Warum lassen wir Menschen ertrinken?

17. Dezember 2011, 17:14
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    foto: epa/reduan buena calidad

    Laut UNHCR sind seit Jahresbeginn 2011 bereits mehr als 1200 afrikanische Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrunken.

Abschottung ist kein Rezept für die Zukunft - Wer sich abkapselt, wacht eines Tages im Gefängnis auf - Von Christoph Braendle

Wir haben uns die Welt entdeckt. Jetzt müssen wir sie in Betracht ziehen. Ein Text zum Tag der Migranten.

"Wenn der Wind des Wandels weht,

bauen die einen Schutzmauern,

die anderen Windmühlen."

Aus China

Die Insel Gorée liegt in der Bucht von Dakar im Senegal. Auf Gorée erlebte ich zum ersten Mal Afrika. Der Begegnung lag ein Irrtum zugrunde. Ich war nach Dakar gekommen, um eine afrikanisierte Verfilmung des Besuchs der alten Dame von Dürrenmatt zu begleiten. Am Tag meiner Ankunft wurden die Aufnahmen abgebrochen, weil der Produktion das Geld ausgegangen war. Die Crew verlief sich in Windeseile, und da stand ich, allein auf diesem gewaltigen Kontinent. Ich setzte nach Gorée über und schaute zwei Wochen lang aufs Festland und dachte: Irgendwann werde ich Afrika richtig entdecken. Während dieser Wochen wurde ich beinahe erdrückt vom Gewicht der Geschichte, das auf der Insel lastet, der Geschichte der Sklaverei. Eine "maison des ésclaves" dokumentierte das unermessliche Grauen dieses üblen Wirtschaftszweiges, und auf einer Schautafel stand ungefähr Folgendes: Die Sklaverei konnte sich nur deshalb so lange halten, weil zwar den meisten die grauenhaften Zustände bekannt waren, sie aber trotzdem schwiegen, um weiterhin davon zu profitieren. Die simplen Worte berührten mich, sie trafen etwas, das ich damals noch nicht verstand.

Ich habe meine Kindheit und Jugend in der schönen, friedlichen und behüteten Umgebung des Zugerlandes verbracht, das in der Schweiz liegt, aber dem Salzkammergut ähnlich ist; unbelastet von den Fährnissen einer Welt, die widrig und feindselig sein kann; und auch naiv bezüglich der bestialischen Aspekte der Spezies Mensch. Trotzdem zog es mich hinaus in die Welt, die zuerst Zürich hieß, und dann weiter, immer weiter. Ich lebte an unterschiedlichsten Orten in Amerika, Asien, Afrika und natürlich Europa und kam vor über 20 Jahren nach Wien, wo ich seither meinen Hauptwohnsitz habe, unterbrochen weiterhin von vielen Reisen und langen Aufenthalten, vor allem in Marokko, wo ich und meine Familie seit zehn Jahren eine zweite Heimat gefunden haben. Ich bin mein Erwachsenenleben lang immer dorthin gegangen, wohin ich wollte, und bin geblieben, solange ich Lust hatte. Ich habe eine ungeheure Freiheit genossen und diese Freiheit nach Kräften ausgenützt.

Wo immer ich hinkam, traf ich auf Landsleute. Noch an den entferntesten und unscheinbarsten Orten gibt es sie, die Schweizerinnen und Schweizer, dass man vermuten muss, es existierten von diesem Menschenschlag mehr als die offiziellen sieben Millionen. Vielleicht ist dieser Drang in die Fremde ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, als die Eidgenossenschaft in vielen Regionen eine bitterarme Gegend war, ohne Arbeit und Brot für junge Menschen, die deshalb nicht nur gezwungen wurden, sondern auch gezwungen waren, in die Fremde zu ziehen und sich fremden Regeln zu unterwerfen.

