Hohe Personalfluktuation, hohe Pönalezahlungen bei Qualitätsmängeln: Das neue ÖBB-Speisewägen-Konzept führt für Bewerber einiges an Risiko mit
Wien - Abgelaufene Debreziner-Würsteln dürften die Entscheidung, einen
neuen Caterer zu engagieren, nur beschleunigt haben. Wiewohl der Vertrag
mit E-Express per Jahresende ausläuft und die ÖBB die
Zugbewirtschaftung, wie Speisewagenservice im Fachjargon heißt,
ausschreiben muss, kamen der Bundesbahn derartige Meldungen vermutlich
zupass.
Denn abseits kolportierter Mängel (die E-Express stets vehement in
Abrede stellte), gibt es zwischen ÖBB-Personenverkehr und ihrem
langjährigen Verpflegungspartner stets Streit um die Subventionierung
des Essens auf Rädern. Es geht dabei um Millionen, die die Staatsbahn
jährlich aufbringt. 2011 sollen es - je nach Quelle - an die 16
Millionen Euro sein, die in die kulinarische Fahrgastversorgung fließen.
Der Vorwurf dahinter, der auch seitens der Dienstleistungsgewerkschaft
Vida vehement geäußert wird: E-Express setze seit der Öffnung des
Arbeitsmarkts verstärkt über ihre ungarische Schwesterfirma rekrutierte
Mitarbeiter ein und drücke so Lohn- und Personalkosten. Da der Zuschuss
für das Catering seitens der staatlich subventionierten ÖBB gleich
bleibe, steige die "Marge" für E-Express automatisch. Indirekt
subventioniere damit die Republik Österreich Niedrig- oder Dumpinglöhne,
so der Vorwurf.
Böse Vorwürfe
"Stimmt nicht", kontert E-Express-Gründer und -Geschäftsführer Josef
Donhauser. Weder seien im großen Stil ausländische Leiharbeiter im
Einsatz, noch erhöhe sich die Spanne für E-Express. "Weil wir weit über
ungarischem Kollektivvertrag zahlen müssen, um Mitarbeiter mit
Deutschkenntnissen zu bekommen, die den Qualitätsanforderungen
entsprechen. Von insgesamt 440 "fahrenden Mitarbeitern" seien maximal 80
bis 90 aus Ungarn, und die brauche man, um bei der Abfahrt von Zügen in
Budapest Speisewagenservices bieten zu können. Genau dafür habe man den
Ungarn-Ableger gegründet, sonst müssten ja österreichische Arbeitnehmer
"in Leerfahrt" nach Budapest zum Dienstantritt geführt werden. Das wäre
noch teurer, sagt Donhauser.
ÖBB nascht mit
Eine höhere Marge sei für E-Express schon allein deshalb nicht zu
erzielen, weil das von der ÖBB gezahlte Dienstleistungsentgelt jährlich
an Bedarf, Fahrplanänderungen und neue Zugsfolgen angepasst werde.
Außerdem seien höhere Deckungsbeiträge an die ÖBB abzuliefern, sagt
Donhauser. Folgte man diesem Prinzip, würde die ÖBB also mitkassieren.
Laut früheren ÖBB-Angaben schlug die Zugbewirtschaftung von 2008 bis
Ende 2011 mit gut 85 Millionen Euro zu Buche.
Für die Bewerber um das ÖBB-Catering - im Rennen sind dem Vernehmen nach
noch Do&Co, die Wagon-Lits-Tochter New-Rest, die zur Lufthansa gehörende
LSG SkyChefs und E-Express - birgt der Vertrag für vier Jahre ab April
2012 einiges an Risiken - nicht nur wegen der hohen Fluktuation bei den
Beschäftigten (sie beträgt laut E-Express 60 bis 70 Prozent, laut
ÖBB-Insidern sogar 80 bis 90 Prozent pro Jahr), die der neue Anbieter
übernehmen muss. Fällt der Speisewagenservice aus, verlangt die ÖBB 5000
Euro Pönale pro Tag.
Zusätzlich belastet wird der neue Anbieter durch Kosten für Hotelzimmer.
Denn die früher gebotene Übernachtungsmöglichkeit in ÖBB-Quartieren
fällt auch weg. Und: Das spezielle Equipment (Geschirr, Kassensysteme,
Rollwägen zum Transport auf die in Österreich uneinheitlich hohen
Bahnsteige etc.) muss ein neuer Anbieter dem Vorgänger E-Express
abkaufen - sonst "steht er drei bis vier Monate ohne Catering da", sagt
ein Bewerber. Ob die neue ÖBB-Kulinarik also billiger wird, bleibt
abzuwarten, denn jeder neue Anbieter wird diese Kosten wohl aufschlagen.
Dafür fällt der Aufwand für das häppchenweise Essen im Railjet weg. Denn
die Premium-Class im ÖBB-Railjet hat ein Ablaufdatum. Sie wird an
IC-Niveau angeglichen, sagt eine Sprecherin - auch, um die Auslastung zu
erhöhen und das Angebot zu optimieren. Auch die Preisgestaltung werde
überprüft. Fahrgäste können sich diesbezüglich aufwärmen und ihre
Verköstigungswünsche in Railjets und anderen Speisewägen via Facebook
deponieren. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 17./18.12.2011)