Der Rechenfehler der Schuldenbremser

Kommentar der anderen | 16. Dezember 2011, 19:15
  • Finanzmathematiker Schachermayer erklärt, was die ökonomische Logik gebietet, aber viele Politiker nicht wahrhaben wollen: Schulden und Guthaben sind "siamesische Zwillinge".
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    Finanzmathematiker Schachermayer erklärt, was die ökonomische Logik gebietet, aber viele Politiker nicht wahrhaben wollen: Schulden und Guthaben sind "siamesische Zwillinge".

Warum die Notwendigkeit, die Staatsschulden zu reduzieren, nur die halbe Wahrheit ist - Denn wer Schuldenbremse sagt, muss auch Vermögensbremse sagen - Von Walter Schachermayer

Wir haben uns inzwischen an die täglichen Schreckensbotschaften über explodierende Staatsschulden gewöhnt, sie sind aus den Nachrichtensendungen kaum mehr wegzudenken. In der politischen Debatte dazu herrscht in einem Punkt große Einigkeit: Die Staatsschulden dürfen nicht weiterwachsen, sondern müssen gesenkt werden. Wir erleben ja tagtäglich, in welche Krisenanfälligkeit uns diese Schulden geführt haben. Abgesehen von den rezenten Krisenerscheinungen spricht aber auch der Umverteilungseffekt gegen ein Ausufern der Staatsschulden: Die Zinszahlungen führen langfristig zu einer immer stärkeren Belastung der breiten Masse der Steuerzahler zugunsten der Inhaber von Staatspapieren, also tendenziell zu einer Umverteilung von unten nach oben.

So weit, so bekannt. Es ist aber wichtig, diesem Befund das folgende logische Faktum hinzuzufügen: Die Summe der Schulden ist stets ident mit der Summe der Guthaben. Darauf weisen Ökonomen zwar immer wieder hin, doch wird ihnen offenbar wenig Gehör geschenkt. Dabei muss man über keine ausgeprägten mathematischen Fähigkeiten verfügen, um zu sehen, dass jedem Euro Schulden irgendwo ein Euro Guthaben gegenüberstehen muss. Der Mathematiker Erhard Glötzl (vgl. Standard, 14. 12.) wird nicht müde, diesen tautologischen Zusammenhang zu betonen.

Nehmen wir einmal an, es gelingt tatsächlich, durch entsprechende Maßnahmen die Staatsschulden substanziell zu reduzieren, und überlegen wir uns, was dadurch auf der Seite der Guthaben passiert. Die Eigner der zurückgezahlten Staatspapiere haben nun die Wahl, ihr Geld anderen Schuldnern zu leihen oder es zu konsumieren. Man könnte auch einwenden, dass ein Investor ja die Möglichkeit hat, in Sachwerte zu investieren, was offenbar zurzeit sehr beliebt ist.

Vermögensbesteuerung ...

Individuell mag das stimmen, aber für die Gesamtheit gilt es nicht: Jedem, der seine Ersparnisse dazu verwendet, eine Eigentumswohnung zu kaufen, steht ein Verkäufer gegenüber, der den Kaufpreis lukriert und seinerseits dieses Geld wieder zur Verfügung hat. - Welche Möglichkeiten haben also nun Gläubiger, das Geld anstatt den Staaten anderen Schuldnern zu leihen? Grundsätzlich kommen dafür die Unternehmungen und die privaten Haushalte infrage. Beide Sektoren haben aber mit ähnlichen Verschuldungsproblemen zu kämpfen wie die Staatshaushalte und können und sollen sich daher nicht noch weiter verschulden, ganz im Gegenteil. Die Subprime-Krise, die auf einer massiven Verschuldung armutsgefährdeter US-Haushalte beruht, ist übrigens noch keineswegs ausgestanden.

Dann bliebe noch die Möglichkeit transnationaler Veranlagung. Ein Land kann durchaus per Saldo mehr Geldvermögen im Ausland anlegen als es umgekehrt Schulden aus dem Ausland aufnimmt. Aber auch hier gilt der Trugschluss der Verallgemeinerung. In Summe sind die transnationalen Schulden wieder gleich den transnationalen Guthaben.

