Mit der Schaufel gegen die Apokalypse

21. Dezember 2011, 15:03
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Das vermeintliche Ende des Maya-Kalenders beschert der Esoterikbranche viele interessierte Kunden

Aliens werden keine kommen und auch kein kosmischer Lichtstrahl. Solche Prophezeiungen seien mit nichts zu belegen, sagt der Mitarbeiter eines Esoterikgeschäfts in Wien-Neubau: "Aber die Welt befindet sich im Umbruch. Ob der bis 2014 dauern wird, wie einige Astrologen behaupten, oder nächstes Jahr der große Wendepunkt sein wird, weiß natürlich niemand genau."

Es sei trotzdem spürbar, dass sich umso mehr Kunden für das Szenario des Maya-Kalenders interessieren, je näher dessen angeblich letzter Tag rückt, sagt der Verkäufer. Am 21. Dezember 2012 wird ein Baktun, das ist eine Zeiteinheit von 144.000 Tagen, enden. Und mit dem kommenden – nach der Langen Rechnung inzwischen dreizehnten – Baktun soll je nach Lesart die Welt ihrer Apokalypse entgegensehen oder eine neue Zeit anbrechen.

Für jeden hilfreich

Ratgeberbücher mit solchen Interpretationen sind in dem Geschäft unter dem Schlagwort "Zeitenwende 2012" auf zwei gefüllten Regalflächen eingeschlichtet. Die Bücher tragen Titel wie "2012: Die Welt nimmt Kurs auf das neue Goldene Zeitalter" oder "2012 Seelenpower. Die Zeitenwende als Chance". Es werden aber auch weniger verheißungsvolle Töne angeschlagen: Ein Himmelskörper werde "schmerzhafte Veränderungen mit sich bringen", malt "Das Planet X Survival Handbuch für 2012 und danach" schwarz. Allerdings kennt der Klappentext auch die Lösung: "Das Buch bietet nützliches und anwendbares Survival-Wissen, um mit den Schwierigkeiten optimal umzugehen. Egal, ob Sie sich einen Bunker oder nur eine Schaufel leisten können – die Informationen in diesem Buch sind für jeden hilfreich!"

Es gebe auch deshalb reichlich Literatur zum Thema, weil viele Autoren voneinander abschreiben – oft auch umstrittene Thesen, sagt der Verkäufer. "Natürlich können wir nicht jedes Buch lesen, das wir in unser Sortiment aufnehmen. Und wenn wir nur die Bücher zu 2012 verkaufen würden, auf die die öffentliche Meinung sich einigen kann, dann wären das vielleicht fünf. Davon kann man nicht leben." Vorwürfe, von Zukunftsängsten oder der Gutgläubigkeit der Menschen profitieren zu wollen, weist er aber zurück. "Da gibt es ganz andere Geschichten, schauen Sie sich den Flöttl an."

In sich gehen

Überhaupt sei das Krachen im Gebälk des Finanzsystems einer der deutlichsten Indikatoren für ein Umdenken in der Bevölkerung. "Glauben Sie, dass das ewig so weitergehen kann?", fragt der Verkäufer und lehnt sich an den Verkaufstisch, auf dem polierte Steine, Engelsfiguren und Amulette präsentiert werden. Die Leute seien nicht mehr bereit mitzumachen und würden den Umbruch spüren, das zeige auch die Resonanz auf Roland Düringers Wutbürger-Rede. "In der Esoterik geht es immer um die Menschen und darum, in sich zu gehen. Das machen sie in solchen Zeiten vermehrt."

Neben der Kapitalismuskrise seien auch die Medien und ihre Berichterstattung nicht unschuldig an der Verunsicherung der Menschen. Und kosmische Gefahren, wie seine Kollegin sagt: "Mittlerweile haben sich auch Wissenschaftler mit dem Thema beschäftigt, zum Beispiel Dieter Broers mit den Sonnenstürmen."

"Gesamtpauschalbetrag für Verwöhnpausen"

Auf Broers dürften 2011 einige Österreicher gestoßen sein. Denn der heuer schnellstwachsende Suchbegriff laut Google-Zeitgeist-Studie war hierzulande "2012", und unter den relevantesten Suchergebnissen wird auch Broers' Website revolution-2012.com gelistet. Dort verkauft er seine gleichnamige DVD-Box um 69 Euro und das Hörbuch zur Dokumentation um 17,95 Euro. Broers live zu sehen, kommt schon teurer. Eines seiner letzten Seminare hielt er im niederösterreichischen Geras. In der Seminargebühr von 480 Euro ist der "Gesamtpauschalbetrag für Verwöhnpausen" von 95 Euro nicht eingerechnet.

Er ist fachlich nicht unumstritten. "In seinen Werken vermischt Broers vorzugsweise naturwissenschaftliche Befunde mit esoterischem Gedankengut und eigenen Erfindungen", heißt es auf dem Wiki esowatch.com. Nach einem Blogeintrag von Florian Freistetter löschte Broers, der sich selbst als Biophysiker bezeichnet, einen offenbar illegitimen Doktortitel vom Impressum seiner Website.

Auch die Filmindustrie lässt die Welt untergehen

"Es gibt in der Branche schon Leute, die mit den Ängsten der Menschen Geld verdienen wollen", sagt die Inhaberin eines Esoterikshops ein paar Gassen weiter im siebten Wiener Gemeindebezirk. Auch hier riecht es nach Räucherstäbchen und Duftölen. Ratgeber oder DVDs zur Zeitenwende findet man aber keine.

"Wir distanzieren uns ganz stark von diesem Trend", meint die Besitzerin. Nicht zuletzt sei der aber auch außerhalb der Esoterik-Branche massiv gehypt worden, etwa durch den Film "2012" und durch viele Medienberichte. Bei der Jahrtausendwende nach unserer Zeitrechnung sei das nicht anders gewesen. Auch da habe sie sich rausgehalten, sagt die Inhaberin. Sie betreibt ihr Geschäft seit 25 Jahren. 2012 soll nicht das letzte sein. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 21.12.2011)

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    Der Maya-Kalender wird gern und in verschiedene Richtungen interpretiert.

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