Warum wir auch nach der Krise in Euro zahlen werden und die Stabilität der Preise nicht in Gefahr ist - Von Raiffeisen-Chef Herbert Stepic
Vier Prophezeiungen eines Bankers in Reaktion auf
die Frage vieler Bankkunden nach der Zukunft ihres Geldlebens.
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Die Eurozone durchlebt derzeit die schwersten Zeiten seit ihrer Gründung.
Dennoch ist ihr vermeintlich drohendes Ende völlig unwahrscheinlich. Allerdings
gilt es, einen für alle Länder äußerst schmerzhaften Zahlungsausfall großer
Euroländer zu vermeiden. Und langfristig bedarf es grundlegender Reformen in
praktisch allen Euroländern. Diese Reformen, ob zur Vermeidung eines
Zahlungsausfalls oder als gerade noch rechtzeitige Maßnahme zur nachhaltigen
Gesundung, wurden beim letzten EU-Gipfel eingeleitet.
Trotz teilweise problematischer Staatsfinanzen ist die Eurozone in Summe in
vergleichsweise guter fiskalischer Verfassung. Die Staatsverschuldung 2011 liegt
zwar mit 88 Prozent des BIP deutlich über der Maastricht-Grenze von 60 Prozent.
Im Vergleich zu anderen Währungsräumen wie den USA (100 Prozent) oder Japan (233
Prozent) ist sie aber noch niedrig. Beim laufenden Budgetdefizit fällt der
Vergleich sogar noch vorteilhafter aus: Das der Eurozone liegt 2011 bei 4,1
Prozent des BIP, gegenüber 9,3 Prozent in den USA und 10,3 Prozent in Japan.
Leider kann die insgesamt gute Position der Eurozone über gravierende Schwächen
und Finanzierungsprobleme einzelner Länder nicht hinwegtäuschen. Deshalb
bestimmt dieses Thema unsere Diskussionen.
Im Bekanntenkreis werde ich regelmäßig gefragt, wie man denn jetzt sein
Erspartes anlegen sollte. Meine Antwort lautet, dass es am besten ist, das Geld
am Konto zu belassen und auf stabilere Zeiten zu warten. Denn die folgenden
Argumente sprechen klar gegen die kursierenden Szenarien vom Ende des Euro und
dem Beginn hoher Inflationsraten.