Wie man es auch dreht und wendet: Die Summe der Schulden ist insgesamt zu hoch und muss reduziert werden. Mit anderen Worten: Die Summe der Guthaben ist insgesamt zu hoch und muss reduziert werden. Bedauerlicherweise wird aber in der laufenden Debatte fast ständig nur der erste Satz wiederholt und akklamiert, obwohl beide Aussagen nach den Gesetzen der Logik (siehe oben) ident sind.

... darf kein Tabu sein

Das Problem, dass Schulden- beziehungsweise Guthabenberge zu groß geworden sind, ist naturgemäß nicht neu. Seit erdenklichen Zeiten werden mehr oder weniger brachiale Methoden angewandt, um ausgeuferte Schulden und Guthaben zu reduzieren.

Wobei die Handlungsoptionen klar auf dem auf dem Tisch liegen: Entwertung der Forderungen durch Inflation, Reduktion der Schulden durch "hair cuts" oder Reduktion der Vermögen durch Besteuerung. Durchwegs sehr bittere Pillen. In Österreich haben wir in den 1920er- und 1930er-Jahren erleben müssen, welch verheerende Wirkungen eine Hyperinflation haben kann, die letztlich nicht nur ins ökonomische, sondern auch ins politische Desaster führte. Auch die im Fall von insolventen privaten Schuldnern so beliebte Methode des "hair cuts" birgt im Fall von Staatspleiten enorme ökonomische und politische Gefahren.

Der geordnetste und noch am ehesten mit Maß und Ziel beschreitbare Weg scheint eine kräftige Vermögensbesteuerung, mit dem Ziel, die Summe der Finanz-Vermögen zu verringern. Das ist zumindest in der Geschichte schon einmal mit Erfolg praktiziert worden. Als F. D. Roosevelt seinen "new deal" proklamierte, waren die USA ökonomisch in einer katastrophalen Situation. Neben zahlreichen anderen Maßnahmen setzte die Roosevelt-Administration eine drastische Anhebung der vermögensbezogenen Steuern durch, wobei die Erbschaftssteuer eine wesentliche Rolle spielte. Der Spitzenerbschaftssteuersatz stieg von 20 auf 45, dann auf 60, später auf 70 und schließlich auf 77 Prozent! Dies bereitete nicht nur den Weg der wirtschaftlichen Erholung vor, sondern führte auch bis in die Siebzigerjahre zu einer wesentlich egalitäreren US-Gesellschaft.

Der "new deal" war erfolgreich, weil er mutig eine breite Palette von Innovationen durchsetzte. Ein zentraler Bestandteil war die Reduktion der großen Vermögen durch eine aus heutiger Sicht kaum vorstellbare Höhe der Spitzenbesteuerung.

Auch heute brauchen wir einen klugen Mix von entschlossenen Schritten. Es wäre jedenfalls fatal, eine stärkere Besteuerung von Vermögen zu tabuisieren. (Walter Schachermayer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.12.2011)

WALTER SCHACHERMAYER (1950) ist Professor für Finanzmathematik an der Universität Wien. Er erhielt 1998 den Wittgenstein-Preis und 2009 einen Advanced Grant der European Research Commission, in dessen Rahmen er die Rolle von Transaktionskosten auf Finanzmärkten analysiert.

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Die frage, warum schuld + zinsen = guthaben sein können

Ich denke dass sich dieses geldsystem nur so lange ausgleichen kann, solange es ein bisschen inflation und wirtschaftswachstum gibt. Entfällt beides, so tun sich sowohl staat als auch privatwirtschaft schwer, die "raten" zu bezahlen.

Der grund warum unser system dennoch noch recht gut läuft ist, dass die zentralbanken die leitzinssätze und damit die kreditzinsen stark reduziert haben (beispielsweisen die ezb hat leitzins von ca 6 auf 1% seit der krise 2008 reduziert).

Zum thema vermögensbesteuerung etc: man könnte sich meiner meinung nach ruhig die schweiz und manche skandinavischen länder als vorbild nehmen (schafften es, ohne langfristige wirtschaftsschäden schulden stark zu reduzieren) und sparten dabei v. a. bei der ausgabenseite.

die Forderungen decken sich zwar nicht mit meiner Meinung - aber immerhin ist das was der Autor sagt fachlich fundiert. Sowas kommt in letzter Zeit schon sehr selten vor.

aber wo?

dem euro schulden steht irgendwo ein euro guthaben genüber - keine frage. aber wo? das macht kirre.

die schulden sind NICHT ident mit den guthaben! die schulden übersteigen die guthaben bei weitem, denn der zins und zinseszins wird von keiner bank mit dem kredit mitausgegeben, auch nicht gesondert.

i wo! die schulden haben wir fernab unserer volkswirtschaft, in der wir unsere bescheidenen guthaben erschuften.

ja sicher, am besten wär am moond. lassen die bankster aber irgendwie net zu. btw sie rechnen's trotzdem mit rein.

und deswegen fehlen dem guthaben dann die zinsen. wobei es nicht mehr weiß wie es zu den zinsen kommen soll. als da wären: raub, krieg, ... haircut, schuldenerlass bis zu 100%.