Das Bild der Schweiz im Ausland ist schon fast peinlich positiv. Kein Skandal und keine noch so verdammenswerte historische Tatsachen vermögen dieses Bild zu trüben. Was negativ sein könnte, wird weggeblendet. Das Positive überstrahlt alles. Mit dem Blick des Auslands betrachtet, ist die Schweiz ein liebenswerter, ein wenig sonderbarer und ziemlich belangloser Zeitgenosse, dem aus irgendwelchen Gründen die Reichen ihr Geld anvertrauen. Vor kurzem hat es mir ein alter Marokkaner so erklärt: "Sie sind Schweizer? Die Schweiz ist gut. Sie nimmt das Geld von allen. Die Schweiz hat keine Probleme." Dieses naive Bild ist in seiner Harmlosigkeit entzückend. Darüber hinaus ist es für Leute wie mich nützlich. Man ist als Schweizer überall wohlgelitten. Man kommt in den Genuss eines Vertrauens- und Liebenswürdigkeitsvorschusses, der schier unglaublich ist.

Vielleicht ist das das schönste und wertvollste Geschenk, das Heimat machen kann: den Weg in die Fremde zu öffnen und den Zugang zum Fremden zu erleichtern. Wenn Heimat als Bürgschaft gilt, dass einem die Fremde nicht feindselig, sondern freundlich begegnet, dann ist das eine großartige und von einem gnädigen Schicksal geschenkte Gabe. Es ist eine Gnade, die nicht aufgrund persönlicher Leistungen oder besonderer Verdienste verliehen wird, sondern allein dank der Zufälligkeiten des Ortes und der Zeit der Geburt.

So weckt dieses Geschenk auch Gefühle des Mitleidens, der Scham und Traurigkeit: Warum ist das, was ich erlebe, nicht von universaler Gültigkeit? Wieso gibt es kein selbstverständliches Grundrecht für alle Menschen, sich frei auf der Welt bewegen zu dürfen und das Glück dort zu suchen, wo man es zu finden glaubt? Weshalb werden Menschen gedemütigt, erniedrigt und gequält, eingesperrt oder bis aufs Blut ausgebeutet? Aus welchem Grund lässt man sie verhungern oder verdursten, ertrinken oder gar erschießen? Bloß weil sie versuchen, Grenzen zu überwinden, und davon träumen, in bessere Lebensumstände zu geraten? Nur weil sie gewillt sind, alles zu riskieren, um in den Genuss dieser besseren Lebensumstände auch wirklich zu gelangen?

Ich habe versucht, von verschiedenen internationalen Organisationen eine Berechnung dafür zu erhalten, was zum Beispiel der Schengenraum ausgibt, um den Personenverkehr jener, die nicht der EU angehören, an den Grenzen und im Innern zu verwalten, zu beschränken oder zu verhindern. Es war unmöglich, auch nur eine ungefähre Schätzung zu erhalten. Die Ökonomie der Abschottung liegt im Dunkeln. Die Wirtschaftlichkeit einer Politik, die Menschen in unterschiedliche Kategorien aufteilt und Erniedrigungen aufgrund der Herkunft und Hautfarbe nicht nur zulässt, sondern fördert, spielt in finsterer Nacht. Wenn man gewisse Eckdaten addiert, lässt sich vermuten, dass es sich um ungeheure Geldmengen handelt, um Geld, das sinnvoller und zukunftsorientierter verwendet werden könnte.

