Wiener ÖVP

"Ich will keine autogerechte Stadt"

Interview | 16. Dezember 2011, 18:44
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    foto: standard/cremer

    Manfred Juraczka möchte die Wiener VP in die nächste Gemeinderatswahl 2015 führen. Aber nicht mit einem 300-PS-SUV.

Weniger Verkehr, ohne Autofahren zur sozialen Frage zu machen – das will der neue Wiener VP-Chef Manfred Juraczka

Standard: Der Politologe Peter Filzmaier hat gesagt, Wiener VP-Obmann zu sein sei „der undankbarste Job der Republik". Warum tun Sie sich ihn an?

Juraczka: Es ist sicher keine einfache Aufgabe, aber ich gehe sie mit großer Freude an. Mit dem stark erneuerten Team besteht die Chance, in der Stadt zu reüssieren. Ein Alternativangebot zur Rot-Grün ist notwendig.

Standard: War die Wiener ÖVP bisher nicht diese Alternative?

Juraczka: Ganz offensichtlich. Wenn man sich das Wahlergebnis anschaut, haben wir Potenzial nach oben.

Standard: Was ist im Wahlkampf schiefgelaufen?

Juraczka: Die Leute wollten eine Alternative. Wir aber haben nur gesagt, der Lotse für den roten Jumbo sein zu wollen. Zum anderen hatten wir interessante Themen, aber keinen Bogen darüber.

Standard: Bei welchen Themen soll sich Ihre Partei von anderen unterscheiden?

Juraczka: Einerseits gibt es die rot-grüne Stadtregierung und zwei Oppositionsparteien, wobei ich eine Krawallopposition nennen würde. Wir wollen eine seriöse, konstruktive Oppositionspolitik machen. In dieser Rolle sehe ich auch unserer Zukunft.

Standard: Jetzt gibt es mehr als ein Jahr Rot-Grün. Bisher hat die ÖVP den Freiheitlichen das Feld weitgehend allein überlassen.

Juraczka: Ich möchte gar nicht behaupten, dass wir alles richtig gemacht haben. Wäre es so, bräuchten wir jetzt keinen Neuanfang.

Standard: Ihr Start ist davon überschattet, dass Sie in der öffentlichen Wahrnehmung als Notnagel gelten. Hat Sie das überrascht?

Juraczka: Wir haben gesagt, dass wir alle Optionen intern diskutieren, und haben uns weitgehend daran gehalten. Manche Namen sind nach außen gedrungen, es gab auch andere Optionen, die diskutiert wurden. Die Entscheidung, die getroffen wurde, zeigt auch, dass eine breite Basis der Partei hinter mir und meinem Team steht.

Standard: Reicht das, um aus dem derzeit einstelligen Ergebnis bei Umfragen wieder wegzukommen?

Juraczka: Das ist das Ziel und der Grund für den Neustart.

Standard: Sie als Vertreter des ÖAAB-Flügels haben gesagt, Ihre sechs Stellvertreter repräsentieren das gesamte Spektrum der Partei. Reicht das, um die Bünde zu besänftigen?

Juraczka: Die Bünde haben eine wichtige Rolle in der Volkspartei, ich sehe sie als Zielgruppenbetreuer. Aber man muss bündische Überlegungen der Marke ÖVP zuliebe hintanstellen.

Standard: Welches Profil wollen Sie der Wiener VP geben?

Juraczka: Wirtschaftskompetenz und Wirtschaftspolitik werden ganz wichtig sein. Wir haben erst diese Woche bei der ewigen Gebührenerhöhung in Wien ein neues Kapitel aufgeschlagen mit der massiven Erhöhung U-Bahn-Steuer. Wenn man in Zeiten, wo wir aufpassen müssen, dass wir nicht in ganz Europa in eine Krise schlittern, Arbeitsplätze durch Erhöhung der Lohnnebenkosten durch die U-Bahn-Steuer gefährdet, dann ist das nicht in Ordnung. Vor allem angesichts der Einsparungspotenziale in dieser Stadt.

Standard: Welche Sparmöglichkeiten sehen Sie?

