Die heimische Tierwelt erfährt immer mehr Zuwanderung - Mit allen Problemen und Vorurteilen - Waschbär und Marderhund haben es schwer, ein Pilotprojekt soll für mehr Miteinander in den Wäldern sorgen
Wien - Eingewandert irgendwann in den 1960er- und 70er-Jahren. Dann Jahrzehnte ein Leben als nicht beachtete Minderheit. Versteckt vor der Öffentlichkeit, behaftet mit massiven Vorurteilen. Doch all diese widrigen Umstände haben eines nicht beeinflusst: die Fortpflanzung. Waschbär und Marderhund (Enok) zählen zwar auch heute noch in Europa zu den gebietsfremden Raubsäugern - was aber beiden Gattungen herzlich egal ist. Wie für sogenannte Neozoen ("invasive alien species") - nicht einheimische Tierarten, die mit menschlicher Hilfe nach Europa gelangt sind, dort aber gut allein überleben können - typisch, haben auch Marderhund und Waschbär ihre Bestände im Neuland lange instinktiv niedrig gehalten. Erst nach einer entsprechenden Anpassungsphase folgte eine rasante Vermehrung.
Laut dem deutschen Jagdverband hat sich beispielsweise die Jahresjagdstrecke des Marderhundes in Deutschland seit 1995 von 204 auf 30.053 Stück im Jagdjahr 2009 erhöht. Die Waschbärstrecke ist im selben Zeitraum von 333 auf 54.790 Stück angestiegen.
Naheliegend also, dass beide Tierarten auch den Sprung zum Nachbarn gewagt haben und heute fixer Bestandteil der österreichischen Fauna sind. Mit einem gravierenden Unterschied: Die Einwanderung traf Österreich völlig unvorbereitet. Über die Lebensgewohnheiten der Tiere und deren aktuelle Verbreitung ist wenig bekannt. Das Image ist dennoch schlecht: Waschbär und Marderhund sollen das heimische Ökosystem negativ beeinflussen und sogar eine Gefahr für den Menschen darstellen.
Wachsende Population
Ein klarer Fall für das Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, das an der Veterinärmedizinischen Universität Wien angesiedelt ist. 2009 wurde dort das Projekt "Enok und Waschbär in Österreich" gestartet. "Unsere Untersuchungen haben bislang ergeben, dass sich beide Arten in Österreich sehr wohl fühlen und entsprechend vermehren. Wie groß die Population ist, lässt sich aber derzeit nicht abschätzen", erläutert Projektleiterin und Wildbiologin Tanja Duscher im Gespräch mit dem Standard.
Gemeldet wurden seit Beginn des Projektes 65 Enok-Nachweise/Sichtungen sowie 73 Nachweise von Waschbären. Die meisten Waschbärmeldungen stammen aus Ober- und aus Niederösterreich. Die meisten Marderhunde wurden bisher aus Niederösterreich gemeldet, gefolgt von Oberösterreich, dem Burgenland und der Steiermark. "Die beide Arten haben sich in Österreich weiter ausgebreitet, als nach bisher veröffentlichten Verbreitungskarten anzunehmen war", freut sich Duscher.
Und eines zeigt sich bereits ein Jahr vor Projektende: Waschbär und Marderhunde werden ihrem schlechten Ruf nicht gerecht. Duscher: "Es scheint wenig Probleme mit den beiden Arten zu geben. Eine negative Auswirkung ist weder auf Niederwild noch auf Bodenbrüter erkennbar." Natürlich müsse man aber die Population genau beobachten. Duscher: "Waschbären haben auch Schildkröten auf ihrem Speiseplan. Da gilt es darauf zu achten, dass es etwa für die letzten Sumpfschildkröten Österreichs in den Donauauen nicht plötzlich eng wird."
Einreise per Schiff
Die Einreise von Deutschland nach Österreich erfolgt übrigens zumindest bei Waschbären oft per Schiff. Duscher: "Die Tiere besteigen unbemerkt ein Frachtschiff - manche werden in Österreich entdeckt und einem Zoo übergeben. Viele bleiben unerkannt."
Der erste Durchbruch gelang dem Waschbär aber bereits 1934. Im Sinne der Artenvielfalt wurde in Nordhessen ein Waschbärpärchen ausgesetzt. Und 1945 traf eine Fliegerbombe nahe Berlin die Pelztierfarm eines Waschbärenzüchters, viele Tiere entkamen. Heute wird die Waschbär-Zahl allein in Deutschland auf bis zu einer Million Tiere geschätzt. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD; Printausgabe, 19.12.2011)