Zurzeit macht es nicht den Anschein, dass sich daran etwas ändern wird. Angst bestimmt die Gefühle, weil sich unsere Welt als episodenhafte Abfolge von Katastrophen darstellt. Bevölkerungsexplosion, Klimawandel, Finanz- und Schuldenkrise und der Aufruhr in der arabischen Welt sind nur ein paar der Schlagwörter, mit denen man uns Tag für Tag zu entmutigen versucht. Grenzen werden höher gezogen. Die Versuchung, sich einzuigeln, ist enorm, und der Rückfall in eine Nationalstaatlichkeit, die man noch vor kurzem zu überwinden können glaubte, scheint unaufhaltsam. "Österreich zuerst", 1993 von der Freiheitlichen Partei initiiert, ist Mainstream geworden und gilt in seinen Abwandlungen auch als "Schweiz zuerst", "Deutschland zuerst" und so weiter. Die dem Menschen inhärente Scheu vor dem Fremden will nicht gemildert, sondern bis hin zu Hass und blankem Rassismus aufgeheizt werden. Wer sich dagegenstellt, gilt als naiv, wer sich für eine Globalisierung nicht nur der Waren und des Geldes, sondern der menschlichen Bewegungsfreiheit einsetzt, ist ein Utopist, ein Träumer.

Aber sind die wirklichen Träumer nicht jene, die glauben, es könne so, wie es ist, immer weitergehen? Abschottung ist kein Rezept für die Zukunft, denn wer sich zu sehr abkapselt, wacht eines Tages im Gefängnis auf. Wir haben uns die Welt entdeckt. Jetzt müssen wir sie in Betracht ziehen. Wir haben uns ihr zu stellen. Je mehr Freiheit wir zulassen, umso mehr Zivilisation ernten wir. Freiheit heißt in einer zivilisierten Gesellschaft nicht Regellosigkeit, aber die Regeln sind nicht unter der Prämisse zu entwickeln, dass der Mensch des Menschen Feind sei, sondern in der Gewissheit, dass die Menschenwürde ein universales Gut ist, das unabhängig von Ort und Zeit der Geburt zu respektieren ist. Die Zukunft hat begonnen. Es ist an der Zeit, dass wir uns über das Krisengeschrei erheben und soziale Visionen entwickeln, die helfen, Grenzen abzubauen und auf eine Kultur des Weltbürgertums hinzuwirken. Die Freiheiten, wie ich sie genieße, müssen für alle gelten, und vor allem auch für jene, die bitterer Not entgehen und bessere Lebensbedingungen erwerben wollen.

Tote im Kanal von Sizilien. Tote in der Meerenge von Gibraltar und bei den Kanaren. Tote in der Ägais. Tote im Mittelmeer und im Atlantik. Laut UNHCR sind seit Jahresbeginn bereits mehr als 1200 afrikanische Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Anstatt Fluchtwege zu öffnen, werden Schutzsuchende auf hoher See ihrem Schicksal überlassen und in den Tod geschickt. Wir nehmen nicht nur das Sterben in Kauf, sondern akzeptieren, dass sich dieses Schlachtfeld bis tief in den Kontinent hinein erstreckt mittels Demütigungen und Misshandlungen durch Behörden und Bürger, denen Rassismus zur selbstverständlichen Begleitmusik ihres Wohlstandes geworden ist. Aber können wir verdrängen, dass diese Zustände nur deshalb aufrechterhalten bleiben, weil wir zwar davon wissen, aber trotzdem schweigen, um in irgendeiner Form davon zu profitieren? (Christoph Braendle, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 17./18. Dezember 2011)

Christoph Braendle, geb. 1953 in Bern, ist Schweizer Schriftsteller. Nach ausgedehnten Aufenthalten in Europa, Asien, den USA und Mexiko lebt er seit 1987 in Wien. Zuletzt erschien von ihm "Das Wiener Dekameron" (Metroverlag, 2011).

  • Ich frage mich ...

    Ist es zu viel? Ist es zu wenig? [50]

    TitelbildWas ist, wenn ein Name schon reicht, um alle dumpfen Sinne zu wecken? Der Sohn eines Autohändlers und ewige Schwiegersohn ist es jedenfalls nicht

  • Ich frage mich ...