Diese Argumente kommen spät, trotzdem bin ich froh, dass sie kommen

Ich bin Schachermayer für diesen Beitrag dankbar. Während Spindlegger schon das Messer wetzt, um die breite Masse bluten zu lassen (zB Pensionsantrittsalter für Frauen auf 65 erhöhen) und man sich wieder einmal vor dem großen Umfallen von Faymann fürchten muss, beginnt sich wie durch ein Wunder über den STANDARD die ganze Wahrheit zu verbreiten. Ist ja auch klar: Wieso soll man der arbeitenden Bevölkerung, die kein Geld hat, das Weiße aus den Augen herauskratzen, während die Superreichen, die das Geld haben, ungeschoren davonkommen sollen? Dass das nicht nur gegen jedes Gerechtigkeitsempfinden, sondern auch gegen jede ökonomische Vernunft ist, kann jeder erkennen, der sich ein wenig mit Politik, Ökonomie und Geschichte beschäftigt hat.

2. teil

gänzliche unkenntnis beweist der herr schachameier aber dann, wenn er sich frägt, wohin denn das gute geld denn fließen sollte! schulden gäbe es ja schon genug! auch die privaten sind allesamt schon verschuldet: haushalte und unternehmen.

dazu folgendes: würde der staat beiden nicht so viel aus der tasche stehlen, wären beide auch weniger verschuldet. weiters vergisst der finanzprofessor (welche schande!!!) ganz auf das eigenkapital! ein anleihenkäufer der bei fehlender staatsverschuldung keine zinsen mehr bekommt, könnte etwa in ein start-up investieren, oder in jedes andere unternehmen. keine sorge herr brotfresser: die private wirtschaft findet schon eine verwendung für das geld, es gibt keinen grund es aus privaten taschen zu stehlen!

Lieber Herr Berger,

auf was wollen's denn eigentlich hinaus?
kurzgefaßt, und ohne schwadronieren, wenn's geht. bitte!

ganz einfach

der herr professor sieht den schuldenberg als fixum an. wenn ein staat seine schulden verringert (zurückzahlt), wächst irgendwo anders der schuldenberg. stimmt aber nicht natürlich: wenn ein anleger statt anleihen aktien zeichnet reduziert sich der schuldenberg. so weit so logisch und un-tautologisch.

das problem dabei: es wird nur aus den kleinen privaten taschen gestohlen, nicht aber aus den großen, den bankstermäßigen zB, oder von konzernen und privatiers.

http://tinyurl.com/85k76zo

der gute herr schachenmeier

hätte lieber mathematiker bleiben und das mit den finanzen weglassen sollen. vollkommene unkenntnis beweist er in der evaluierung des new deals: diese sozialistischen massnahmen haben die usa in eine jahrelange stagnation geführt. erst der 2. weltkrieg hat einen enormen boom hervorbeschworen.
der hinweis auf "bis in die 70er jahre" ist auch herzig! wir erinnern uns alle an die goldenen zeiten. die "egalitären" westlichen wirtschaften waren so schwach, dass sie die ölschocks an den rande des ruins brachten. kennwörter für die 70er: inflation, stagnation. na das brauchen wir dringend!

Der Ansatz ist richtig, aber erklärt noch nicht alles

Vermögen entstand und entsteht in erster Line durch Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Wenn man diese Tatsache, nicht verleugnen würde, dann wäre der erste Schritt getan um zu einer "gerechteren" Besteuerung zu kommen.

