Der Mensch und die Summe seiner Job-Biografien

16. Dezember 2011, 17:13
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Christian Muhrs Arbeitsbiografie schlägt Haken - Der Architekt und Multimediadesigner lässt sich zum Kindergartenpädagogen umschulen

"Mein Immunsystem kann so schnell nichts mehr erschüttern" , lacht Christian Muhr. Seit September lässt er sich über das Arbeitsmarktservice (AMS) zum Kindergartenpädagogen umschulen. Fünf Semester wird die Ausbildung am Kolleg für Elementarpädagogik dauern. Das erste Jahr, sagt Muhr, wird vom AMS finanziert. "Ab dem zweiten Jahr wirst du von der Stadt Wien übernommen und dort angestellt - ab dem dritten Semester wird die Ausbildung berufsbegleitend absolviert" , so Muhr weiter. Und: Er ist sicher, eine sehr gute Entscheidung für sich getroffen zu haben.

Den Weg dorthin würden die meisten nicht unbedingt als stringent bezeichnen. Der heute 39-Jährige hat ein abgeschlossenes Architekturstudium und ist ausgebildeter Multimediadesigner. Das Architekturstudium, schaut Muhr zurück, sei eigentlich von Beginn an ein Kompromiss gewesen. Er dachte wohl, dass es eine gute Mischung aus Kreativität und dem sogenannten "Soliden" sei, rekapituliert er.

Er habe relativ rasch studiert, auch bald einen Blick in die Praxis geworfen - die letzten zwei Studienjahre habe er 25 Stunden in einem Architekturbüro gearbeitet und sich mehr oder weniger mit der Hoffnung getragen, dass der Alltag in der Architektur vielleicht doch mehr kreatives Potenzial von ihm fordern werde. Zwei Jahren nach Abschluss des Studiums war aber klar, dass sich dieser Wunsch für ihn nicht erfüllen wird. "Ich bin für diese Branche einfach auch zu harmoniesüchtig" , lacht er heute.

Drei Jahre habe danach die Ausbildung zum Multimediadesigner gedauert, vier Jahre habe er in einer Agentur gearbeitet. Auch dieser Job hatte ein eindeutiges Ablaufdatum: "Ich war wie in einem Korsett. Man steckt in einem Rädchen drinnen und kann mitlaufen oder auch nicht." Muhr beschloss auszusteigen.

Alles besser

"Ich saß nur vor dem Bildschirm. Und auch im Büro fand kein sozialer Austausch mehr statt, weil alle unter enormem Produktionsdruck standen" , sagt er. Es war zunehmend frustrierend, sich selbst und auch anderen Menschen dabei zuzusehen, wie man langsam immer ausgelaugter wird.

Auch das sei ein Grund gewesen, sich für die Ausbildung zum Kindergartenpädagogen zu entscheiden, sagt er heute. "Die Kinder sollen es später besser oder anders als wir in unserer Generation machen. Dafür muss man heute schon die Grundsteine legen. Vieles hat mit Ethik und auch mit Menschlichkeit zu tun. Und ich sehe das als Aufgabe, die ich vielleicht ganz gut erfüllen kann" , sagt Muhr.

In seiner Ausbildungsgruppe sind von insgesamt 32 Personen im Alter von 21 bis 54 Jahren fünf Männer, vom Zivildiener bis hin zum ehemaligen Versicherungsvertreter. "Wir sind für die Kinder meist die totalen Exoten" , sagt Muhr. "Sie nehmen es aber, wie ich finde, dankbar an, dass es auch Männer gibt, die sich mit ihnen beschäftigen" , sagt er.

Die Beschäftigung mit und Förderung von Kindern sei etwas Lebendiges. Abends denke er über die guten Dinge nach, die passiert seien. Das sei jahrelang nicht so gewesen. Jetzt sei er wieder in Bewegung. "Die Kinder halten mir einen Spiegel vor. Sie rütteln und kratzen an meinem Hang zum Perfektionismus, den ich im Büro sehr gut ausleben konnte" , lacht er. Sie führen ihm einfach jeden Tag erneut vor Augen, was im Leben wichtig ist. Und Geld ist es bei ihm nicht, sagt Muhr. Gerade jetzt in der beruflichen Transitionsphase sei der finanzielle Rückschritt enorm. Muhr: "Das war mir bewusst. Aber ganz ehrlich: Ich habe darauf gepfiffen." (Heidi Aichinger, DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.12.2011)

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Patchwork

    DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Patchwork

  • Patchwork Berufs-Biografie: Christian Muhr lässt sich zum zweiten Mal umschulen.
    foto: privat

    Patchwork Berufs-Biografie: Christian Muhr lässt sich zum zweiten Mal umschulen.

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