    Wie bedeutend waren Europas Metropolen? [7]

    TitelbildCharles Baudelaire, Gottfried Benn, Franz Kafka, Siegfried Kracauer und Rainer Maria Rilke: über die Stadtminiatur als literarisches Medium der Moderne. Von Andreas Huyssen

  • "Wird es jemals ganz gerecht sein?" [73]

    TitelbildKapitalinteressen haben landwirtschaftlichen Boden entdeckt, denn seit der Finanzkrise 2007 reißen sich Investoren um die Äcker der Welt. Über den neuen "Neokolonialismus"

  • Warum rennen wir so? [103]

    TitelbildIch denke oft an tausend Dinge gleichzeitig und versuche, die Hälfte davon auch gleichzeitig zu erledigen - Darum liege ich im Krankenhaus, während ich diesen Artikel verfasse

  • Wie viel Wissenschaft braucht die Stadt? [138]

    TitelbildInwiefern ist heute der Wissenschaftsdiskurs noch an die Idee von Urbanität gebunden, die einst in den Städten die Zentren der Aufklärung sehen wollte

  • Ich frage mich ...

    Wie wird der Mensch, was er ist? [41]

    TitelbildMit einem Kaiserschnitt wurde der Leib meiner Mutter geöffnet, und man hob mich heraus. Ich lebte, atmete, schrie - aber war ich ich? Und wenn nicht, wer war ich dann? Ein Essay

  • Was ist bloß mit den Babyboomer-Männern los? [296]

    TitelbildSie sitzen an den Schalthebeln, an denen unterschiedliche Frauen- und Männergehälter budgetiert werden - Von Katja Kullmann

  • "Wenn wir gelitten haben, ist es dann gut?" [259]

    TitelbildIn der christlichen Perspektive ist das Leid nicht nur eine Voraus- setzung des Guten, sondern selbst ein Gut

  • Ist Goethe mausetot? [224]

    TitelbildDie Genauigkeit und der Reichtum seiner Sprache überwältigen auch heute noch: eine vorösterliche Ermunterung, Goethe zu lesen, nebst einem kleinen Quiz über den Weimarer Klassiker - Von Wolfgang G. Fischer

  • Ist Heimat Fiktion? [37]

    Titelbild"Fehlt dir deine Heimat nicht?", werde ich oft gefragt, weil ich so wenig reise, schon gar nicht nach Deutschland

  • Was ist mit dem Sex? [405]

    TitelbildDie Imperative des Wettbewerbs sind uns allen in Fleisch und Blut übergegangen: Begehren zu zeigen wird als Bedürftigkeit ausgelegt, und bedürftig zu sein ist tabu

  • War eigentlich nie Ruhe? [50]

    TitelbildSicher hatte sie sieben schöne Schwestern und wilde Brüder. Eine Horde Geschwister, dachte er schaudernd, mit Indianerfedern und wüster Bemalung, für sie war das ganz normal

  • Ist Konsumverzicht der Weg aus der Krise? [306]

    TitelbildDie Industrieländer hängen am Wirtschaftswachstum wie die Drogensüchtigen an der Nadel - Stockt der Nachschub nur kurz, werden sie von Panikattacken befallen - Eine Konsumkritik von Christoph Deutschmann

  • Warum hat noch niemand die SVA gestürmt? [217]

    TitelbildLieber fett essen als den mageren Parolen der Gesundheitsfunktionäre Gehör zu schenken - Von Richard Schuberth

  • Wie soll ich schreiben? [120]

    TitelbildIch soll Jungautorin sein. Gerade aufgestanden. Ich soll neben meinem Bett ein Blatt Papier liegen haben, um die Ideen, die im Schlaf kommen, sofort aufschreiben zu können

  • Warum kann ich mich so schlecht entscheiden? [30]

    Titelbild151 Fragen und keine einzige Antwort von Christina Maria Landerl

  • Salami oder Mortadella? Wodka oder Whiskey? [21]

    Titelbild"Weder noch", habe ich geantwortet und mich gefragt: "Warum fragt man mich das?" - Von Sabine Gruber

