Abends heißt es: "Ich bin wieder da, Schatz!"

16. Dezember 2011, 18:12
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Erstaunlich, mit welchem Bestemm das populäre Kino am Ideal der glücklichen Beziehung, aus der irgendwann Kinder hervorgehen, festhält

Auch der größte Patchworkhit der letzten Jahre macht da keine Ausnahme.

Wien - "Honey, I'm home!" Mit diesem oft noch bei geöffneter Tür gesprochenen Satz meldet sich in Amerika traditionell der Familienvater zurück, wenn er abends von der Arbeit kommt, den Trenchcoat an den Haken hängt, den Hut abnimmt, die Aktentasche abstellt, bevor er sich dann in die Küche begibt, wo schon zu riechen ist, was es gleich zum Abendessen gibt. "Ich bin wieder da, Schatz", so müsste man diese Floskel wohl übersetzen, die jeder Amerikaner unverbrüchlich im Ohr hat. Denn es äußert sich darin auch eine (konservative) Idealvorstellung des geregelten Lebens, eine verlässliche Ordnung von Erwerbsleben und Haushalt. Für das eine ist der Mann zuständig, für das andere die Frau. Die beiden properen Kinder, die dann von den Hausaufgaben zum Abendessen an den Tisch kommen, lernen gewissermaßen natürlich das Programm Idealfamilie.

Die Sitcom im Fernsehen war der Ort, an dem dieses Programm tagtäglich wiederholt und eingebleut wurde, sodass es irgendwann ein Leichtes war, sich über dieses "Honey, I'm home" lustig zu machen. Denn auch in Amerika war unübersehbar, dass die Verhältnisse sich längst geändert hatten, dass die Idealfamilie zum ideologischen Konstrukt geworden war, während Scheidungseltern und Schlüsselkinder sich in neue Abmachungsmengen aufteilen mussten.

Aber noch in dem wegweisenden Drama Kramer gegen Kramer von Robert Benton im Jahr 1979 kann man sehen, welch große Schwierigkeiten das Mainstreamkino hatte, sich mit den Tatsachen abzufinden. Das von Dustin Hoffman und Meryl Streep gespielte scheiternde Paar, das in einen Sorgerechtsstreit um den kleinen Sohn gerät, bekommt im offenen Ende zumindest die Andeutung einer zweiten Chance. Das lässt an die berühmten "Komödien der Wiederverheiratung" denken, im klassischen Hollywood fast ein eigenes Genre, in dem Freiheit und Treue auf sehr anspruchsvolle Weise zusammengedacht wurden.

Es ist insgesamt erstaunlich, mit welchem Bestemm das populäre Kino am Ideal der glücklichen Beziehung, aus der irgendwann Kinder hervorgehen, festhält. Selbst im größten Patchworkfamilien-Hit der letzten Jahre ist dies im Grunde noch so, wenngleich die glückliche Beziehung hier keine heterosexuelle ist: In The Kids Are All Right von Lisa Cholodenko spielen Annette Bening und Julianne Moore zwei Frauen, die zusammenleben und im Verlauf ihrer Beziehung jeweils ein Kind bekommen haben.

Die Geschichte beginnt damit, dass der inzwischen 15-jährige Laser herausfindet, wer sein biologischer Vater ist. Dieser taucht dann auch tatsächlich auf, und nun kann diese moderne Komödie das ganze Register von Identitätsentwürfen durchspielen, unter deren Druck das konservative Ideal der Familie heute steht. Glückliche Liebe, glückliche Sexualität, berufliches Glück, das Glück, sich in einem Kind wiederzuerkennen - all das ist mit den Beschränkungen eines individuellen Lebens zu vermitteln. Und vielen erscheint dafür die klassische Kontinuitätsform einer Beziehung "bis dass der Tod sie scheidet" als zu eng.

Das wird besonders deutlich in einem deutschen Erfolgsfilm wie Kokoowääh von Til Schweiger, in dem ein klassisches Konfliktschema lustig durchgearbeitet wird: Das Bedürfnis nach Unverbindlichkeit eines ewigen Junggesellen wird in der unvermuteten Begegnung mit seiner kleinen Tochter auf die Probe einer natürlichen Verbindlichkeit gestellt. Das Genre der Komödie wird hier zum Therapeutikum. Vor allem aber wird deutlich, wie sehr das Kino als ein Medium der Idealisierung die Patchwork-Situationen inzwischen von den Kindern her denkt.

Sie sind die Stars, für sie muss aber auch der emotionale Rahmen geschaffen werden, der ihnen stabile Lebensentwürfe ermöglicht. In diesem Fall bedeutet das eben, dass biologische und faktische Vaterschaft gleich wichtig sind. Sind zwei Väter nicht besser als einer? So richtig ginge das eigentlich nur, wenn alle unter einem Dach wohnen würden. Wenn sich abends die Tür öffnet, müsste es dann heißen: "Honeys, we're home." (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 17./18. Dezember 2011)

  • Zwei Mütter, zwei Halb- geschwister und ein (bio-logischer) Vater wagen 
das Familienexperiment am Esstisch: Annette Bening (v. li.), Julianne 
Moore, Josh Hutcherson, Mia Wasikowska und Mark Ruffalo in "The Kids Are
 All Right".
    foto: upi

    Zwei Mütter, zwei Halb- geschwister und ein (bio-logischer) Vater wagen das Familienexperiment am Esstisch: Annette Bening (v. li.), Julianne Moore, Josh Hutcherson, Mia Wasikowska und Mark Ruffalo in "The Kids Are All Right".

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Patchwork

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    Schwerpunktausgabe Patchwork

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