Der fliegende Fleckerlteppich

16. Dezember 2011, 16:21
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Alexander Pointner formte aus höchst unterschiedlichen Einzelsportlern die beste Skisprungmannschaft der Welt. Für Österreichs Coach hat sie als Lebensgemeinschaft zu funktionieren, die allen Entfaltungsmöglichkeiten bietet

Wien - Alexander Pointner ist in den vergangenen acht Jahren dramatisch gealtert - quasi. Das hat nichts damit zu tun, dass er daheim in Innsbruck mit Ehefrau Angela inzwischen schon vier Kinder hat. 2004 wurde der Oberösterreicher vom damaligen nordischen Sportdirektor Anton Innauer zum Cheftrainer der österreichischen Skispringerei befördert. Heute fühlt sich Pointner, der stets am Neujahrstag um eine Kerze mehr auszublasen hat (in zwei Wochen sind es 41), wie der "junggebliebene Großvater" seiner zweiten Großfamilie.

Als Lebensgemeinschaft von Personen, die aus verschiedenen Umfeldern und Lebenssituationen ("verliebt, verlobt, verheiratet") kommen, hat sie für ihn zu funktionieren, die mittlerweile beste Skisprungmannschaft der Welt. "Es war meine erste Vision, ein Gefüge entstehen zu lassen, in dem man sich nicht gegenseitig im Weg steht, in dem man sich aber auch nicht einfach bedienen kann. Die Sportler sollen sich nebeneinander entfalten, ohne dass man ihnen ständig 'Tu dieses, mach jenes' sagen muss."

Die angestrebte Entfaltung hat summa summarum 25 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen sowie je drei Gesamtsiege im Weltcup und bei der Vierschanzentournee mit sich gebracht. In der Mannschaft stehen mit Thomas Morgenstern, Gregor Schlierenzauer, Andreas Kofler, Wolfgang Loitzl und Martin Koch derzeit fünf Athleten, die allesamt schon für sich allein gewonnen haben. Gemeinsam, als Quartette wechselnder Zusammensetzung, sind sie seit Jahren nahezu unschlagbar.

Statusdiskussionen

Das funktioniert nach Pointners Meinung nur, wenn im Zusammenleben, das deutlich mehr als die Hälfte jedes Jahres in Anspruch nimmt, Energieverluste vermieden werden. Eifersüchteleien kosten, wie die österreichische Skisprungfamilie etwa anlässlich der Vierschanzentournee 2007/08 feststellen musste. "Morgenstern und Schlierenzauer waren gut genug, um zu gewinnen. Janne Ahonen hatte aber im Unterschied zu ihnen niemanden in der eigenen Mannschaft, mit dem er über seinen Status diskutieren musste", erinnert sich Pointner. Der inzwischen zurückgetretene Finne nutzte die Querelen ziemlich humorlos und wie gewöhnlich ohne Anflug eines Lächelns. Innerlich dürfte er sich aber zerkugelt haben.

Wendet man nun ein, dass das Skispringen, vielleicht abgesehen von Mannschaftskonkurrenzen, eigentlich ein Einzelsport ist, weil ja schließlich jeder für sich allein die Anlaufspur zu durchmessen, abzuspringen und wieder zu landen hat, kommt Pointner mit seinem Häusergleichnis. "Mein Leitsatz ist, dass wir bis zum neunten Stockwerk gemeinsam klettern, erst das Runterspringen vom zehnten Stock muss dann jeder für sich selbst bewältigen können."

Pointner selbst ist als Skispringer schon auch bis zum Absprung gekommen, eigentlich ist er aber im sechsten Stockwerk zurückgeblieben. Sein bestes Weltcupergebnis war trotz Talents ein neunter Platz. Nach dem verletzungsbedingten Ende der Karriere engagierte er sich erst in der Nachwuchsarbeit, um dann Assistent der Trainer Alois Lipburger und Anton Innauer zu werden. Nach seinem Avancement zum Chef, sagt Pointner, habe er zunächst das Augenmerk ganz auf die Ausbildung der Basiskompetenzen seiner Sportler gelegt. Das ist ihm neben dem Wettkampf-Coaching auch heute noch wichtig, doch wird er in der Arbeit an Sprungstilen, am jeweiligen Material, an körperlichen Fertigkeiten, mehr und mehr von Stützpunkttrainern unterstützt. Ob Morgenstern, Schlierenzauer oder Kofler, sie alle haben zumeist nahe ihren Wohnorten kompetente Vertraute, auf die sie derart schwören, dass auch schon die ketzerische Frage gestellt wurde, wozu Pointner, abgesehen vom Abwinken der Springer am Turm (der Mann mit der Fahne!), eigentlich gebraucht werde.

Gestellt wurde diese Frage ziemlich eindringlich, nachdem Wolfgang Loitzl im Neujahrsspringen 2009 nach 223 vergeblichen Versuchen erstmals zum Sieg gefunden und in der Folge die Vierschanzentournee und im tschechischen Liberec den WM-Titel auf der Normalschanze gewonnen hatte. Loitzl begründete die verblüffende und mit knapp 29 Jahren reichlich späte Wandlung zum Siegspringer mit seiner Vorbereitung abseits der Mannschaft. Dem Familienvater war dem Vernehmen nach die ständige Konfrontation mit den lustigen Jungspunden Schlierenzauer und Morgenstern nicht nur aufs Selbstvertrauen, sondern zunehmend auch auf die Nerven gegangen. Pointner ließ die Insubordination abperlen und holte Loitzl nach und nach wieder in die Lebensgemeinschaft zurück. Als Fleckerl ohne Teppich kam der Steirer auf Dauer auch nicht zurecht.

Der hinterfragte Coach wehrt die Hinterfragung mit dem einfachen Argument ab, dass gerade er sich für das System der Stützpunkttrainer starkgemacht habe. "Mit der Qualität der Springer muss auch die Betreuung eine neue Qualität erreichen. Mir geht es um die lückenlose Betreuung, es gibt keinen Tag mehr, an dem sich die Springer allein gelassen fühlen müssen." Die Abstimmung mit den Stützpunkttrainern erlaube es, die Sportler dort abzuholen, wo sie sich in ihrer physischen und psychischen Verfasstheit gerade befinden. Customer-Relationship-Management nennt das Pointner wenig romantisch.

Mutter der Kompanie

Das Prinzip der Kundenpflege will so gar nicht zum auch werbemäßig sorgsam gepflegten Klischee von der lässigen Truppe, die bei Gitarrenspiel und Gesang im Tourbus von Schanze zu Schanze gondelt, passen. Dass es aber immer wieder auch so stattfindet, ist ebenso eine, nun ja, Pointe wie die Tatsache, dass Pointner neben dem Opa zuweilen noch die Mutter der Kompanie gibt, also Hotels und Reisen checkt. "Das zu delegieren würde zu viel Zeit kosten." Diesbezüglich gelungenes Management ist ja das A und O einer Fleckerlteppich-Familie. (DER STANDARD-Printausgabe 17.12. 2012)

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    Trainer Pointner und das familiäre Quartett Morgenstern, Loitzl, Kofler und Schlierenzauer, das ihm viele Siege beschert hat.

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Patchwork

    DER STANDARD-
    Schwerpunktausgabe Patchwork

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