Die sehr spezielle Lebensweise des kleinen Nagetiers hat zu entsprechenden Anpassungen geführt
Washington/Berlin - Säure löst bei Nacktmullen keine Schmerzempfindung aus - warum das so ist, haben Berliner Forscher herausgefunden. Die etwa mausgroßen Nagetiere besäßen Schmerzrezeptoren mit einem speziellen Natriumkanal, erläutert das Team des Berliner Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) im Fachblatt "Science". Dieser werde von den Protonen blockiert, wie sie von Säuren abgegeben werden. In der Folge wird kein Aktionspotenzial ausgelöst - soll heißen: Die Nervenzelle "feuert" nicht, sie leitet kein Schmerzsignal weiter.
Normalerweise verursachen hohe Kohlendioxid-Konzentrationen und Säure bei Säugetieren sehr schmerzhafte Verätzungen und
lösen Entzündungen aus. So sei das
Gewebe von Patienten mit entzündlichen Gelenkerkrankungen wie Rheuma
stark mit Säure angereichert, was Schmerzen auslöst, erklärt das MDC. Deshalb können auch Substanzen, die den Kanal blockieren, in der
Medizin eingesetzt werden - zum Beispiel zur lokalen Betäubung beim Zahnarzt.
Menschen, bei denen der Kanal wegen genetischer Veränderungen beschädigt
ist, fühlen keinen Schmerz.
Ungewöhnliche Spezies
Warum aber verzichtet der Nacktmull (Heterocephalus glaber) auf den eigentlich wertvollen Warnreiz? Der Grund dafür dürfte in der sehr speziellen Lebensweise des Tiers liegen. Nacktmulle sind fast blinde und kaum behaarte Nagetiere, die in unterirdischen Kolonien in den Halbwüstenregionen Ostafrikas leben. In ihrem Sozialverhalten ähneln sie in manchen Punkten staatenbildenden Insekten: Unter den etwa 300 Mitgliedern einer Kolonie sorgt nur ein einziges Weibchen für Nachkommen. Verschiedene Nagetierspezies haben ähnliche Mechanismen entwickelt, bei den Nacktmullen ist er jedoch am weitesten fortgeschritten: Das Alpha-Weibchen paart sich auch nur mit einem einzigen Männchen - und dieses hat mangels Konkurrenzdruck die vermutlich langsamsten Spermien im Säugetierreich, wie Forscher erst kürzlich herausfanden.
Entscheidend für die Säuretoleranz ist die unterirdische Lebensweise: In den Tunneln und Höhlen ist der Sauerstoffgehalt gering, der
Kohlendioxidgehalt hingegen hoch. Dies könne zu einer Übersäuerung des
Gewebes führen, schreiben die Forscher um Ewan St. John Smith.
Vermutlich hätten die Nacktmulle die Säuretoleranz entwickelt, um unter
diesen Umständen überleben zu können. (APA/red)