  • "Wer liest heute noch anstrengende Werke?" [165]

    TitelbildLiteratur ist heute ein Minderheitenprogramm - Damit komme ich zu dem, was mir am Herzen liegt: Wer liest heutzutage noch belletristische Titel? Von Michael Stavarič

  • Wie aber geht es weiter? [40]

    TitelbildDie Ratingagenturen, im Grunde Hausmeister der internationalen Kapitalmaschinerie, bescheiden nun Europa: Nein, das passt nicht - Von Peter Rosei

  • "Warum haben wir sie nicht retten können?" [178]

    TitelbildGedanken zur Euthanasie im Dritten Reich: Die Ärztin und Schriftstellerin Melitta Breznik stellt sich persönliche Fragen zum Ausmaß von Schuld und Scham nach dem Zweiten Weltkrieg

  • Was hat es mit den Anfängen auf sich? [39]

    TitelbildAlexander Peer über die Magie des ersten Satzes, vor dem nichts zu stehen kommt

  • Gehen wir unter? [138]

    TitelbildHabt ihr euch nie gefragt, warum in der Krise genau nach denen gerufen wird, die sie verursacht haben? Fondsmanager werden um Expertisen gebeten, und Weltgeldfunktionäre verordnen Sparpakete - Von Eva Rossmann

  • Was soll ich von Weihnachten halten? [74]

    TitelbildChristine Nöstlinger über den Krisenfall Weihnachten

  • Warum lassen wir Menschen ertrinken? [384]

  • Was dürfen die in Kärnten? [7]

    TitelbildNacheinander waren die zwei Berliner Schriftsteller Stadtschreiber in Klagenfurt - Ein Briefwechsel zwischen Karsten Krampitz und Peter Wawerzinek übers Saufen und Badengehen in Kärnten

Kommentar posten
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artista
06
22.12.2011, 00:02
die beste art von entwicklungshilfe ist der faire handel.

jean ziegler: "Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen."

solange der "westen" sein menschen und umweltverachtendes wirtschaftsmodell in afrika ausüben kann, wird korruption und ausbeutung den alltag der meisten afrikanischen länder beherrschen.

Daniel Stampf
76
18.12.2011, 19:07

Jean Ziegler, ehem. UNO Sonderberichterstatter für Nahrung zu Afrika und den Ursachen des Hungerproblems

http://www.youtube.com/watch?v=B2PVI4FPa7o

DirtyHarry
01

Danke für den Link, mein Schluss daraus: Entwicklungshilfe sofort und vollständig einstellen.

artista
00
das allein bringt aber auch noch nichts

aber wenn jede regierung staat, land, gemeinde ihre öffentlichen beschaffungen strengen richtlinien (fairer handel, umweltauflagen usw.) bei den auschreibungen unterwerfen würde, wäre viel mehr getan in richtung gerechtigkeit, menschenwürdige arbeitsbedingungen, umweltstandarts usw.

siehe mein posting oben

Ernst Kratochwil
14
18.12.2011, 19:27
Und was hat das damit konkret zu tun?

Nur zur Info - die Probleme hat es schon vor der Blase gegeben und die Flüchtlinge sind schon vor dem Entstehen dieser Blase nach Europa aufgebrochen.

Daniel Stampf
41
18.12.2011, 21:49
und was hat eine Blase konkret mit dem Interview zu tun?

Nur zur Info: Jean Ziegler war UNO Sonderberichterstatter in der Zeit zwischen 2000 bis 2007. Er ist deshalb wohl die kompetenteste Ansprechperson zu ganz exakt diesem Thema.

Ernst Kratochwil
04
18.12.2011, 22:07
Der Beitrag hätte als Antwort auf den Link von

Georg Strudl gehört.

Sorry

Ihren Beitrag habe ich auch angesehen.

Ziegler ist ein fanatischer Blender.

