Ein Schiff wird kommen

    Reportage18. Dezember 2011, 16:58
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    Menschen mit gesundheitlichen Problemen trauen sich Reisen oft nicht mehr zu - Auf Kreuzfahrtschiffen hat man sich auf diese Zielgruppe spezialisiert

    Am späten Nachmittag ist das kleine Wartezimmer voll. Drei ältere Damen und ein Herr, alle weißhaarig, sitzen in einem fensterlosen Raum im untersten Deck des Kreuzfahrtschiffes MS Astor. "Der Ausflug nach Tallinn war doch ganz nett", sagt die elegante 60-Jährige im rosa Twinset. Vom Gehen tut ihr das Knie weh. "Mit der Arthrose muss ich wohl leben lernen", sagt sie. "Man gewöhnt sich aber doch an alles", tröstet die Freundin. Sie sind auf Kreuzfahrt durch die Ostsee von Kiel nach St. Petersburg und zurück. Endlich geht die Tür zum Behandlungszimmer auf. Schiffsarzt Christian Lendtrodt trägt keinen weißen Mantel, sondern eine Uniform und sieht eigentlich wie der Kapitän des Schiffes aus. Hier unten im Packbereich und insofern da, wo sich die Schiffsordination befindet, ist Uniformpflicht, wird er später erklären. Er ist Allgemeinmediziner, kommt aus Karlsruhe und arbeitet am Schiff, weil es ihm als Hobbysegler Spaß macht. Eigentlich ist er schon in Pension. Die Dame mit Knieschmerzen humpelt in die Ordination, an deren Ende zwei Bullaugen, den Blick auf die wogende See freigeben. Hier unten ist man fast auf Meeresspiegelniveau.

    Kleine Zipperlein

    "Heute war viel los, wenn Captain's Dinner ist, wollen alle die Schmerzen haben, eine Spritze, um den Abend genießen zu können", erzählt der Schiffsarzt etwas später. Bindehautentzündungen, Verkühlungen, Seekrankheit: Damit sei er als Arzt am meisten befasst. Mal ein Antibiotikum, mal eine Schmerzspritze und Tabletten gegen die Seekrankheit - damit sei den meisten geholfen, erzählt er. "Schwere Fälle" sind selten. Doch die Schiffsordination ist gut ausgerüstet: Röntgen. EKG, Ultraschall: alles an Bord. Es gibt sogar ein eigenes Labor, um eventuelle Infektionsepidemien unter den Reisenden zu detektieren. Ein Super-GAU wären etwa hochansteckende Noroviren, die Durchfall und Erbrechen verursachen. In diesem Fall dürfte das Schiff gar nicht in den nächsten Hafen einlaufen. Alte Schifffahrtsgesetze: Eine gelbe Flagge zeigt an, ob alle an Bord gesund sind. "Wenn ein Gast stürzt und wir im Röntgen einen Knochenbruch feststellen, schicken wir den Passagier im nächsten Hafen zum CT ins Krankenhaus", erzählt Lendtrodt. Einem Passagier aus Dresden sei das gerade passiert. Nach einem Sturz in St. Petersburg hatte er Schmerzen. Ein komplizierter Oberarmbruch. Er wurde bereits im Flugzeug nach Hause transportiert.

    Auf der MS Astor sind 480 Passagiere unterwegs. Bedingung für eine Reise: Jeder muss selbstständig die 50 Stufen lange Gangway zu Fuß raufkommen. "Mein Mann ist schlecht zu Fuß, für uns sind Kreuzfahrten ideal, man kommt rum, sieht enorm viel, reist aber mit seinem eigenen Hotelzimmer und muss nicht alle zwei Tage alles ein- und auspacken", wird eine 62-jährige Ärztin aus Leipzig erzählen. Sie sitzt an Deck und strickt. Ihr Mann, wegen eines Hüftleidens in seiner Mobilität stark eingeschränkt, döst neben ihr in der Sonne. Die anstrengenderen Landausflüge macht sie allein, nur bei den Busrundfahrten durch die diversen Städte ist er mit dabei, und auch nur, wenn er sich gut fühlt. Nach einer kleinen Pause sagt sie: "Früher hab ich mir diese Art des Reisens auch nicht vorstellen können, aber plötzlich sind die Lebensumstände anders, und es wird eine Option."

    Deshalb liegt das Durchschnittsalter wohl auch bei 60 Jahren plus. "89 Prozent der Passagiere sind Stammgäste, viele fahren zum vierten Mal mit", erzählt Romana Cavaletti, Chefin der Betreuungsmannschaft an Bord der MS Astor. "Über nichts nachdenken, betüdelt werden und sechsmal am Tag essen", das wollen sie und ihr Team den Passagieren bieten, "nicht mal meine Kinder sind so nett wie die hier", sagt ein rüstiger Herr aus Hamburg - all das sei ja auch nicht billig, meint er, denn auch jeder Landgang kostet extra.

    Eine Besonderheit auf der MS Astor: Es gibt Dialyse, Patienten werden von einem eigenen Team betreut, und organisiert wird das alles von Peter Rittich, einem Arzt aus Bremen, der seit 30 Jahren die so genannte Schiffsdialyse auch auf anderen Schiffen organisiert (siehe unten). Selbst er, Lendtrodt, sei vom medizinischen Fortschritt immer wieder erstaunt, einer an Bord der MS Astor trägt ein Kunstherz, eine Ballonpumpe, die den Herzschlag unterstützt, in einer Tasche mit sich rum und kommt jeden zweiten Tag zur Dialyse.

    Da geht plötzlich die Tür auf, eine Frau, aufgeregt und atemlos meint: "Herr Doktor, meine Blutdrucktabletten sind aus." So etwas kommt sehr oft vor. "Die Schiffsagentur im nächsten Hafen wird ihnen neue besorgen", beruhigt er.

    Jetzt ist die Sprechstunde aber wirklich vorbei, auch Lendtrodt muss zum Captain's Dinner. Am Glas Sekt darf er nur nippen: Denn Alkohol ist dem Schiffsarzt strengstens untersagt. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 19.12.2011)

    • Schiffsarzt Christian Lendtrodt versorgt die Patienten auf der MS Astor während einer Reise durch die Ostsee. Notfälle sind selten, manchmal kommen Menschen, die am Schiff sterben wollen. "Das ist aber selten".
      foto: dirk augele

      Schiffsarzt Christian Lendtrodt versorgt die Patienten auf der MS Astor während einer Reise durch die Ostsee. Notfälle sind selten, manchmal kommen Menschen, die am Schiff sterben wollen. "Das ist aber selten".

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