Rivalen der Rennbahn

Blog18. Dezember 2011, 15:06
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David Milch & Michael Mann meet Dustin Hoffman & Nick Nolte: Zum Piloten der neuen HBO-Serie "Luck" - Von Simon Rothöhler

Der Santa Anita Park liegt in Arcadia, Kalifornien. Eine legendäre Rennstrecke, die regelmäßig den Breeders Cup beheimatet und für nicht wenige Pferdesportenthusiasten einen geradezu auratischen Klang besitzt. Hausnummer: Anfield Road, Fenway Park. Also ganz großes Kino, aber auch: Nostalgiemaschinen, nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit.

Die neue HBO-Serie "Luck", deren Pilotfolge letzte Woche eine vorgezogene Preview-Premiere feierte (im Anschluss an das Season-Finale der nach wie vor seltsam schwerfällig, übergeskriptet und kulissenhaft wirkenden Serie "Boardwalk Empire"), etabliert die angejahrte Rennbahn gleich zu Beginn als hochattraktiven Schauplatz und Zentralmetapher. Im typischen David Milch-Stil (Creator von "Deadwood" und der maximal eigensinnigen Surfer- und Jesusserie "John from Cincinnati") wird dann erstmal die Erwartung einer gut verständlichen Einführung der Figuren gründlich enttäuscht. Den meisten begenet man mitten in einem Gespräch, dessen Anfang man verpasst hat. Was man akustisch versteht, ist ziemlich codiertes Sprechen, mindestens knietief im Idiom des Milieus.

Manche, wie "The Old Guy" (Nick Nolte) sprechen augenscheinlich ohnehin schon länger nur noch zu sich selbst. Alkohol spielt da erkennbar auch eine Rolle. Andere, wie Ace (Dustin Hoffmann), haben nach drei Jahren Knast so eine Wut, dass sie die Zähne beim Sprechen kaum auseinander kriegen. Wenn doch, fliegen die ersten Stühle durch die Gegend. Man ahnt, da denkt sich einer: revenge is a dish best served cold.

Die bemerkenswerte Starpower wird im Serientext aber nicht privilegiert, nicht extra in Szene gesetzt. Nolte und Hoffman sind umzingelt von zahllosen weiteren Figuren - Jockeys, Trainer, Spieler, Agenten, Ganoven -, die alle gerade irgendwas in der Mache haben, aber keine Lust, sich als selbserklärungswillige Figuren dem Zuschauer zuzuwenden und zu sagen: Hallo, ich habe eine Backstory und plane in den nächsten Episoden einen Überfall auf die Pferdebank oder eine Stallaffäre mit der brünetten Tierpflegerin. Und übrigens kenne ich XY von früher, da werden Sie sich noch wundern, wie sich die Plotfäden ab Folge sechs massiv zu kreuzen beginnen. Kann dann schon mal zu einem Flashback kommen.

All die Routinen komplexen Serienerzählens, das abgeklärte Spiel mit einer dramaturgisch wohltemperierten Informationsökonomie, hat Milch weder drauf noch nötig. Er setzt einfach: Sätze, Räume, Codes. Und bricht ab: Minidramen, Dialoge, Konflikte. Michael Man - Executive Producer der Serie, Regisseur des Piloten - ist hier, wie sich HBO das sicher erhofft hat, kongenial, weil er ganz woanders herkommt, ein Meister des Überdeutlichen, der unmissverständlichen Geste ist. Und er liefert: Texturen, Stimmungen, Digitalästhetik. Dampfende, schwebende, sterbende Pferde. Elegische Slow Motion und abrupte Close-ups. Kinetische Explosionen und unerwartete Retardierungen. Song und Montagerhythmus der Credit-Sequenz sind zudem so gut wie zuletzt vielleicht nur bei "Mad Men".

Als Teaser der Trailer zur ersten Season:

P.S. I: Die aktuelle CARGO-Printausgabe enthält einen Schwerpunkt zu US-Serien 2011- u.a. mit Texten zu "Parks & Recreation", "Treme", "Boss", "Homeland" und einem Bericht vom "Breaking Bad-Set".

P.S. II: Für alle, die Manfred Zapatka nur als "Karmakars Echolot" (Alexander Kluge) kennen: Pferdenarr Hans-Otto Gruber, ZDF 1989.

CARGO Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

  • "Luck"
    foto: "luck"/hbo

    "Luck"

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