Der wichtigste Klubbewerb des Kontinents im Eishockey erlebt heute in Wien sein Finale. Jokerit Helsinki und der EC Salzburg duellieren sich um die European Trophy.
Es sind Spiele auf einem Niveau, wie es in österreichischen Eishallen schon seit einigen Jahren nicht mehr zu sehen war. Das Finalturnier der European Trophy, das an diesem Wochenende in Wien und Salzburg ausgetragen wird, bietet hochklassiges Eishockey von größtem Unterhaltungswert. Technisch, taktisch sowie vor allem eisläuferisch überbieten sich die acht qualifizierten Teams gegenseitig und lassen die Herzen der Hockeyästheten höher schlagen.
Leere Ränge
Den großen Minuspunkt der ersten beiden Turniertage bildete das erschreckend geringe Publikumsinteresse. Speziell in der schmucken Albert Schultz-Halle zu Wien blieb der Großteil der 7.022 Sitzplätze unbesetzt, erreichten die Zuschauerzahlen nur in wohlwollenden Schätzungen den vierstelligen Bereich. In der Bundeshauptstadt sind es vor allem die gut 200 mitgereisten Fans des finnischen Vertreters Jokerit Helsinki, die dem Event ob ihrer auf Bierseligkeit fußenden Sangesfreude einen atmosphärischen Farbtupfer verleihen.
Finnischer Favorit
Der sechsfache Champion aus dem Land des Weltmeisters steht am Sonntag (20.30 Uhr, live bei ServusTV) auch im Endspiel um die derzeit wichtigste Trophäe im europäischen Klubeishockey. Nach einem überragenden 7:2-Erfolg gegen den aktuellen Tabellenführer der tschechischen Extraliga České Budějovice am Freitag setzte sich Jokerit am Samstag im Halbfinale gegen Luleå nach Verlängerung durch. Die Finnen überzeugten im bisherigen Turnierverlauf vor allem durch enorme Präzision im Passspiel und herausragendes Skating. Eigenschaften, die im Besonderen vom ersten Angriffsblock mit Center Ilari Filppula sowie den Flügeln Nichlas Hardt und Ben Eaves (siehe "Foo Fighter in Finnland", das derStandard.at-Portrait aus dem Dezember 2010) verkörpert werden.
Salzburgs größter Titel?
Der Endspielgegner Jokerits kommt - ebenso überraschend wie verdient - aus Österreich. Der als Veranstalter für das Finalturnier gesetzte EC Salzburg erarbeitete sich mit knappen Siegen über Pardubice (2:1) und Linköping (4:3 nach Penaltyschießen) die Chance, am Sonntagabend in Wien um den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte zu spielen.
Als Beleg für eine substanzielle Annäherung des österreichischen Klubeishockeys an die europäische Spitze kann dies freilich nicht gesehen werden, tritt Salzburg doch mit einer Auswahl an überwiegend nordamerikanischen Spielern an. Ein Schritt, zu dem der österreichische Meister nahezu genötigt wurde, da Nationaltrainer Emanuel Viveiros gleich fünf Cracks der "Bullen" in das gleichzeitig beim "Österreich Cup" in Klagenfurt engagierte Nationalteam einberief.
Die Turco-Show
Salzburg kompensierte die Teamabstellungen mit der Verpflichtung von fünf Gastspielern für das Finalturnier. Der große Star des Quintetts ist Goalie Marty Turco, der im Vorjahr noch für die Chicago Blackhawks in der NHL hexte und in seiner Karriere 585 Mal in der besten Liga der Welt am Eis stand. Beeindruckendes Stellungsspiel, blitzschnelle Reflexe und vor allem der ungezügelte Drang, das Spiel schnell zu halten und sich auch in den Angriffsaufbau einzubringen, machten Salzburgs Viertel- und Halbfinalauftritt zur unterhaltsamen Demonstration höchster Torhüterkunst.
Letztes Finale in Österreich?
In der zweiten Spielzeit ihres Bestehens erlebt die European Trophy am Sonntag in Wien ihr zweites Endspiel auf österreichischem Eis, nachdem sich im Vorjahr in Salzburg die Eisbären Berlin den Titel sichern konnten. Gleichzeitig mehren sich die Zeichen, dass die Begegnung zwischen Jokerit und Salzburg das vorerst letzte in der Alpenrepublik ausgetragene Finale dieses Bewerbs sein könnte.
In der positiven Entwicklung der European Trophy stehen die nächsten Schritte an: Für die Saison 2012/13 erhöht sich die Teilnehmerzahl erneut, 32 Klubs (je sieben aus Schweden, Finnland und Tschechien, je vier aus Deutschland und der Schweiz, zwei aus Österreich, einer aus der Slowakei) werden dann in vier Achtergruppen um den Pokal kämpfen. Die Vorrunde wird wie bisher vor dem Start der nationalen Meisterschaften im August und September ausgespielt, das Finalturnier soll in den Jänner wandern und an wechselnden Austragungsorten stattfinden.
Zukunft der European Trophy
Die bisherige Erfolgsgeschichte des Bewerbs - maßgeblich dem Umstand geschuldet, dass die Entwicklung von den Vereinen selbst und nicht wie im Falle mehrerer gescheiterter Versuche der Etablierung eines europäischen Klubbewerbs durch den Weltverband IIHF gesteuert wird - lässt die Verantwortlichen hinter den Kulissen bereits weiter in die Zukunft denken und planen. Verfolgten die federführenden Vereine aus Schweden und Finnland lange Zeit die Idee einer europäischen Profiliga losgelöst von nationalen Meisterschaften (siehe "Die Europäisierung des Eishockeys", September 2010), wird seit Herbst 2011 vermehrt eine Parallelkonstruktion ähnlich der Champions League im Fußball favorisiert. Bis zu 40 Teams könnten dann in einem sich über die komplette Saison erstreckenden Bewerb mit einem fixen Spieltag pro Woche um den Titel der besten Klubmannschaft des Kontinents kämpfen.
Am Sonntagabend treten die Diskussionen rund um die Zukunft des europäischen Eishockeys jedoch in den Hintergrund. Denn da stehen einander Jokerit Helsinki und der EC Salzburg im Endspiel der European Trophy 2011 gegenüber. derStandard.at plant dazu ab 20.00 Uhr einen Live-Ticker aus der Wiener Albert Schultz-Halle. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 18.Dezember 2011)
HALBFINAL-ERGEBNISSE
Linköpings HC - Red Bull Salzburg n.P. 3:4
(1:0,1:3,1:0;0:0,0:1). Tore: Arlbrandt (8./PP2), Akerman (30./PP),
Andersson (54./PP) bzw. Aubin (25./PP), Bois (26./PP), Barney (39./PP
und entscheidender Penalty)
Jokerit Helsinki - Lulea 3:2 n.V.
(0:1,2:0,0:1;1:0)