Bologna

PhD auf Master auf Bachelor, das Studium als Baukastensatz

16. Dezember 2011, 17:19
  • Artikelbild

    DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Patchwork.

Studienarchitekturen: Basteln alla bolognese an Fächerkombinationen

Wien - "Stein auf Stein, Stein auf Stein, das Studium wird bald fertig sein." Das waren die Erwartungen an das Studium im "Einheitlich geregelten Europäischen Hochschulraum", initiiert durch den Bologna-Prozess. Die Idee: Studienarchitekturen flexibilisieren und so die Kombination verschiedener Fächer ermöglichen. Stichwort: Interdisziplinarität.

Im Zuge der vielzitierten, in ihrer Umsetzung heftig umstrittenen Hochschulreform stellten hierzulande praktisch alle Studienrichtungen auf ein dreigliedriges System um: Auf das dreijährige Grundstudium Bachelor (BA) kann ein ein- bis zweijähriger Master (MA) aufbauen. Daran anschließen kann ein Doktorat beziehungsweise PhD-Studium.

"Wollt ihr fleißige Handwerker seh'n", kann man nach wie vor anstimmen. An Fächerkombinationen und dem Anrechnen "fachfremder" Studien und Stunden wird weiterhin gebastelt.

Wer auf seinen BA einen MA in einem anderen Studienfach setzen möchte, stellt einen Antrag an die Studienprogrammleitung seines Wunschfaches. Sie urteilt von Fall zu Fall über die "Gleichwertigkeit des Abschlusses". Diese kann, wenn das innerhalb von maximal 30 ECTS-Punkten möglich ist, nachgeholt werden. Bei einem Wechsel zwischen Master und Doktorat dürfen Auflagen von nicht mehr als 60 ECTS gemacht werden, um die "Fachfremde" auszugleichen.

"Man hört immer wieder Klagen, alles sei rigider geworden", sagt der Klagenfurter Hochschulforscher Hans Pechar. Ganz würde er das nicht unterschreiben. "Vieles hängt vom guten Willen der einzelnen Unis ab", sieht er das Problem nicht als systemimmanentes. "Interdisziplinarität ist immer gut", ist Pechar überzeugt, eine Schwierigkeit sieht er daher in der Spezialisierung des Bachelors. Genau dieser erste Studienteil sollte breiter angelegt sein und allgemein orientiert, statt fachlich spezialisiert, wie das verstärkt in Deutschland und Österreich umgesetzt wurde. Der Anschluss an einen solchen breiten Bachelor sei viel besser möglich und werde etwa in Nordamerika als "gar nicht außergewöhnlich angesehen."

Auch Uni-Wien-Rektor Heinz W. Engl ist der Ansicht, "der volle Nutzen der neuen Struktur kann erst durch 'vertikale Mobilität' erreicht werden". Beispiel: Auf einen BA in Mathematik wird ein MA in Bioinformatik gemacht. Die Möglichkeiten der "flexibleren Kombinationen" wolle man ausweiten, nicht zuletzt, da die Nachfrage seitens der Studierenden sukzessive steige.

Selten geht man bei dieser "vertikalen Mobilität" von der Verknüpfung klassischer Studienfächer aus. Es handelt sich um spezialisierte MA-Studien, die für mehrere BA-Abschlüsse offenstehen. Die Uni Wien nennt hier etwa "Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens", "Science-Technology-Society" und das exotisch klingende "MEi:CogSci: Middle European interdisciplinary master pro- gramme in Cognitive Science".

Kollegiales Umfeld

"Wir leben diese Interdisziplinarität", sagt Petra Pesak vom Departement für Kognitionsbiologie an der Uni Wien. In einem kollegialen Umfeld arbeiten hier Master, PhD- und Postdoc-Studierende. Im Doktoratskolleg seien Ingenieure, Mathematiker und sogar eine Philosophiestudentin aus Sizilien dabei. Daher sei der Diskussionsstandard sehr hoch, erzählt Pesak, erwähnt aber im gleichen Atemzug: Möglich ist dies, weil das Betreuungsverhältnis und die Finanzierung stimmen. Ihrer Erfahrung aus der wissenschaftlichen Praxis nach sei Interdisziplinarität am Anfang des Studiums "sehr schwierig". Schließlich sei eine gute Grundlagenausbildung und eine Vertiefung auf einem Gebiet vonnöten. Das größte Potenzial des Fleckerlteppich-Studiums sieht sie in der Forschung - im PhD- und Postdoc-Bereich. (Julia Grillmayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.12.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 40
1 2
gab86
10
30.12.2011, 10:40
angepisst

Nach einem biotechnologischem Fachhochschulabschluss (Bac.) wird es einem nicht direkt erlaubt in ein Masterstudium (Biotechnologie) an der Uni zu inskribieren. 48,5 ECTS sind konkret nachzuholen. Das ist für einen Studenten nicht leistbar.

