Wie man leben kann

17. Dezember 2011, 08:00
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Alltag und Abenteuer einer Mutter mit drei Kindern, drei Kindsvätern und zwei "Stiefmüttern"

Am Anfang war die Vision. Als Teenager wusste ich, was ich wollte: schreiben. Romane am besten. Kinder? Kinder fand ich immer super. Vier dürften es schon werden. Und wohnen würden wir in einem alten irischen Landhaus am Meer, mit einem Schreibzimmer, von dem aus ich während der Arbeit auf meine mit ihrem Hund spielenden Kinder blicken könnte. Ein Vater war in der Vision verschwommen wahrnehmbar. Kochen sollte er können und gescheit und lieb sein.

Dann kam das Leben. Heute habe ich drei Kinder. Zwei Töchter im Alter von 16 und 13 und einen Sohn, der vier Jahre alt ist. Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer und seinen eigenen Vater. Einer davon kocht richtig gut. Gescheit und lieb sind alle drei: der Schriftsteller, der Soziologe und der Klassenkämpfer - oder Kindsvater (KV) 1, KV 2 (der sich selbst mein "Sandwich-Vater" nennt) und KV 3. Wir leben nicht am Meer, und keiner der Väter lebt mit mir zusammen.

Wenn ich meine Situation so umreiße, ernte ich meist ein unsicheres "Interessant ..." oder ein betretenes "Ah so". Auf die Information, dass ich Journalistin bin, folgt selten die Frage: "Worüber schreibst du?" Viel öfter: "Wie machst du das mit den Kindern?" Tatsächlich ist Arbeiten mit drei Kinder mittleres Management. Trotzdem ärgert mich die Frage, weil sie Männern nie gestellt wird.

Untypisches hörte ich neulich von T., einem alten Bekannten, der wirklich Romane schreibt, als ich ihn zufällig wieder traf. Der meinte doch glatt: "Find ich super mit den drei Vätern. Ich wollte immer fünf Kinder von fünf Frauen." Okay, auch ein Modell. Aber im Ernst: Wer hat schon Modelle? Der Mensch plant, das Leben sieht dann anders aus. Wer sich nicht an Vorgaben festkrallt, hat gewonnen. Leicht ist das nicht. Aber man kann so leben.

Wer sagt angesichts der Scheidungsraten, welche Lebensentwürfe normal und welche illusorisch sind?

Das Wort Patchwork mag ich nicht. Es geht von der "richtigen" Familie aus und suggeriert - vor allem betroffenen Kindern -, ihre Familien wären Notbehelfe. "Patches" sind Flicken, mit denen man Löcher abdeckt und Kaputtes zusammenflickt. Bei uns ist nichts kaputt. Wenn Liebesbeziehungen enden, muss mittelfristig kein Loch entstehen.

Ich schreibe hier nichts schön. Ich habe dreimal erlebt, was es heißt, nach dem Beziehungsende Eltern zu bleiben. Wenn alle, trotz Verletzungen und Enttäuschungen, die man verdauen muss, wirklich an die Kinder denken, tun sie sich selbst etwas Gutes.

Dabei muss man sich auch Zeit lassen. Nach der Trennung von KV 1 hätte niemand darauf gewettet, dass er und KV 2 einmal Freunde werden. Vier Jahre später machten sie erstmals gemeinsam Urlaub mit Töchtern. Dieser Urlaub wurde zur fixen Einrichtung.

Die meiste Zeit leben meine Kinder bei mir. An jedem zweiten Wochenende sind alle drei bei ihren Vätern. Da habe ich Pause.

Der Inhalt bestimmt die Form

Wichtige Entscheidungen wie die Wahl von Kindergärten und Schulen treffen wir gemeinsam, bei Elternabenden wechseln wir uns ab. Der Jüngste sieht seinen Papa jeden Tag. Und wenn ein Kind große Sehnsucht nach Papa oder Mama bekommt oder einer von uns eine Reise macht oder krank wird, dann sind wir flexibel, und der Inhalt bestimmt die Form.

Und finanziell? Da braucht man nichts beschönigen. Wenn man wie ich kein Erbe im Rücken hat oder einem das Talent gänzlich fehlt, sich in reiche Männer zu verlieben, gilt: Monetär ist man auf der Verliererinnenseite. Meine Väter zahlen immer den gesetzlich vorgeschriebenen Prozentsatz ihres Gehaltes an Unterhalt, manchmal auch freiwillig mehr. Müssten aber die Kinder auch mit demselben Prozentsatz meines Gehalts auskommen, hätte nicht jedes sein eigenes Zimmer.

Wenn man die Miete mit niemandem teilt und Alleinverdienerin ist, erspart man sich ein Leben lang die Sorge, wie man Geld "gut anlegen" könnte. Das Wort Altersvorsorge kostet mich einen Lacher. Ein Auto habe ich nicht. Ja, ich lebe in einer Feinstaubhochburg. Aber ganz ehrlich: Ich könnte mir auch keines leisten. Auch im Urlaub zahlt man fast immer drauf: Kinderermäßigung erst ab zwei Vollzahlern. Trotzdem sehe ich mein Leben nicht als Jammertal. Ich habe nur das eine und genieße es - gerade auch wegen meiner Kinder.

Es gibt Wertediskussionen, in denen der Zerfall der Familie beklagt wird. Von welchen Werten reden wir? Von Verantwortung, auch Selbstverantwortung, Authentizität, Liebe und Geborgenheit? Diese Werte kann eine traditionelle Familie und jede andere Familie in jedem Fall nur leisten, wenn alle respektvoll miteinander umgehen. Weder Zusammenbleiben noch Trennung kann für sich ein Wert sein. Auch hier bestimmt der Inhalt die Form.

Meine Zweitälteste meinte kürzlich, sie habe den Vorteil, insgesamt mehr Geschwister und Geschenke haben zu können. (Wir haben viele Großeltern.) Unsere Familie wurde in den vergangenen drei Jahren größer, weil meine Töchter auch auf der väterlichen Seite Geschwister bekamen. Zur Familie gehören auch zwei Frauen, die Partnerinnen von KV 1 und KV 2, die meinen Kindern und mir Freundinnen geworden sind.

"Da hast du Glück", sagen manche. Ich sage: Eigentlich logisch, dass sich gute Väter nicht Frauen suchen, die ihre Kinder ablehnen, und intelligente Frauen nicht Männer anziehend finden, die sich nicht um ihre Kinder kümmern. Aber vielleicht sind wir alle wirklich nicht "normal" in dieser Großfamilie. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Printausgabe 17./18.12.2011)

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