Erstens sind die EU Subventionen da um den Produzenten die Differenz auf die Weltmarktpreise auszugleichen.
Zweitens erklärt Ziegler nicht, was es für die Konsumenten bedeuten würde, wenn, wie er verlangt in Westafrika ein großer Teil der Lebensmittel um bis zu 100% teurer wären.
Dann könnten die lokalen Produzenten besser überleben und die lokalen Konsumenten hungern.

Daniel Stampf
02
18.12.2011, 22:18
Nun ich denke

auch dieser Link hat seine Berechtigung, weil er zeigt wie der Finanzmarkt das Problem noch signifikant weiter verschlimmert.

Abgesehen von Ihrer persönlichen Befindlichkeit gegenübee Ziegler sind Agrarsubventionen ursprünglich in dem Maße eingeführt worden um europäische Bauern zu erhalten, von denen in den letzten 15 Jahrem dreiviertel eingegangen sind. Und zwar deshalb weil Millionenkassierende Multinationale Konzerne sie vom Markt verdrängt haben.
Wir geben diesen Konzernen ZUSÄTZLICHE Ausgleichszahlungen sodass sie die Preise in Afrika um 50% unterbieten können.
Und zuletzt natürlich wäre es besser, hätten diese Leute Arbeit (95% sind Bauern) und die Preise wären halt ein wenig teurer.

Ernst Kratochwil
02
18.12.2011, 22:51
Die sind nicht eingegangen weil sie mit internationalen

Konzernen konkurrieren müssen, sondern weil heute erst ab einer bestimmten Betriebsgrösse rationell gearbeitet werden kann.

Ich kenne viele Bauern bei uns im Ort in den umliegenden Dörfern, das sind keine Konzerne.

Die Kleinbetriebe, das sind die die aufgegeben haben. Die die Felder verkauft oder verpachtet haben und arbeiten gehen.
Nicht die letzten 15 sondern die letzten 50 Jahre hat dieser Prozess gedauert.

Diese Strukturänderung müssen die EL auch mitmachen und die bleibt ihnen nicht erspart mit und ohne unseren Subventionen.

Sie können nämlich mit der Struktur nicht nur nicht konkurrenzfähig sein, sondern auch nicht ihre Bevölkerung ernähren. Schon gar nicht bei dem Bevölkerungswachstum.

Daniel Stampf
01
18.12.2011, 23:04

Der Grund, warum kleine Bauernhöfe (davon denen wie gesagt 3/4 in den letzten 15 Jahren eingegangen sind - die 50J Zahlen kenne ich nicht) inrentabel geworden sind und sich Produktion nur mehr im großen Stil lohnt ist, dass großproduzierende multinationale Konzerne die Preise entsprechend gedrückt haben.
Ist ja auch rational, denn es ist der einfache Weg möglichst viel Anteil am Markt zu übernehmen.

Also dass das alles "muss ist und nicht erspart bleibt" stimmt schon, aber der Grund dafür klingt so doch weniger wie aus der PR Abteilung des Bauernbundes. No Offense.

crème brûlée
00
18.12.2011, 23:19

volle zustimmung, was diese ausführungen betrifft.

Hugo Strudl
43
18.12.2011, 18:43
Für alle die

tatsächlich der Meinung sind, den Afrikanern geht es schlecht weil sie zu viele Kinder bekommen
http://www.youtube.com/watch?v=0o0CIMZHyvQ

Jayati Ghosh - Darauf spezialisierte Expertin der JNU Universität Neu Delhi

aleph null
311
18.12.2011, 18:23
In Phönix gab es einmal eine Sendung, in der ein hochrangiger Afrikaner befragt wurde,

wie man denn Afrika am besten helfen könnte. Seine Antworte erstaunte mich, als er meinte, dass Afrika am meisten davon profitieren würde, wenn alle Industriestaaten die Entwicklungshilfe ganz zurückfahren würden.