silverfinger
02
18.1.2012, 13:35

ist auch richtig...alle anderen haben sich durch den Unidschungel gekämpft und sollen auch dafür belohnt werden

eine Fachhochschule ist eben keine uni ... das wird jeder Uniabsolvent bestätigen

el_burrito
00
17.2.2012, 10:55
es ist aber schwierig

den uni abschluss innerhalb der vorgegeben zeit zu absolvieren... oft ist es so, dass man 1-2 semester länger braucht, um seinen studienabschluss zu schaffen - sei es aucs welchen gründen auch immer. jedenfalls trifft es das wort "unidschungel" sehr gut! daher würde ich persönlich eine fh bevorzugen, da es hier gut möglich ist einen abschluss innerhalb von 6 bzw. 4 semestern zu machen, je nachdem welchen abshcluss man anstrebt. darüber hinaus können di studenten dann auch viel früher zum arbeiten beginnen und das wiederum freut den staat aufgrund der steuereinnahmen (stichwort pensionskasse)!

gab86
00
24.1.2012, 11:56

Gut, dass ein Uniabsolvent weiß wie es auf einer Fachhochschule abläuft.

silverfinger
00
19.2.2012, 18:35

wieso? wurden Sie etwa in der Fachhochschule nicht persönlich betreut?

der grammatik
01
21.12.2011, 18:37
[...]eine Schwierigkeit sieht er daher in der Spezialisierung des Bachelors. Genau dieser erste Studienteil sollte breiter angelegt sein und allgemein orientiert,[...]

Um Himmels Willen bitte nicht! Es ist schon jetzt nur mehr ein Kratzen an der Oberfläche, wenn das noch stärker durchgesetzt werden soll, fehlt gänzlich die Möglichkeit sich in ein Gebiet zu vertiefen.

Ich hab einfach genug von "Überblicksveranstaltungen" in denen das selbe immer und immer wieder durchgekaut wird. Davon hat absolut niemand etwas.

Alexander67
00
25.12.2011, 20:29

Komisch, bei meinem Studium werden in den verschiedenen "Überblicksveranstaltungen" nicht das selbe durchgekaut.

walter kogler
00
21.12.2011, 14:15
Skandal

interessant find ich ja die diskussion hier im forum, dass die TU Wien äußerst problematisch bzw. wahrscheinlich nicht gesetzeskonform akademische grade verleiht. in den masterstudien wird der akad. grad DI verliehen mit englischer übersetzung master of science (nachzulesen in den curricula auf der webseite der tu wien). gleichwohl dürfen nach § 87 Abs 3 Universitätsgesetz 2002: diese grade nicht übersetzt werden. DI=DI so wie der magister eben auch auf englisch ein magister ist

Chemist88
11
24.12.2011, 12:13
warum soll das so problematisch sein?

Und wenn das das größte Problem an der Sache wäre, dann würd ich mich echt freun. So nebenbei, von wegen gesetzeskonform: wie schauts denn mit dem Jus-Studium aus?;-)

Der Chronist
00
21.12.2011, 00:44

Es dürfte ziemlich untergegenagen sein, dass in aller Stille bei verschiedenen - oder gar allen? - Studien im Masterstudium Eingangsphasen durchgeführt werden. Man will sich eben nicht auf die StEOp als einzige Hürde verlassen.

mountaineer
00
20.12.2011, 12:06
Das hat man sich "gut" abgeschaut:

Wichtig sind nicht die Inhalte, die man lernt, sondern, wieviele ECTS-Punkte man gesammelt hat.
Wichtig ist nicht, was man kann, sondern ob man ein Auslandssemester vorweisen kann.
Wichtig ist nicht, wieviel man lernt, sondern, wie viele Semesterstunden man absitzt.

MBA ("Master of Bullshit Administration")
12
18.12.2011, 18:14
Dr. rer.sc.nat. Dippl. Gnaß

starb an einem akademischen Übermaß.

sandor gjalski
00
18.12.2011, 02:38

hab ich wohl!

entweder in form einer privat finanzierten ratingagentur die unis- studienprogramme anhand deren marktverwertbarkeit bewertet

oder eine zivilgesellschaftliche NGO (ja Habermas!) die dem Humboldschen-Ideal verpflichtet die universitäre Staatsbildung bewertet (also Kreativität, Freiheit, Persönlichkeitsentwicklung, gesistige Freiheit, philosophische Tiefe etc...)

-Oszillodrom-
02
17.12.2011, 13:37

Sinnvoll. Ich arbeite in einer Forschungsgruppe irgendwo zwischen Biochemie und Physik, und wir könnten von Chemikern, Biologen bis zu Physikern oder Informatikern alles brauchen. In Wirklichkeit hatte eine Kollegin von mir große Probleme mit einem Salzburger Genetikstudium in Graz das Doktorat in Biochemie zu beginnen, da es ja nicht das exakt Gleiche ist.