1. Eine Umschuldung eines Eurolandes gefährdet nicht den Wert des Euro.
Es stimmt zwar, dass historisch der Zahlungsausfall eines Landes oft auch zu
einem massiven Wertverlust der jeweiligen Währung führte - üblicherweise, weil
die Notenbank des Landes in einem verzweifelten Versuch, den Staatsbankrott
abzuwenden, die Geldmenge gewaltig aufblähte. Für einzelne Länder der Eurozone
ist dieser Weg allerdings versperrt. Nur die Eurozone als Ganzes könnte ihre
Geldpolitik abändern. Das wäre zwar technisch möglich, ist aber politisch
angesichts der starken Abneigung Deutschlands und anderer früherer
Hartwährungsländer gegen hohe Inflationsraten sehr unwahrscheinlich. Käme es zum
Zahlungsausfall eines Staates in der Eurozone (was meines Erachtens außer im
Fall von Griechenland vermeidbar und deshalb unwahrscheinlich ist), wären die
Auswirkungen für das Finanzsystem und die Realwirtschaft gravierend, nicht aber
für die Preisstabilität. Eher im Gegenteil: Die folgende schwere Rezession und
das schrumpfende Kreditwachstum würden den Deflationsdruck stark steigen lassen
2. Ein Auseinanderbrechen der Eurozone ist äußerst unwahrscheinlich.
Die zum Beispiel aus einem Austritt Deutschlands oder einer Aufteilung in
Nord- und Südeuro resultierenden Kosten wären für alle Länder prohibitiv hoch,
nicht nur aufgrund der starken Exportverflechtung innerhalb der Eurozone. Vor
allem würde nach zwölf Jahren forcierter Integration des Euro-Finanzmarktes ein
Auseinanderbrechen der Eurozone (samt den resultierenden
Wechselkursverwerfungen) zu einer Pleitewelle von Staaten, Banken und
Unternehmen und zu einer tiefen globalen Rezession führen. Dennoch könnten
einzelne Länder langfristig die Eurozone verlassen, was bei den Verhandlungen
über eine Anpassung der EU-Verträge berücksichtigt werden sollte. Andererseits
könnten andere, stärkere Länder längerfristig zur Eurozone dazustoßen.
Richtige Strategie
3. Ein Zahlungsausfall eines größeren Eurolandes würde somit den Euro als
Währung nicht gefährden.
Die Kosten dafür wären aber für alle anderen Länder so hoch, dass diese alles
tun werden, um ihn zu verhindern. Sich politisch über die Mittel dazu zu
verständigen, ist nicht leicht - aber sie existieren und werden letztendlich als
das kleinere Übel ergriffen werden. Ein wichtiger Grund, warum der "große
Befreiungsschlag" (zum Beispiel gemeinsame Eurobonds oder massive Anleihenkäufe
durch die Europäische Zentralbank, EZB) bis jetzt noch nicht gesetzt wurde,
liegt darin, dass die Kernländer keinen Anreiz für hemmungslose Neuverschuldung
setzen wollen.
4. Auch die Anleihenkäufe der EZB gefährden die Preisstabilität des Euro
nicht.
Im Prinzip erhöht jeder Anleihenkauf der EZB die Geldmenge, wenn er nicht
durch andere Maßnahmen kompensiert wird. Und ein starker Anstieg der Geldmenge
erhöht mittelfristig den Inflationsdruck. Derzeit kompensiert die EZB allerdings
den überwältigenden Teil dieser Geldschöpfung, indem sie an anderer Stelle bei
den Banken wieder Liquidität abschöpft. Die sich abzeichnende Rezession und die
verhalte- ne Kreditnachfrage dürften die Zunahme der sogenannten breiten
Geldmenge (M3) nach einem zuletzt gezeigten Wachstum von ohnehin nur 2,6 Prozent
pro Jahr 2012 wieder gegen null sinken lassen.
Natürlich ist das kein unlimitierter "Freibrief" für die Europäische
Zentralbank: Sobald Wirtschaft und Kreditvergabe wieder stark wachsen, muss sie
die verfügbare Liquidität einschränken und ihre Anleihenkäufe drosseln. Bis
dahin müssen die Peripherieländer also ihre Hausaufgaben gemacht haben und
wieder fit für den Markt sein (oder über Eurobonds finanziert werden).
In den nächsten ein bis zwei Jahren dürfte die Situation der EZB aber eher
mit der der japanischen Notenbank vergleichbar sein, die seit rund zwei
Jahrzehnten massiv Staatsanleihen kauft und für üppige Liquidität im
Bankensektor sorgt - ohne dass damit die Inflationsraten signifikant steigen
würden.
Langer Weg
Die Instrumente, die Euro-Schuldenkrise zu lösen, ohne ein Land (von
Griechenland einmal abgesehen) umschulden zu müssen oder Inflation in Kauf
nehmen zu müssen, sind also vorhanden. Das garantiert zwar keine schnelle Lösung
der Schuldenkrise - im Gegenteil:
Die finale Lösung, also die Reduktion von Budgetdefiziten und
Staatsverschuldung durch Umsetzung von Reformen, braucht viel Zeit und ein hohes
Maß an Disziplin der Regierungsverantwortlichen, auf diesem Weg zu bleiben. Aber
ich habe keinen Zweifel, dass die Krise letztendlich ohne bleibenden Schaden für
den Euro überwunden wird. (Herbert Stepic, DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2011)
HERBERT STEPIC, 64, ist Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank
International (RBI).