In Ihrer Weltsicht kommt der Strom wohl auch aus der Steckdose

Die immer wieder zitierte marx'sche These von der Ausbeutung lässt sich nicht dadurch verifizieren, in dem man sie nicht reflektiert. Sie ist schlichtweg Unsinn. Wäre sie wahr, hätte es niemals zu einem Wohlstand der Massen kommen dürfen. Dieser Wohlstand verdankt sich Unternehmern, die in der Lage waren Arbeitskraft so sinnvoll und effizient zu organisieren, dass Arbeit dadurch produktiver wurde. Im Wesentlichen fließt der Mehrwert durch diese Steigerung der Arbeitsproduktivität den Arbeitern zu. Gewinne spielen gegenüber den Löhnen eine eher untergeordnete Rolle.

sorry

irgendwas stimmt nicht an dieser Logik

Der Staat kann nur das Vermögen der im Staat ansässigen Bürger enteignen / besteuern. Wenn nun die Verschuldung überwiegend im Ausland geschieht, müssen wohl die eigenen Bürger übermäßig zur Kasse gebeten werden.

Wenn der Staat seine Schuld zurückbezahlt, hat der Gläubiger anstatt seiner Forderung eben Cash. Den kann er konsumieren oder wieder neu verleihen.

Warum soll es keine anderen Veranlagungsformen ausser dem Staat geben?
Es gibt genug andere Möglichkeiten sein Geld zu investieren.

Die Logik ist genau richtig, und widerspricht der Ihren überhaupt nicht. Jetzt sollten Sie in der Lage sein, zu verstehen, wie das Jahre lang für alle (Resteuropäer) super und gewinnbringend funktioniert hat mit Griechenland, und wo das Geld zur griechischen Budgetsanierung zu holen wäre.

der professer ist

halt nicht sehr kundig. es gibt genügend veranlagungsmöglichkeiten! dass es neben schuldpapieren auch die möglichkeit gibt eigenkapital zur verfügung zu stellen, darauf kam der gute man ja nicht einmal! echt peinlich, was in diesem land als professor herumläuft!

Wieso? Einer gibt, einer nimmt, die Rechnung bleibt die Gleiche, nur unter umgekehrten Vorzeichen (Eigenkapital zur Verfügung stellen, was bedeutet das denn genau? Überlegen Sie mal!)

das bedeutet

dass die verschuldung kleiner wird :)
wenn ich statt einer firma einen kredit neue aktien von ihr kaufe, dann reduziert sich die gesamtwirtschaftliche verschuldung.
also wenn der staat nicht das vorhandene geld für sinnlose "investitionen" in öbb-frühpensionen etc. absaugen würde, könnte z.b. die eigenkaptialausstattung der heimischen betriebe gestärkt werden.

1.) Ohne Wirtschaftswachstum hat der Staat dann mehr Arbeitslose (entweder die abgebauten Mitarbeiter, die zuvor in Frühpension geschickt wurden, oder die Jungen, die wegen der Alten keinen Job mehr bei den ÖBB bekommen), die kosten ebenfalls etwas.
2.) Die Aktien sind auch nur bei Wachstum etwas wert.
3.) Welche Firmen stützen? Könnte hier ja zu ebenso sinnlosen Investitionen kommen wie überall.
4.) Reden Sie von Verstaatlichung, und das Absurdeste überhaupt ist doch, zunächst zu privatisieren (meist unter Wert) und dann von den Unternehmen Aktien zu kaufen.

Sie hätten schon recht, wenn das ganze nicht ein Europaweites Phänomen wäre.

und weshalb kein haircut?

wenn ich beliebiges vermögen besteure, kann ich wohl die schuld reduzieren - aber ich treffe nach gießkannenprinzip absolut beliebige leute, die gar keine entsprechenden anleihen hielten.

wenn hier jemand ein guthaben verlieren soll, dann jene gläubiger, die das risiko formell eingegangen sind.

es erscheint mir seltsam, aus der makroperspektive einfach eine pauschale schuld anzunehmen, für die dann der nächstbeste reiche einstehen soll.

Stimmt, versteh ich auch nicht ganz. Wobei man Vermögen trotzdem besteuern sollte, aber am Haircut leiden diejenigen, die vorher profitiert haben, zumindest wenn man's aus der Schachermayer'schen Nullsummenperspektive betrachtet, und das wäre ja demzufolge dann die Beste Art, die Vermögens- und Schuldenverhältnisse geradezubiegen.
Was dagegen spricht: Die Staatsanleihen werden wohl noch weiter in den Keller fallen (bzw. die Zinsen in den Himmel schießen), wenn die Leute sehen, dass diese eben auch ganz real gesehen ziemlich risikobehaftet sind, und nicht einfach nur von Moodys runtergeratet.

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