Juraczka: Im Bereich der Eigenwerbung sind das über 50 Millionen Euro. Warum muss die Müllabfuhr, die ja ein Monopolist ist, ständig beworben werden? Die öffentlich Bediensteten gehen im Wien in Schnitt mit 57 Jahren in Pension, im Bundesdienst liegt das Antrittsalter bei 60 Jahren.

Standard: Wie würden Sie sich politisch selbst einordnen?

Juraczka: Werteorientiert, aber weltoffen. In manchen Bereichen bin ich sicher konservativ, in anderen liberal.

Standard: In welchen Bereichen sind Sie konservativ?

Juraczka: Bei der Familienpolitik geht es mir nie um Diskriminierung anderer Menschen. Ich glaube nur, dass die Familie als Keimzelle des Staates besonders förderungswürdig ist. Politik soll Rahmenbedingungen setzen, den Menschen Möglichkeiten geben, ihr Leben frei zu gestalten - aber kein Anstandswauwau sein.

Standard: Meinen Sie damit auch homosexuelle Paare?

Juraczka: Wie jemand sein Leben führen möchte - feel free. Ich bin gegen Diskriminierung. Aber eine heterosexuelle Partnerschaft, in der Kinder zu Welt kommen können, hat trotzdem einen besonderen Stellenwert.

Standard: Sie kritisieren, dass Rot-Grün eine autofahrerfeindliche Verkehrspolititk machen. Warum ist es falsch, die Zahl der Autos einzudämmen?

Juraczka: Ich will keine autogerechte Stadt, wo jeder mit seinem 300-PS-SUV unterwegs ist. Wenn wir nicht im Stau ersticken wollen, müssen wir den öffentlichen Verkehr attraktiver machen. Aber nicht, indem man das Autofahren zur sozialen Frage macht. Ich will keinen Zwang. Es gibt einkommensschwache Menschen, die das Auto aus beruflichen Gründen brauchen. Für Autofahrer ist der Anreiz der Umstieg die U-Bahn - und gerade die wollen die Grünen nicht bauen.

Standard: Die Grünen haben den Preis für die Jahreskarte gesenkt.

Juraczka: Aber gleichzeitig wurden die Tagestickets erhöht. Leute, die zum Umsteigen bewegt werden sollen, fangen peu à peu mit Tagestickets an. Das ist nicht der Anreiz, den ich mir vorstelle.

Standard: FP-Klubchef Johann Gudenus hat von Gesprächen über eine mögliche Zusammenarbeit erzählt. In welchen Bereichen sehen Sie Gemeinsamkeiten?

Juraczka: Ich habe im Zuge meines Amtsantritts diverse Besuche gemacht. So war ich auch bei Gudenus, es war ein Akt der Höflichkeit. Natürlich gibt es immer wieder Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Vor der Wahl 2010 haben alle drei Oppositionparteien - also auch die Grünen - beim Notar unterschrieben, dass man ein neues Wahlrecht haben möchte.

Standard: Können Sie sich vorstellen, als Counterpart zu Rot-Grün mit den Freiheitlichen ein Mitte-rechts-Lager zu bilden?

Juraczka: Nein, es gibt viele Bereiche, wo ich mich mit den Freiheitlichen gar nicht finde. Beim Thema Missbrauch im Kinderheim Wilhelminenberg will die FP sofort einen Untersuchungsausschuss. Wir geben der Helige-Kommission einen Vertrauensvorschuss. Stadtrat Christian Oxonitsch hat zugesagt, dass er uns alle zwei Monate berichten wird. Solange er uns nicht enttäuscht, muss man das nicht auf die parteipolitische Ebene bringen.

Standard: Wird die Wiener ÖVP mit Ihnen als Parteiobmann in die nächsten Wahlen gehen?

Juraczka: Davon gehe ich aus.

Standard: Was mögen Sie an Wien, wofür genieren Sie sich?

