisch, da konnte man in der Redaktion viel verdienen, heute sind sie undemokratisch, da kann man noch mehr verdienen. Mit dem was dort passiert haben die Artikel nichts zu tun.

Zuben Elgenubi
11
18.12.2011, 23:34

Es ist entsetzlich, was da passiert - aber warum wird dadurch jede Hoffnung auf das Entstehen einer Demokratie zerstört?

Es wurden auch schon vor dem Brand der Bibliothek von der Armee Gewalt angewendet. Was hat sich durch den Brand der Bibliothek geändert?

Chien de Pique
00
19.12.2011, 12:32

Einerseits zeigt sich, wie gering die Bereitschschaft des Militärs, dem man keine Sekunde hätte vertrauen dürfen, zur Abgabe der Macht und echten Reformen wirklich ist, es IST das Mubarak-Regime, andererseits gehen nicht nur diese, sondern auch die doppelt bis dreifach frustrierten Demonstranten (Entwicklung der Wirtschaft, Ergebnis der Wahlen, Rolle des Militärs) zusehends den libysch-syrischen Weg, der fast nur in den Abgrund führen kann.
Derzeit bleibt wirklich nur noch Tunesien als leidlich positiver Revolutionsstaat übrig.

Aguirre74
 
00
18.12.2011, 22:26

Wirklich überraschend.

Speckbacher1
00
18.12.2011, 21:30
Passt ja:

In der politischen Moderne wird verbrannt, was an das "koloniale Erbe" Napoleons erinnert ...

okzidentale
01
18.12.2011, 20:07
Mubaraks Erbe.

Extrem brutales Vorgehen des ägyptischen Militärs gegen Demonstranten:

http://www.youtube.com/watch?fea... ntrinter=1

Martin Müller10
 
00
18.12.2011, 18:53
Frau Harrer Ägypten ist seit vielen Jahren nichts anderes als eine

Militärdiktatur. Das ist ganz ähnlich wie in der Türkei. Der Handlungsspielraum einer gewählten Regierung wird durch das Militär beschränkt. Das sollte niemanden verwundern, am wenigsten Sie die diese Länder über Jahrzehnte beobachtet hat.

emanze c
02
18.12.2011, 20:40
Naja.. die Türkei ist eine eingeschränkte Demokratie (erstens weil die Hürde, um ins Parlament zu kommen, minderheitenfeindlich-undemokratisch hoch ist,

zweitens weil immer wieder verkohlte Reste oder auf Mülldeponien im Ganzen entsorgte säckeweise Stimmzettel für die Kurdenpartei gefunden werden, drittens weil Polizei- und Militärübergriffe, gewalttätige, gewaltduldende und justizielle Verfolgung Andersdenkender immer noch Usus ist, viertens weil unangenehme Parteien und Individuen willkürlich Berufs-/Parteiverbot erhalten, Genehme aber wegen gleicher oder ähnliche politischer Delikte nicht etc).

Aber in Ägyptens Militärdiktatur gab es bisher keine Demokratie (99,9% für Mubarak - ja genau), und auch diese Wahlen kann man nicht Wahlen nennen. Also ein Riesenunterschied zur Türkei!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.