Reisen zu Musils Futterplätzen

16. Dezember 2011, 18:48
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Erinnerungsorte und Lebensumstände: Ein Germanist aus Japan hat sich auf die Spuren des "Mannes ohne Eigenschaften" gemacht

Wien, Dresdner Straße: ein japanischer Germanist auf Spurensuche auf dem Gelände einer Firma für Altmetallrecycling. Hier stand einst das Magazin einer Speditionsfirma, in dem in den Kriegsjahren die Möbel, Bücher, Bilder und Manuskripte Robert Musils und seiner Frau Martha eingelagert - und prompt von einer Bombe getroffen wurden. Was von den Manuskripten übrigblieb, dürfte im Nachkriegswien zum Heizen verwendet worden sein, enttäuscht der Firmenvertreter seinen Besucher - der zum Schluss fragt, wie viele Musilforscher denn schon vor ihm hier gewesen wären.

Man merkt die Befriedigung, mit der Nanao Hayasaka die Antwort ("Sie sind der erste") notiert, sie ist nur zu berechtigt: Seit Jahrzehnten erforscht der Literaturprofessor aus Tokio Erinnerungsorte, Schauplätze und Lebensumstände des Dichters und hat dabei wichtige Primärquellen entdeckt wie das Tagebuch von Musils Großmutter Aloisia. In Brünn suchte Hayasaka nach Zeugnissen von Musils proletarischer Geliebter Herma Dietz; er reiste nach Schladming und Filzmoos, wo der Dichter im Sommer 1900 sein "Valerie-Erlebnis" hatte, wanderte durchs Fersental, wo Musil 1915 sein Kakanien gegen Italien verteidigte, oder rekonstruiert die Lebensumstände des Ehepaares in der Wiener Rasumofskygasse 20.

Die Ergebnisse seiner Recherchen liegen nun gesammelt vor - mit vielen Fotos und Karten eine Schatzkammer nicht nur für Musilianer, sondern auch ein faszinierendes Exempel für jenen "topographical turn" in der Literaturwissenschaft, den Barbara Piatti in Die Geographie der Literatur (2008) konstatierte. Doch sind Orte und Räume für das Verständnis literarischer Fiktionen, zumal denen Musils, überhaupt wichtig?

Im Mann ohne Eigenschaften heißt es gleich zu Beginn, dass die Handlung zwar in der "Reichshaupt- und Residenzstadt Wien" spiele - dass konkrete Orte in der Moderne aber gleichgültig, da austauschbar geworden seien? "Die Überschätzung der Frage, wo man sich befinde, stammt aus der Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken musste", erklärt der Erzähler - doch reicht der Hinweis auf Musils berühmte Ironie, um zu wissen, dass dies eben nur die halbe Wahrheit ist.

Seit Karl Corinos Musil-Biografie weiß man, wie sehr sich die Texte dieses Autors der Realität bedienten, nicht nur in Hinblick auf Figuren und ihre realen Vorbilder. Die Spannung zwischen Realität und Fiktion lässt sich erst ausloten, wenn man das Modell kennt - wie die Militär-Oberrealschule Mährisch-Weißkirchen, die in den Verwirrungen des Zöglings Törless als "berühmtes Konvikt" aufscheint. Nicht frei von Komik ist Hayasakas Bericht, wie ihm von Ortskundigen gleich drei Modelle für das Haus der Prostituierten Bozena gezeigt werden. (Oliver Pfohlmann, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 17./18. Dezember 2011)

  • Nanao Hayasaka, "Robert Musil und der Genius Loci. Die 
Lebensumstände des 'Mannes ohne Eigenschaften'". € 49,90 416 Seiten. 
Wilhelm Fink, München 2011
    foto: wilhelm fink verlag

    Nanao Hayasaka, "Robert Musil und der Genius Loci. Die Lebensumstände des 'Mannes ohne Eigenschaften'". € 49,90 416 Seiten. Wilhelm Fink, München 2011

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