Die Begründung war dann einleuchtend. Afrika ist im Durchschnitt sehr arm und es gibt nichts zu verteilen. Das, was man verteilen kann, sind die Gelder der Entwicklungshilfe. Das bewerkstelligen dann korrupte Politiker. Selbstredend sitzen diese Gfraster dann fester im Sattel als je zuvor.

Wir sollten darüber einmal intensiv nachdenken. Vielleicht hilft man den Leuten auf diesem Kontinent am meisten, wenn man sie in Ruhe lässt. Dann müssen sie auch nicht in Nussschalen über das Meer nach Europa flüchten.

Mein Verteidiger gehört psychiatriert
24
19.12.2011, 12:30
Kongo-Vertreter Serge Boret Bokwango, Mitglied der Ständigen Vertretung des Kongo bei den Vereinten Nationen in Genf (UNOG): „Die afrikanischen Immigranten in Italien sind der Müll Afrikas“

„Ich empfinde ein starkes Gefühl von Scham und Wut gegenüber diesen afrikanischen ‘Immigranten’, die sich wie Ratten aufführen, welche die Städte befallen. Ich empfinde aber auch Scham und Wut gegenüber den afrikanischen Regierungen, die den Massenexodus ihres Abfalls nach Italien, Europa und Arabien auch noch unterstützen.“

http://sosheimat.wordpress.com/2011/06/0... l-afrikas/

notorischerzweifler
 
00
29.1.2012, 03:27

Genau diese Art von Politikern/Diplomaten sind das Problem Afrikas. Kein Zufall, dass eine rechtsnazionalistische website mit so einem hausieren geht.

simax
04
19.12.2011, 12:29
Auch Entwicklungshelfer kommen zu dieser Lösung

Habe mich einmal auf der Fahrt nach Bayern mit einer Österreicherin unterhalten die in der Entwicklungshilfe im Bereich Wassermanagement tätig war. Ihre Meinung war ebenfalls: Jede Entwicklungshilfe einstellen - es macht keinerlei Sinn. Alles was die einheimische Bevölkerung nicht selbst auf die Beine stellt und unterhält zerfällt in kürzester Zeit wieder. Der Rest geht in die Korruption.

the_suck
01
18.12.2011, 20:57

der Herr hochrangiger Afrikaner wird dann auch nicht verhungern!

gibts keine Hilfe, gibts für viele nix zu fressen, somit werden noch mehr Leute versuchen in Nussschlagen übers Meer zu kommen, man sollte aber vielleicht das ganze eher so ausrichten das sich die Leute selbst versorgen, anstatt Cash und Reis, Leute die denen beibringen wie sich Ackerbau und Viezucht betreiben

aleph null
11
19.12.2011, 00:46
Auf der anderen Seite sollten wir uns fragen:

Wie lange gibt es schon Entwicklungshilfe für Afrika?

30 Jahre, 40 Jahre oder noch länger?

Hat es gewirkt? Sind diese Länder entwickelt?

Die Antwort ist ein klares "nein".

Finden Sie es nicht etwas abgehoben, wenn wir Mitteleuropäern einem Afrikaner erklären, wie man in der Sahel-Zone Landwirtschaft betreibt? Für mich klingt das nach postkolonialem Gedankengut.

Übrigens sind die Geldbeträge, die Afrika zur Anschaffung von Waffen verwendet hat, sowie die Geldbeträge der Entwicklungshilfe interessanterweise praktisch gleich hoch. Bilden Sie sich selbst ein Urteil darüber.

