Ute Bock in Favoriten: Lobby gesucht!

Blog17. Dezember 2011, 15:45
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Mit ihrem neuen Projekt an bekanntem Ort will die Flüchtlingshelferin die Underdogs der Gesellschaft unterstützen

Das neue Ute-Bock-Projekt ist öffentlich. Die bekannte Flüchtlingshelferin soll nach Favoriten (zurück)ziehen (DER STANDARD berichtete), in die Zohmanngasse 28, wo sie bis 1999 ein Gesellenheim der Stadt Wien geleitet hat. Der Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner hat ihr das Haus gekauft und lässt es derzeit renovieren. Danach sollen hier Menschen wohnen, die sonst obdachlos wären: Alleinstehende AsylwerberInnen und ebensolche anerkannte Flüchtlinge, die vor dem Nichts stehen: die Underdogs der heutigen österreichischen Gesellschaft.

Früher, sagt Bock, seien die "Gesellen" - junge ArbeiterInnen und Lehrlinge - in dieser unrühmlichen Lage gewesen. Dann hätten Flüchtlinge und arme EinwanderInnen sie in dieser Position auf der untersten gesellschaftlichen Stufenleiter ersetzt. Die Folge: In das Gesellenheim zogen immer mehr ausländische, vor allem afrikanische Jugendliche ein. Denn Bocks Anspruch war und ist es, die jeweils Bedürftigsten zu unterstützen: konsequente, an die Wurzeln gehende Sozialarbeit.

Vorurteile gegen Underdogs

Die Underdogs einer Gesellschaft sind jene Menschen, die keine Chance auf Teilnahme haben und von der Mehrheit abgelehnt werden: Sie werden mit Argwohn und Angst beäugt. In den 1990er-Jahren waren das "die Ausländer", vor allem jene aus Afrika. Ute Bock ließ 80 von ihnen ins Favoritner Gesellenheim einziehen. Das führte zu Vorverurteilungen. Die Ereignisse in der Folge sollten die Ablehnung scheinbar bestätigen. Denn 1999 fand eine großangelegte Drogenrazzia in der Zohmanngasse statt, die "Operation Spring". Das Heim wurde von der Gemeinde in der Folge geschlossen. Rund 100 Personen, schwarze Afrikaner, wurden später verurteilt: der größte Justizfall der Zweiten Republik.

Inzwischen wird die Operation Spring selbst in Skandalnähe gerückt. War sie doch Teil von Ermittlungen, die zu Gerichtsurteilen mit Begründungen wie „hat eine nicht mehr feststellbare, jedenfalls aber große Menge Heroin und Kokain an unbekannt gebliebene Endabnehmer verkauft" führten. Unkonkrete Sachlagen, langjährige Haftstrafen: Das wird inzwischen schwer kritisiert, zu Recht.

Wohl wenig Wissen

Doch das wissen wohl nur wenige Anrainer in der Zohmanngasse. Man kann nicht davon ausgehen, dass viele von ihnen die kritischen Beiträge und den Dokumentarfilm "Operation Spring" über die Razzia und ihre Folgen kennen, der im Fernsehen zu nachtschlafender Zeit gesendet wurde. Somit steht zu befürchten, dass Ute Bock in Favoriten mit einer vorgefassten Meinung konfrontiert sein wird. Dem Projekt könnte einige Gegnerschaft blühen.

Diese wird mit den konkreten Absichten der Sozialarbeiterin zu konfrontieren sein, die in Österreich inzwischen zu einer der renommiertesten Persönlichkeiten im humanitären Bereich aufgestiegen ist. Die Hilfe für Flüchtlinge aus der ganzen Welt, die allesamt ein Bedürfnis eint: In Österreich bleiben zu können und sich hier eine Existenz aufzubauen.
Nur, dass ihnen die Gesetze und ihre Anwendung dabei Knüppel in den Weg werfen: Keine Arbeitsbewilligungen, keine Jobs, keinerlei Integrationshilfen, solange sie sich im Status von AsylwerberInnen befinden. Keine Vorbereitung auf das, was auf sie zukommt, wenn sie einmal Asyl zuerkannt haben sollten oder aus humanitären Gründen bleiben dürfen. Dann fallen viele von ihnen in ein existenzielles, schwarzes Loch, in die manifeste Armut. In der Zohmanngasse will Ute Bock sie dabei unterstützen, aus dieser Situation wieder herauszufinden.

Kernaufgabe Kommunikation

Das den AnrainerInnen in Favoriten zu vermitteln, wird eine Kernaufgabe von Ute Bocks BeraterInnen sein. Dabei werden diese weitere Unterstützung brauchen. Dass sie die GrätzelbewohnerInnen offensiv in ihre Arbeit einbinden wollen, ist ein guter Ansatz - auch wenn die Bezirks-FP jetzt Morgenluft zu atmen glaubt: FP-Vizebezirkschef Michael Mrkvicka findet die - anonym gebliebenen - Verfasser eines auf den schwarzen Brettern umliegender Häuser affichierten Briefes gut, die sich bereits im Voraus gegen das Flüchtlingshaus aussprechen.
In diesem Schreiben ist unter anderem von den "schlechten, ja schlechtesten Erfahrungen" die Rede, die man mit Ute Bock angeblich gemacht habe. Doch nicht alle, die das lasen, teilten dies. "Wer Ute Bock kennt, weiß, dass sie sich große Mühe gibt, mit ihren Nachbarn gut auszukommen", schrieb eine/r mit der Hand dazu. Und ein anderer: "Wer will Menschen, die keiner will? Diesen Menschen, die es schwerer als wir hatten, Möglichkeiten zu bieten, sollte als Privileg betrachtet werden."
 (Irene Brickner/derStandard.at, 17.12.2011)

  • Der Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner hat Ute Bock das Haus in der Zohmanngasse gekauft und lässt es derzeit renovieren.
    foto: christian fischer

    Der Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner hat Ute Bock das Haus in der Zohmanngasse gekauft und lässt es derzeit renovieren.

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