Präsident reagiert auf Gewalt zwischen Demonstranten und Polizei - Angeblich bis zu 70 Tote
Astana/Moskau - Nach schweren Zusammenstößen mit
zahlreichen Toten im autoritär regierten Kasachstan hat Staatschef
Nursultan Nasarbajew den Ausnahmezustand über die Stadt Schanaosen
verhängt. Öffentliche Proteste und Streiks seien vorerst bis zum 5.
Jänner 2012 verboten. Zudem sei in der Ölstadt im Südwesten der
früheren Sowjetrepublik eine nächtliche Ausgangssperre verhängt
worden. Das teilten die Behörden in dem zentralasiatischen Land am
Samstag mit.
Über die Opferzahl der Unruhen zwischen streikenden Ölarbeitern
und der Polizei vom Vortag gab es unterschiedliche Angaben. Die
Behörden sprachen von elf Toten und 86 Verletzten. Dagegen
berichteten Menschenrechtler von angeblich 70 Toten und mehr als 500
Verletzten. Augenzeugen hätten erzählt, dass Sondereinheiten mit
automatischen Waffen ein Blutbad angerichtet hätten, hieß es.
Unabhängige Angaben waren schwer zu erhalten, da die Behörden den
Kontakt per Internet und Mobiltelefon aus der Unruheregion
einschränkten. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft wurden etwa
70 Demonstranten festgenommen.
Tränengaseinsatz
Auch über den Verlauf der Unruhen gab es unterschiedliche Angaben.
Die Behörden in der 60.000-Einwohner-Stadt nahe des Kaspischen Meeres
teilten mit, dass Jugendliche und Ölarbeiter bei Feiern zum
Unabhängigkeitstag eine Festbühne gestürmt und auch Gebäude und Autos
in Brand gesteckt hätten. Sondereinheiten drängten die mit Stöcken
und Brandbomben bewaffnete Menge mit Tränengas zurück.
Der in Kirgistan ansässige kasachische Oppositionssender K-plus
berichtete unter Berufung auf demonstrierende Arbeiter und andere
Augenzeugen, die Polizei habe auf unbewaffnete Protestierende
geschossen. Demnach starben viele Menschen auf dem Weg ins
Krankenhaus, weil zuvor nicht rechtzeitig Hilfe eintraf. "Ich glaube,
rund 50 Menschen sind gestorben", sagte eine Augenzeugin dem Sender.
Die oppositionelle Nationale Sozialdemokratische Partei sprach von
"ernsthaften Fragen", die dieser Vorfall aufwerfe. "Die wichtigste
ist: Welche Gründe hatte die Polizei, auf unbewaffnete Menschen zu
schießen?", hieß es in einer Erklärung.
Die Europäische Union äußerte sich besorgt. EU-Außenbeauftragte
Catherine Ashton hoffe auf eine genaue Untersuchung des Zwischenfalls
und gehe davon aus, dass das Problem der Arbeiter friedlich gelöst
werde, hieß es in einer Pressemitteilung.
Im rohstoffreichen Kasachstan streiken tausende Menschen seit mehr
als einem halben Jahr gegen Ausbeutung und für höhere Löhne. Der mit
harter Hand regierende Präsident Nasarbajew wird wegen Unterdrückung
Andersdenkender und wegen Menschenrechtsverstößen kritisiert. Der
71-Jährige lenkt den Steppenstaat bereits seit Sowjetzeiten. (APA)