Ben Ohm
00
17.12.2011, 08:19

Dann lieber alla carbonara.

sandor gjalski
12
17.12.2011, 01:22

also der mei cog sci is a schaß

bunt zusammengewürfeltes investmentpaket aus anderen fächern

jeder depp kann heut zu tag sein eigenes ma dr programm zusammenstellen aus dem was es bereits am markt gibt einfach ein neues label drauf picken fertig ist die ware und ab in die regale

wissensindustrie nennt man das und etikettenschwindel wann gibts ndlich eine behörde die diese pseudo programme auf qualität überprüft und eindämmt!!! sie zuchten zuhauf guttenbergs & hähne &co

SK26
00
17.12.2011, 20:52

du deutest auf ein problem hin aber du bietest keine lösung an

sandor gjalski
00
18.12.2011, 02:37

hab ich wohl!

entweder in form einer privat finanzierten ratingagentur die unis- studienprogramme anhand deren marktverwertbarkeit bewertet

oder eine zivilgesellschaftliche NGO (ja Habermas!) die dem Humboldschen-Ideal verpflichtet die universitäre Staatsbildung bewertet (also Kreativität, Freiheit, Persönlichkeitsentwicklung, gesistige Freiheit, philosophische Tiefe etc...)

Hillsmith
04
16.12.2011, 22:14
Breitband-Architektur

Viel interessanter wäre derzeit die Behandlung der Frage, wie man Hochschulbildung wieder "autodidaktischer" gestalten kann. Wenn man, wie bisher, die Bildung verschult und alle in denselben Rhythmus zwängt, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die Hörsääle überfüllt sind und erste PanikmacherInnen nach Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren rufen. Im Zeitalter des Breitbandes und des E-Learnings gibt es Möglichkeiten, den Zugang zur Bildung "breitbandiger" zu gestalten. Es ist wohl auch kein Naturgesetz, dass auf jedeN StudierendeN möglichst viele "BetreuerInnen" kommen müssen. Geld wäre ja genug da, aber organisatorisch hängt man offenbar noch dem Altertum an.

Franz Bim
 
00
16.12.2011, 20:17
Ergänzung

In technischen Studienrichtungen wird als Bachelortitel der Bachelor of Science (BSc) verliehen, als Mastertitel der Diplomingenieur (DI).

Chemist88
00
16.12.2011, 21:25
nein

an der TU bekommt man beim Abschluss des Masterstudiums den DI und den englischen Titel Master

Ghost in the Machine
63
16.12.2011, 23:22
Das wäre schlichtweg gesetzwidrig.

Somit wohl (hoffentlich) eine Falschmeldung.

Entweder DI - oder Master,
nicht aber: sowohl als auch.

Harl-Geinz Krassers Friseur
00
17.12.2011, 10:52

"§ 10 Akademischer Grad
Den Absolventinnen und Absolventen des Masterstudiums Maschinenbau wird der akademische Grad „Diplom-Ingenieur“/“Diplom-Ingenieurin“ – abgekürzt „Dipl.-Ing.“ oder „DI“- verliehen (englische Übersetzung „Master of Science“, abgekürzt „MSc“)."

Ghost in the Machine
01
19.12.2011, 15:01
2. Teil

§ 87 Abs 3 Universitätsgesetz 2002:

(3) Zur Unterstützung der internationalen Mobilität der Studierenden ist dem Verleihungsbescheid eine englischsprachige Übersetzung anzuschließen, wobei die Benennung der Universität und des ausstellenden Organs sowie der akademische Grad NICHT ZU ÜBERSETZEN SIND. (....)

Mit anderen Worten: Hunderte TU-Absolventen verlassen die TU Wien mit rechtswidrigen Bescheiden.

Besser als um 2000 herum: Da haben hunderte Absolventen eine Uni im Wiener Raum mit NICHTIGEN Bescheiden verlassen... ;-)
(Hat viel Geld gekostet, das zu sanieren - das BMin hat's wenigstens verschlafen).

Ghost in the Machine
00
19.12.2011, 14:54
Ja und?

Dann ist eben das Curriculum gesetzwidrig.

§ 52 Abs 2 Z 11 Universitätsgesetz

11. Mastergrade sind die akademischen Grade, die nach dem Abschluss der Masterstudien verliehen werden. Sie lauten: „Master. . .“ mit einem im Curriculum festzulegenden Zusatz, wobei auch eine Abkürzung festzulegen ist, ODER „Diplom-Ingenieurin/Diplom-Ingenieur“, abgekürzt „Dipl.-Ing.“ oder „DI

Es ist eindeutig ENTWEDER das eine ODER das andere.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 40
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.