Juraczka: Ich steh irrsinnig auf den Wiener Schmäh. Was mir auf die Nerven geht, ist das Raunzen. Passt im Übrigen sehr gut zu der Debatte der Wiener ÖVP. (Bettina Fersebner udn Julia Herrnböck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.12.2011)

MANFRED JURACZKA (42), seit 1986 Parteimitglied, ist seit Montag designierter Klubobmann der Wiener ÖVP. Im September 2011 wurde er als nicht amstsführender Stadtrat angelobt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 107
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DirtyHarry
00
29.1.2012, 13:25

alte europäische städte waren, sind und werden nie "autogerecht"

Peter Hammer 06
00
27.12.2011, 21:59
Habe heute Herrn Juraczka....

...im Gespräch mit Paul Tesarek gesehen und gehört.
Die Masche: Kleide dich und rede wie HC Strache wird für das Aufhalten des Abwärtsrutschens der Wiener ÖVP nicht genügen.

woidviadla
02
21.12.2011, 11:44
Schwarze Verkehrspolitik...

Man tendiert dazu, zu glauben, die hätten noch weniger Ahnung als die FPÖ.

Ich kann nicht bei den ÖBB Investitionen zurückschrauben wollen und gleichzeitig U-Bahnen in die Pampa bauen. Das ist ein glasklarer verkehrswirtschaftlicher Widerspruch.

Ebenso kann ich nicht tolle, neue, schnellere Züge ins Waldviertel wollen und gleichzeitig die Privatisierung der ÖBB fordern.

Wahnsinn, kopf- und hirnlos....

Weg mit dem letzten Proelleten!
00
20.12.2011, 02:20
Ich will keinen Juraczka!!!

Der Kluge
12
18.12.2011, 22:49

"Für Autofahrer ist der Anreiz der Umstieg die U-Bahn - und gerade die wollen die Grünen nicht bauen."
___________

Die Grünen sind eine furchtbare Partei, aber diese Äußerung ist eine Frechheit.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass primär das Pröll-Niederösterreich jede auch nur symbolische Finanzierung für U-Bahn/Schnellbahn verweigert und sinnvolle Verkehrskonzepte aus kurzsichtigem Egoismus verhindert. (U-Bahn über Stadtrand, gratis Parkplätze am Acker)

Die Grünen in diesem Zusammenhang als Blockierer hinzustellen ist lächerlich. Kein Wunder, dass die ÖVP in Wien einstellig ist udn bald zu einer Untergrundbewegung verkommt

BraS
 
01
20.12.2011, 15:17

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ein weiterer U-Bahnbau weder von den zu erzielenden Fahrgastzahlen notwendig, noch hinsichtlich wirtschaftlich Betriebsführung leistbar ist.

Das ahben zumindest die Grünen erkannt - der Rest träumt noch immer von den warmen Eislutschern der U-Bahn zu jedem Einfamilienhaus.

Peter Hammer 06
00
27.12.2011, 23:40
Und manche träumen noch immer ...

...von Eislutschern in Form von Strassenbahnen in jeder dritten Querstrasse.

Resi Tupfer
01
18.12.2011, 14:01
Wien ist das letzte "verstaatlichte" Bollwerk.

Bollwerke haben so die Eigenschaft auch unter Dauerbeschuss nicht kaputt zu gehen.
Jetzt eröffnet die Wiener ÖVP einmal das Feuer mit Stoppelgewehren. Bleibt abzuwarten, ob ihnen einmal so etwas wie das trojanische Pferd einfällt ...?

Resi

wg 1980
02
18.12.2011, 13:09
dass gebühren den politikern mit ihren überzüchteten gehältern egal sind, ist schön

zeit wärs mal, umweltzonen einzuführen, in die überhaupt keine suvs mehr einfahren dürfen, fahrverbote für generell alle dieselfahrzeuge und freie fahrt für hybride und e-autos.
jetzt, wo bald von allen herstellern umweltschonendere antriebe angeboten werden, irgendwelche anti-autofahrer-kampagnen zu starten, ist so was von heuchlerisch!
autofahrer sind doch nur die melkkühe, die dieses verkommene system samt verwaltungs-wasserkopf am leben erhalten! zeit wirds, dass wieder wahlen kommen!