Pierre d´Aubusson
11
25.12.2011, 16:48
Ad "postkoloniales Gedankengut":

Immer wenn ich über Trinkwassserprobleme irgendwo lese, dann denk ich mir, daß die entsprechenden Berichte über die Trinkwasserprobleme hiezulande auch einmal nötig wäre. Zum Beispiel meine Wohngegend leidet unter Mangel an genießbarem fließenden Wasser. Zisternen/Sickerbrunnen waren Brutstätten für Cholera und ähnliches. Da hat man einfach Wein angebaut und das darin enthaltene Wasser mit Alkohol bis zur nächsten Ernte konserviert. Wer Wein hatte blieb gesund.
Berichte der FAO darüber sind aber nicht erhalten. Warum?
Weils ein präkoloniales Problem ist, wenn es Europäer selbständig für sich gelöst haben, ohne anderen die Schuld zu geben. Wen kümmern wir schon?

the_suck
110
18.12.2011, 18:05

wir lassen Menschen ertrinken? wer genau? wenn Menschenschmuggler 100 Leute auf ein schrottreifes Boot stecken das für max 10 Leute Platz bietet dann lasse ich (denn auch ich bin wir) sie ertrinken?

was soll man anbieten? sollen wir die FlyNiki eine Flugstrecke einrichten und alle hier her fliegen?

die einzige Lösung ist die Situation dort zu verbessern, das funktioniert aber nicht mit den weltfremden Regeln der UNO - das Tschad Problem hätte man ziemlich schnell lösen können die Leute die marodierend über die Grenze kommen, werden gewarnt und wenn sie nicht umdrehen zerstört - das kommt aber in den Nachrichten nicht so gut, weil man ist ja der Meinung es gibt Krieg und keiner wird verletzt

Vierter Mann
28
18.12.2011, 17:46

Ganz lieb, Grenzen auf.
Und wie gehts dann weiter?
Sollen die Ankommenden auch untergebracht und versorgt werden, falls sie wider Erwarten doch nicht sofort am Arbeitsmarkt unterkommen?
Sollen sie zum Beispiel HIV-Medikamente kriegen?
Die zivilisatorischen Fortschritte durch schrankenlose Armutszuwanderung werden von vielen Standard-Kommentatoren überschätzt.

maxbz
29
18.12.2011, 17:32
Weltbürger

Der Weltbürger und eine Welt sind ein gutes Ziel, das man sich setzen kann.
Man erreicht es aber nicht mit der simplen Öffnung der Grenzen, im Gegenteil, das kann erst der letzte Schritt sein, wenn sich Lebensverhältnisse und Lebensvorstellungen weltweit etwas angenähert haben. Bedingungslose Grenzöffnung verschlechtert unsere Lebensverhältnisse massiv und bessert die anderer Menschen nicht nachhaltig.

Ich fände es schon toll, wenn wir es schaffen alle richtige EU-Bürger werden und die EU gut funktioniert. Dann kann man weiterdenken.

Hugo Strudl
84
18.12.2011, 17:07
Es ist erschreckend

zu sehen, wie wenig weit die meisten hier zu denken in der Lage sind. Oft werden sogar FPÖartige Abschottungsszenarien propagiert.
Ein Menschenatrom in der Praxis kann niemals aufgehalten werden. Trotz vieler Todesopfer war dazu auch der eiserne Vorhang nicht in der Lage und wie bitte kann man auf die Idee kommen ganz Südeuropa einzumauern.

Halten wir fest: Hunderttausende Flüchtlinge kommen nicht von irgendwo her. Das hat immer eine Ursache, denn normalerweise zieht ein Mensch nicht grundlos aus seiner Heimat weg.
Warum kommt also niemand auf die Idee zu fordern, das die Ursachen beseitigt werden und zb die EU Agrarförderungen reformiert werden? Warum keine Maßnahmen gegen den Klimawandel und (vergleichsweise billige) Hilfe vor Ort?

Salz Burger
47
18.12.2011, 17:26

Die Ursachen sind nicht die EU-Agrarförderungen oder der Klomawandel, den es immer gegeben hat, sondern die Vermehrungsrate dieser Menschen. Wenn die das nicht in den Griff bekommen, wird ihnen niemand helfen können.

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