Wenn sexueller Missbrauch und Geborgenheit eine Einheit bilden: Margaux Fragoso erzählt ihre Kindheitsgeschichte
Mit ihrem literarischen Debüt Tiger, Tiger zeichnet die US-Amerikanerin Margaux Fragoso ihre eigene Kindheitsgeschichte auf und berichtet über den an ihr verübten sexuellen Missbrauch. "Ich begann, dieses Buch nach dem Tod von Peter Curran zu schreiben, den ich mit sieben Jahren kennenlernte und mit dem ich fünfzehn Jahre eine Beziehung hatte, bis er im Alter von sechsundsechzig Selbstmord beging."
In dem sachlichen Stil des Prologs geht es nicht weiter. Vielmehr erzählt Margaux nahezu die ganze Zeit aus der Innenperspektive der Protagonistin, was ihre Erinnerungen an das intime Verhältnis des Mädchens zu dem 35 Jahre älteren Peter zu einem beklemmenden Lesestoff macht. Erzählendes Ich und Autorin sind identisch, und durch den Verzicht auf retrospektive Bewertungen verstört die Lektüre zunehmend. Es geht Fragoso allein um die Darstellung, wie sie die Vorgänge im jeweiligen Alter wahrgenommen und erlebt hat.
Die pädophile Beziehung - sie dauerte 15 Jahre - beginnt in einem Freibad der Kleinstadt Union City in New Jersey. Die siebenjährige Margaux geht auf Peter, der mit seinen Stiefsöhnen spielt, zu und ist überglücklich, dass sie ein Erwachsener ernst nimmt.
Denn Geborgenheit kennt sie kaum: Die Mutter ist depressiv, der Vater gewalttätig. Später besucht das Einzelkind regelmäßig mit der Mutter Peters ungewöhnliches Haus, das einer Villa Kunterbunt gleicht. In ihren Augen ist der Kriegsinvalide ein Wunder: Er erschafft ihr ein Paradies. Die Schilderungen Peters zeugen von einer starken emotionalen Abhängigkeit der Autorin zum Ersatz-Vater, Liebhaber und Peiniger.
Grauenvoll verklärt Margaux die Zerstörung ihrer Kindheit. Rollenspiele, Pornofilme und Motorradfahrten prägen den Alltag, der aus Lügen, Angst und Manipulation besteht. Trotzdem behauptet sie, bei Peter glücklich gewesen zu sein. "Ich genoss das Gefühl, dass er mich brauchte (...), dass er mich in den Arm nahm, mich streichelte. Es gab niemanden anderen, der das tat." Darf es das Wort Liebe in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch geben?
Margaux Fragoso, Jahrgang 1979, ist heute Mutter einer Tochter und hat Anglistik und Kreatives Schreiben studiert. Man möchte ihr eine naive Erzählhaltung vorhalten, auch wirkt ihre Sprache angesichts des Themas seltsam glatt. Dennoch ist die Sprache anschaulich, flüssig und fesselnd; ihre Erinnerungen sollen eine individuelle Geschichte sein und keinen Anspruch auf Verallgemeinerung erheben. Einen Kinderschänder, der das Kind abgöttisch erhöht, kann man erwarten, dass er jedoch als Erlöser seines Opfers auftritt, macht die Lektüre schwer erträglich. Der Leser erkennt den Teufel, das Mädchen aber sieht einen Engel.
Auch wenn Fragoso keine Notwendigkeit einer intellektuellen Distanz zu ihren Erinnerungen sieht, hat sie nach 450 Seiten ein Nachwort angefügt, in dem sie ihre Erkenntnisse aus psychologischer und juristischer Fachliteratur präsentiert. "Als ich (...) über meine persönlichen Erlebnisse nachdachte, wurde mir erst das ganze Ausmaß der Methoden bewusst, mit denen Peter meine Familie und mich manipulierte (...). Pädophile sind Meister der Täuschung, weil sie Meister der Selbsttäuschung sind." Die Ungeheuerlichkeit des Buches aber liegt wohl darin, dass noch nie einem Pädophilen solch menschliche Wärme zugeschrieben wurde. (Sebastian Gilli, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 17./18. Dezember 2011)
Margaux Fragoso, "Tiger, Tiger". Deutsch von Andrea Fischer. € 25,60 / 440 Seiten. FVA, Frankfurt/Main 2011