Bekka
 
02
18.12.2011, 10:58
also für einen övp-politiker

war das gar nicht einmal so ein schlechtes interview

a grinch in the matrix
00
19.12.2011, 09:15

unter den blinden...

frustrierte frankfurter depressive debreziner
00
18.12.2011, 10:34

je dicker die uhr...

Wolfgang Ullram
133
18.12.2011, 09:44
ich will keine stadt

die ausschließlich auf bobos ausgerichtet ist

zb autos verteufeln (weil sie selber noch keine fahren dürfen)

gratis öffis (schülerfreigahrt bzw. schwarzfahren)
radwege die 5% nutzen aber alle zahlen müssen, weil die radler selber nix dafür zahlen
gratis wlan weil die bobos sich keinen gescheiten umts tarif leisten können

usw.

a grinch in the matrix
02
19.12.2011, 09:20

erstmal: rot für die verwendung des depperten "bobos" - das ist eine wirklich dumme und völlig phantasielose art, menschen mit einer anderen lebensart als ihrer runterzumachen.

dann: mehr als 50% der stadthaushalte - darunter auch ich (trotz vorhandenem führerschein) - haben kein auto, leiden aber trotzdem unter platzmangel, feinstaub, lärm und mit häßlichen blechkübeln verparkten straßen.

denken sie mal nach, wie die stadt aussähe, wenn alle menschen zumindest ein auto hätten - alles wäre noch voller, es gäbe noch mehr stau - wollen sie das wirklich?

Tobi-Wan Kenobi
11
18.12.2011, 18:29
na na na

Ampelanlagen, eine neue Asphaltierung und neue Autobahnkreuze nutzt auch nicht jeder ... Zahlen aber schon!
Außerdem muss ich als Nichtautofahrer den Feinstaub einatmen ...

Die Stimme
82
18.12.2011, 09:38

Eine klare Position für die Autofahrer zu beziehen wäre vorteilhaft.
So wie sich das anhört muß man als SUV Fahrer womöglich doch die FPÖ wählen? Wäre schade.

Selbstbedienungsladen Österreich
01
19.12.2011, 16:26
das würde ca dem niveau ihres postings entsprechen

Bagaude
00
18.12.2011, 13:39

Aha, Wahlentscheidungen sollten also nur auf der Position einer Partei gegenüber den SUV-Fahrern basieren. Könnte es sein, dass Sie nich ohnehin schon FPÖ gewählt haben oder beschlossen haben, die FPÖ bei er nächsten Gelegenheit zu wählen? Oder ist das eine versteckte Wahlwerbung für die FPÖ?

Change
53
18.12.2011, 09:21
als ehemaliger vassilacki Wähler

ist er mir sympathisch. endlich jemand der einsieht, dass man den verkehr nicht zum Luxus für dir reichen machen soll! ich will auch hin und wieder mit dem Auto Gästen können, wenn ich es brauche!

Der Österreicher
13
18.12.2011, 08:46

Standard: Der Politologe Peter Filzmaier hat gesagt, Wiener VP-Obmann zu sein sei „der undankbarste Job der Republik". Warum tun Sie sich ihn an?

Hm, vielleicht spielt das Gehalt von € 13.872 eine kleine Rolle...

Könnte ja sein...

MBR
00
18.12.2011, 04:55

nur weiter so

CEEIT
01
18.12.2011, 01:58
Eigentlich hat er kaum etwas von sich gegeben

zumindest keinen Inhalt.

Reiht sich gut in die riege der der ÖVP-Wien-Obmänner der letzten 20 Jahre ein und wird sicher den Trend beim Wahlergebnis fortsetzen.

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs
17
17.12.2011, 21:11

"Werteorientiert, aber weltoffen. In manchen Bereichen bin ich sicher konservativ, in anderen liberal."

Eine Antwort 1:1 vom Kommunikationstrainer. Gibt ein Sternchen!

thomislav
00
18.12.2011, 13:47

und mit diesem trash wird er in zukunft auf "wählerfang" gehen.

Milchleber
01
18.12.2011, 03:29

außerdem empfinde ich weltoffen als Wert. Also eine redundante Aussage

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