Patientenreisen

Über die Weltmeere, auch ohne intakte Nieren

18. Dezember 2011, 17:02

Dialysestationen auf Kreuzfahrtschiffen machen aus Langzeitpatienten temporär Weltreisende

Auf der MS Astor gibt es zwei Dialyse-Schichten: eine morgens, die andere abends. Jeweils fünf Stunden liegen die Patienten am untersten Deck des Schiffes und werden von einem Nephrologen und zwei Dialyseschwestern betreut. Weil ihre Nieren nicht mehr funktionieren, müssen sie jeden zweiten Tag an eine Maschine, um die Schadstoffe aus ihrem Körper filtern zu lassen. Diese Prozedur ist lebensnotwendig. Zu Hause pendelt man dafür ins Spital, hier auf der MS Astor können die Dialyse-Passagiere aus dem Bullauge die Wellen beobachten. "Das ist ein Traum", sagt ein knapp 60-jähriger Dialysepatient, der seit Jahren nie länger als einen Tag vom heimatlichen Spital weg sein konnte. Sich auf Reisen um einen Dialyseplatz in einem Spital im Ausland zu kümmern sei sehr aufwändig, erzählt er und scheiterte an sei-nen mangelnden Fremdsprachenkenntnissen, zudem sei die Unsicherheit einfach zu groß. Hier auf der MS Astor sprechen alle Deutsch, und "die machen das hier hervorragend", scherzt er.

Aufnahmebedingungen

"Wer noch einkaufen gehen kann, kann auch eine Kreuzfahrt machen", sagt Peter Rittich, Internist aus Bremen, der diese Möglichkeit für Dialysepatienten vor fast 30 Jahren geschaffen hat. Bei "Schiffsdialyse" kann sich jeder anmelden, der nicht zusätzlich zur Dialyse schwere Infektionskrankheiten hat - oder einen MRSA-Keim (Staphylokokken) oder das HI-Virus in sich trägt. Das Aufnahmeformular für die Reise muss der behandelnde Arzt ausfüllen, die Kostenfrage klären die Patienten individuell mit ihren Krankenkassen, "auch Patienten aus Österreich sind immer wieder bei den Kreuzfahrten mit dabei", erzählt Rittich. Zu gröberen Problemen sei es auf all den Schiffen mit Dialysebetten in all den Jahren niemals gekommen, "zumindest nicht, was die Dialyse selbst betrifft. Ich erinnere mich, einmal musste einer der Dialysepatienten wegen eines Oberschenkelhalsbruchs nach Hause", erzählt Rittich.

"Die Dialyse ist hier fast besser als daheim", sagt eine knapp 70-Jährige, die eben fertig ist und wieder an Deck geht. Grundsätzlich ist ein Nierenfacharzt und je nach Bedarf bis zu zwei Dialyse-Schwestern immer mit an Bord. Das ist für Rittich ganz wichtig. Eine der Dialysepatienten kommt am Ende der Ostseereise sogar richtig ins Schwärmen, so gut wie nach diesen zwei Wochen habe sie sich schon seit langem nicht mehr gefühlt. Rittich schränkt ein, vermutet, dass es deshalb ist, weil auf Kreuzfahrten jeden zweiten Tag dialysiert wird und nicht so wie in den Spitälern üblich, lange Wochenenden dazwischenliegen. Zum anderen vermutet er aber auch psychologische Ursachen.

Immer wieder Abenteuer

"Die Dialysezeiten sind ja so gewählt, dass alle Patienten auch die Landgänge mitmachen können", für Leute, die seit Jahren zwischen Spital und Zuhause pendeln, sei das ein großes Erlebnis.

Der Patient mit dem Kunstherz, der auf der Ostseereise mit an Bord war, war auch für Rittich ein Pionierprojekt: "Es hat alles wunderbar geklappt, der Patient kannte sich mit der Pumpe extrem gut aus und hat eher mich beruhigt als ich ihn", lacht er. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 19.12.2011)

Chocoholic
00
18.12.2011, 20:58
eine geniale Idee

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