Provenienzen auf dem Prüfstand

16. Dezember 2011, 18:22
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Sie begleiten die Kunstgeschichte seit ihren Anfängen, und doch beschäftigen Fälschungen den internationalen Kunstmarkt intensiver als je zuvor

Genau genommen vergeht kaum eine Woche, in der nicht solche Kuckuckseier öffentlich werden, wobei die Dunkelziffer von Fälschungen tatsächlich um ein Vielfaches größer sein dürfte. Aus Angst, potenzielle Kunstkäufer massiv zu verunsichern, stülpten Betroffene darüber lieber das Mäntelchen des Schweigens. Jene, die solche Wunden der Schmach in aller Öffentlichkeit lecken, sind über Jahrzehnte gesehen eine Ausnahme geblieben.

Auch beim umfassendsten Fälschungsskandal in der Geschichte Deutschlands kam die gesamte Tragweite erst sukzessive an die Öffentlichkeit. Aber selbst hier vorerst nur hinter den Kulissen, als der Käuferin des Rekordbildes von Heinrich Campendonk 2006 (Rotes Bild mit Pferden, 2,9 Mio. Euro, Lempertz) eine genauere Untersuchung des Bildes empfohlen worden war. Obwohl die Nachfahren Campendonks und Andrea Firmenich (Werkverzeichnis) zuvor die Echtheit bestätigt hatten.

Widerlegt wurde dies über zwei naturwissenschaftliche Gutachten, in denen Spuren eines Farbpigments nachgewiesen worden waren, das 1914, dem vermeintlichen Entstehungsjahr des Bildes, noch gar nicht existierte. Das seither auf zivilrechtlichem Wege geführte Verfahren gegen Lempertz ist bis heute nicht abgeschlossen.

Suche nach Fälschungen

So richtig ins Rollen kam die Angelegenheit allerdings erst im Herbst 2010, konkret über Etiketten der Sammlung Flechtheim, eines von 1913 bis 1933 aktiven Kunsthändlers, die Experte Ralph Jentsch als Fälschung entlarvte. Nicht nur das, fand er auch heraus, dass alle Gemälde mit solchen Aufklebern auf der Rückseite eine gemeinsame Provenienz hatten: Die Sammlung des Krefelders Werner Jägers, die es tatsächlich niemals gab, sondern von einer Bande erfunden worden war, um Fälschungen Deutscher Expressionisten in den Markt zu schleusen.

Im Oktober mussten sich die Beschuldigten vor dem Gericht in Köln dafür verantworten. Die Urteile entsprachen dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Höchststrafmaß, fielen aber dennoch milde aus. Der Hauptangeklagte Wolfgang Beltracchi kam mit sechs Jahren für gewerbs- und bandenmäßigen, schweren Betrug mit Urkundenfälschung in elf Fällen und drei Versuchen davon.

Exakt, denn verhandelt hatte man nur 14 Fälschungen und damit nur einen Bruchteil dessen, was womöglich über Jahrzehnte aus dieser Quelle kam und gerüchteweise mit 200 an der Zahl beziffert wird. Auch die Ermittlungen zu weiteren 39 mittlerweile als Fälschungen identifizierten Bildern, die nicht Teil der Anklage waren, wurden zwischenzeitlich eingestellt. Wo sich diese befinden, ist zum Teil bis heute nicht geklärt. In einem ersten Schritt veröffentlichte der Bundesverband Deutscher Kunstversteigerung nun eine teilweise bebilderte Liste, die auch vom Art Loss Register übernommen wurde.

Ein ähnlicher Fall beschäftigt derzeit das FBI. Laut einem Bericht der New York Times geht es dabei um die zeitgenössische Crème de la Crème, um gefälschte Werke von Robert Motherwell, Jackson Pollock oder Mark Rothko und damit um solche die Sammlern als Originale Millionen wert sind. Im Mittelpunkt stehen mit der Galerie Knoedler eine renommierte (mittlerweile geschlossene) New Yorker Kunsthandlung und die auf Long Island ansässige Galeristin Glafira Rosales. Über diese beiden wurden nun ebenfalls über Pigmentanalysen als Fälschungen entlarvte Motherwells und ein 17-Millionen-Dollar-Pollock verkauft. Und, bei den Provenienzangaben hatte man gleichfalls die Fantasie bemüht: Diese Patienten stammten natürlich nicht aus dem Nachlass eines Krefelder Kaufmanns, sondern aus jenem eines mexikanischen Zuckerbarons, der auf eine diskrete Abwicklung bestanden hätte. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 17./18. Dezember 2011)

  • Jackson Pollocks "Number 12A" von 1948 brachte bei Sotheby's im Mai 
stolze 8,76 Millionen Dollar. Solche Preise rufen Kriminelle auf den 
Plan, die Fälschungen mit erfundenen Provenienzen in den Markt 
schleusen.
    fotos: sotheby's

    Jackson Pollocks "Number 12A" von 1948 brachte bei Sotheby's im Mai stolze 8,76 Millionen Dollar. Solche Preise rufen Kriminelle auf den Plan, die Fälschungen mit erfundenen Provenienzen in den Markt schleusen.

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