Minister meets student

15. Dezember 2011, 21:57
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Der türkische Energieminister Yildiz hat einen Störer-Studenten kurzerhand ans Podium geholt. Sehr innovativ.

Er wollte über die schöne Kernkraft reden, der andere über die Journalisten und Studenten im Gefängnis. Das konnte nicht gut gehen, aber trotzdem hat der türkische Energieminister Taner Yildiz, Großmeister des Wasserkraftwerkebaus, Landschaftüberflutens und der Post-Fukushima-Atomwunderplanung, heute nachmittag an der Gazi-Universität in Ankara bravourös die Szene gemeistert. Yildiz hatte gerade erklärt, wie notwendig der Einstieg der Türkei in die Atomenergie sei und wie unabhängig das Land dann werde, als ein Student in Reihe zwei aufsprang und seine Botschaft loswerden wollte.

Erst ging der Regenschirm auf, der den Herrn Minister vor Eiern, Gemüse oder einem Schuh bewahren sollte, dann rief Yildiz mehrmals „Mischen Sie sich bitte nicht ein“, besann sich aber plötzlich eines anderen und ließ den Studenten herbeischaffen. Theaterwissenschaftlich betrachtet war das wahrscheinlich ein reizvoller Einfall: der Zuschauer, der eingreifen wollte, wird vom Hauptdarsteller übertölpelt. Politisch stellt Yildiz' Idee jedenfalls einen Durchbruch im Umgang der konservativ-islamischen AKP mit der rebellierenden Jugend dar. Man beachte die Vorführung des Studenten durch die Sicherheitsbeamten auf die Bühne sowie die väterliche Sorge des Ministers um die Kameratauglichkeit seines neuen Mit-Conférenciers am Tisch:

http://video.ntvmsnbc.com/eylemciyi-kursuye-cikardi.html

Laut Beitrag des Nachrichtensenders ntv sagte der Student unter anderem: „Ich danke, dass Sie mir gestatten, mein demokratisches Recht zu nutzen, aber was Sie gesagt haben, ist falsch. Sie schlagen 17 bis 18 Stunden Arbeit vor. Ihre Arbeiter gibt es nicht. Gesten sprachen Sie von (der Außenpolitik der) null Probleme, heute sind wir Syriens Feind geworden. Dazu noch sind Journalisten und Studenten im Gefängnis.“

Mit den inhaftierten Studenten meinte er wohl auch Şeyma Özcan, eine Studentin der Geschichtswissenschaften an der Bosporus-Universität in Istanbul, die zusammen mit anderen vor wenigen Tagen als mutmaßliche Sympathisantin einer linken Terrorgruppe festgenommen wurde. Wie üblich wird Anwälten und Familienmitgliedern in diesen Fällen zunächst nicht mitgeteilt, was genau der Vorwurf der Justiz ist...

Taner Yildiz hat seinen Studenten wahrscheinlich vor der Polizei bewahrt. Zwei andere Studenten waren in der Vorwoche gleich mitgenommen worden, als sie bei einer Denkmalenthüllung an der Ägäis-Universität in Izmir Europaminister Egeman Bagis mit Eiern bewarfen. „Ich ärgere mich nicht, ich bemitleide sie“, sagte Bagis genervt, der bereits im vergangenen Jahr einen Eierangriff erlitt. Dieses Mal aber traf ihn ein Ei aus kurzer Entfernung knapp unterhalb des rechten Auges, was dann doch weniger lustig ist und eine Anzeige wegen Körperverletzung nach sich gezogen hat. Die Mutter aller Eierangriffe ging ziemlich genau vor einem Jahr über die Bühne: Damals flogen in Ankara 200 Stück auf den AKP-Politiker Burhan Kuzu.

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