Ohne Winken fällt das Abschiednehmen leichter

16. Dezember 2011, 18:15
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Tausende Kinder pendeln in Deutschland alleine mit der Bahn zwischen ihren Eltern

Die Stimme von Kurt Bitterwolf klingt freundlich, aber bestimmt: "Alle Kinder nach Hamburg, bitte fertig machen, wir gehen zum Zug", ruft der Mitarbeiter der Berliner Bahnhofsmission durch den Warteraum. Samantha packt ihr rosa Wollschaf in die eine, ihren Trolley in die andere Hand und stapft mit zwei Buben los.

Elf Jahre alt ist sie, sie wohnt mit ihrer Mutter in Berlin. Ihr Vater ist nach der Trennung nach Hamburg gezogen. Dazwischen liegen 300 Kilometer. "Ohne den Begleitdienst der Deutschen Bahn könnten sich die beiden nicht alle zwei Wochenenden sehen", sagt Samanthas Mutter, Stephanie. Jemand müsste das Kind am Freitag nach Hamburg fahren, wieder zurückreisen, am Sonntag das ganze noch einmal. Zu viel Geld und Zeit blieben auf der Strecke.

Also nutzt Samantha seit drei Jahren "Kids on Tour", den Begleitservice der Deutschen Bahn für Kinder zwischen sechs und 14 Jahren. "Am Anfang war es nicht leicht", erinnert sich die Mama. "Samantha hatte die wenigsten Probleme, aber wir Eltern dachten natürlich: Meine Güte, was tun wir dem Kind da an, setzen es einfach in den Zug."

Die Sorgen zerstreuten sich jedoch bald. Samantha geht gern auf Reisen. "Beim ersten Mal hatte ich ein bisschen Angst, dass der Zug Verspätung haben könnte. Aber jetzt kenne ich ja alles schon sehr gut", erzählt sie und wuchtet ihren Koffer ins Abteil. Auf dem Bahnsteig sind keine Angehörigen mehr dabei, sie müssen sich schon in der Bahnhofsmission verabschieden. Denn Winken am Bahnsteig, da wäre der Abschiedsschmerz doch für manches Kind zu groß.

35.000 kleine Reisende

35.000 Kinder haben das Angebot der Deutschen Bahn seit 2003 bereits genutzt, 40 Prozent davon sind regelmäßige Pendler zwischen ihren Eltern oder besuchen auf diese Weise auch ihre Großeltern. "Und in Zeiten mit wachsenden Trennungsraten steigt und steigt die Nachfrage", sagt eine Sprecherin der Deutschen Bahn.

Derzeit gibt es die Begleitung auf acht Strecken quer durch Deutschland, die großen Städte sind vernetzt. 30 Euro müssen die Eltern pro Strecke, abgesehen vom Kinderfahrschein, zahlen. Dafür sind die Kinder von der ersten Minute an bis zur Abgabe betreut. "Wollt ihr etwas spielen, vielleicht Uno oder Quiz?", fragt Begleiter Bitterwolf und öffnet seine Tasche. "Nöööö, noch nicht." Samantha schaut aus dem Fenster.

"Wenn Kinder, vor allem kleinere, zum ersten Mal zwischen ihren Eltern hin- und herfahren, dann spürt man schon manchmal eine große Traurigkeit", sagt Bitterwolf, "aber je öfter sie fahren, desto mehr Routine bekommen sie. Die meisten finden es mit der Zeit ganz normal, dass sie zwischen den Eltern pendeln." Samantha freut sich auf Hamburg. Mit ihrem Papa will sie über den Weihnachtsmarkt spazieren.

Kinder sind natürlich nicht die Einzigen, die nach der Trennung ihrer Eltern auf Reisen gehen (müssen). In vielen Fällen ist es ein Elternteil, der - oft hunderte Kilometer - auf der Strecke ist, um den Nachwuchs zu sehen. Um wenigstens die finanziellen Lasten dieser Pendelei etwas zu mildern, hat sich die Evangelische Fachstelle für alleinerziehende Frauen und Männer in München etwas einfallen lassen. Sie baut im Internet ein Netzwerk privater Gastgeber auf, die dem anreisenden Elternteil kostenlose Möglichkeit zur Übernachtung bieten (www. mein-papa-kommt.de, www.meine-mama.kommt.de).

"Die Idee hatte ich, als mir ein neunjähriger Junge von seinem Vater erzählte", sagt die Religionspädagogin Annette Habert, "der Bub lebt in München, sein Papa am Bodensee. Der Vater besuchte ihn aber immer nur im Sommer, weil er da im Auto schlafen konnte. Ein Hotel konnte er sich nicht leisten." Mittlerweile gibt es 244 Gastgeber und Gastgeberinnen, die getrennten Vätern und Müttern ihre Wohnungen öffnen. Gesucht werden noch viel mehr, auch in Österreich. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.12.2011)

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Patchwork

    DER STANDARD-
    Schwerpunktausgabe Patchwork

  • Patchwork auf Reisen: 35.000 Kinder fuhren seit 2003 kreuz und quer 
durch Deutschland, um den anderen Elternteil zu sehen.
    foto: der standard/heribert corn

    Patchwork auf Reisen: 35.000 Kinder fuhren seit 2003 kreuz und quer durch Deutschland, um den anderen Elternteil zu sehen.

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