Neuerlich Demonstrationen für Freilassung des Soldaten, der Dokumente über US-Verbrechen weitergab
Fort Meade - Das spektakuläre Verfahren gegen den
mutmaßlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning ist am Samstag mit
Zeugenbefragungen und der Beweisprüfung in die zweite Runde gegangen.
Dabei versuchten die Verteidiger, dem Militärgericht auf dem
Stützpunkt Fort Meade (Maryland) die emotionalen Probleme des
24-Jährigen vor Augen zu halten.
Der US-Soldat sei in seiner Einheit als homosexueller Einzelgänger
bekannt gewesen und habe keine Freunde gehabt, machte sein
Militäranwalt Matthew Kemkes bei der Anhörung klar. Die besondere
Umstände seien für eine Beurteilung des Falles wichtig.
Manning ist angeklagt, während seines Einsatzes als Analyst der
US-Armee im Irak klassifizierte US-Dokumente aus Computern kopiert
und sie der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt zu haben. Die
Veröffentlichung massenhafter Aufzeichnungen und Diplomatendepeschen
im Internet hatten die USA und Regierungen in aller Welt
bloßgestellt.
Die Verteidigung versuchte am Samstag auch, Zweifel an diesen
Anschuldigungen zu streuen. So sei der junge Obergefreite nicht der
einzige mit Zugang zu seinem Computer gewesen, von dem aus der
riesige Datenklau unternommen worden sein soll. Ein als Zeuge
befragter, an der Ermittlung beteiligter IT-Experte des Militärs
sagte aus, dass der Rechner nicht passwortgeschützt gewesen sei.
Wie am ersten Tag der Anhörung zeigte sich Manning, der am Samstag
seinen Geburtstag feierte, in Tarnuniform und mit einer Brille. Die
auf eine Woche veranschlagte Anhörung soll klären, ob die Beweise für
die Eröffnung eines richtigen Militärprozesses ausreichen. Dem
Soldaten droht im Fall einer Verurteilung eine lebenslange
Gefängnisstrafe wegen der Unterstützung des Feindes. Seine Anhänger
fordern seine Freilassung.
Mannings ziviler Anwalt David Coombs war am Freitag mit seiner
Forderung gescheitert, den Ermittlungsrichter Paul Almanza wegen
eines mutmaßlichen Interessenskonflikts auszutauschen. Er sei ein
Militärreservist und arbeite in seinem zivilen Leben als
Staatsanwalt, sei daher befangen. Almanza wies den Verdacht zurück.
"Ich denke nicht, dass eine vernünftige Person, die alle Umstände
kennt, zu dem Glauben kommen könnte, dass meine Unparteilichkeit
infrage steht", sagte er.
Am zweiten Tag musste Almanza die Anhörung allerdings nach zehn
Minuten unterbrechen, weil es technische Probleme gab. Die erste von
der Anklage aufgerufene Zeugin war per Telefon zugeschaltet und im
Gerichtssaal kaum zu verstehen. Almanza forderte die Frau, die von
ihrem Handy aus telefonierte, auf, sich später noch einmal über das
Festnetz zu melden. Bei der Zeugin handelte es sich um eine
Spezialagentin der Militärpolizei auf Hawaii. (APA)