Gezielte Falschmeldungen

Die Verlotterung der Kommunikation

Kommentar der anderen | 15. Dezember 2011, 19:28

Wie etablierte Institutionen ihre Glaubwürdigkeit verspielen: Anmerkungen zur Konjunktur des Grubenhunds am Beispiel der "Sexschule"

In den vergangenen Tagen geisterten Meldungen über die Gründung von Europas angeblich erster "Sexschule" durch die Medien, davor empörten sich Journalisten über ein fehlerhaftes Kafka-Buch, das im österreichischen Schulunterricht verwendet werden soll - passend zur Pisa-Diskussion und zum Bildungsvolksbegehren.

Beide Meldungen waren natürlich "Zeitungsenten" - allerdings nicht von findigen Redakteuren aufgetischt, sondern ganz gezielt gestreut - von einer Organisation, die ansonsten Wichtigeres zu sagen hat.

Noch bevor es zur "feierlichen Eröffnung" der Schule kam, wurde der Hoax aufgedeckt. Hinter den Aktionen stehe die Vogelbasis "Birdbase" , also die "Junge Industrie" , die mit der Abwicklung eine skandinavische Agentur betraut hatte. Mit dem kafkaesken Fehler-Buch habe man auf die Schwächen in Österreichs Schulen hinweisen wollen, mit der Sexschule auf das virulente Thema Pensionen - denn ohne Nachwuchs keine Beitragszahler ...

Nun, wenn irgendeine "schwindlige" Gruppe solche Dinge fabriziert, wäre man in seiner Meinung bestätigt, dass es eben so ist, dass Medien gerne Dinge ungeprüft übernehmen, die eine schöne Story ergeben. Wenn aber solche Dinge von etablierten Organisationen verbreitet werden, muss man die Frage stellen dürfen, was ist da in der Kommunikation passiert - und um welchen Preis?

Die Industriellenvereinigung (IV) führt die Öffentlichkeit an der Nase herum, mit voller Rückendeckung in der Person des neuen Generalsekretärs, der dafür auch noch Mitgliedsgelder verschwendet. Wie soll man dieselbe Institution in künftigen Gehalts- oder Budget-Verhandlungen noch ernstnehmen? Wie wird ihr Präsident Veit Sorger in der nächsten ZiB2 reagieren, wenn ihm die Sexschule unter die Nase gerieben wird? Wie ist diese groteske Fehlleistung mit verantwortungsvoller Kommunikation vereinbar?

In der Grasser-Ära kam die Industriellenvereinigung erstmals öffentlich wegen Zahlungen an den Verein zur Förderung der New Economy unter Beschuss. Für die Finanzierung einer privaten Webseite des damaligen Finanzministers spendierte die IV 450.000 Euro. Der damalige Generalsekretär hatte alle Hände voll zu tun, das Schlamassel zu erklären. Es war aber klar, hier wird lobbyiert, so läuft das Geschäft, alle Rollen waren klar verteilt.

Der aktuelle Fall ist völlig anders gelagert. Jetzt geht es um die Reputation einer 150 Jahre alten Interessenvertretung und ihrer 3500 Mitglieder, um Irreführung und Betrug.

Im Wahn, etwas gegen die Pensionslücke und den Bildungsstau tun zu müssen, um die Öffentlichkeit aufzurütteln, greift die Industriellenvereinigung zu Mitteln, die selbst im politischen Geschäft in der untersten Schublade liegen. Das bewusste Lancieren von Falschmeldungen ist selbst in der abgebrühten Kommunikationsbranche ein unverzeihlicher Tabubruch. Daher müssen nach einer solchen Aktion klare Konsequenzen gezogen werden. Präsident Sorger wird wissen, welche. (Wilfried Seywald, DER STANDARD, Printausgabe 16.12.2011)

Wilfried Seywald ist Kommunikationsberater und Gründer der Nachrichtenagentur pressetext.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 48
1 2
spica
00
19.12.2011, 00:41
So was von Moralinsäure

hab ich noch selten erlebt. Aber die Progressiven sind ja immer sehr empfindlich, wenn einmal andere ihre Taktiken anwenden. Macht halt eine Kleingärtnerschule auf oder postet wie gewohnt, das ist auch kafkaesk.

stefan1981
01
18.12.2011, 17:15

Wenn die Aktion von den Grünen gekommen wäre, hätten wir an selber stelle ein Loblied auf diese Partei gehört weil sie neue Wege geht um auf ihr Programm aufmerksam zu machen.

Walter Krejcar für pressetext
00
17.12.2011, 15:42
katathym = besser

schade um die schönen grafiken, die in der print-ausgabe zu sehen waren

Wir sind die Guten!!
00
16.12.2011, 17:14
Die Industriellenvereinigung (IV) führt die Öffentlichkeit an der Nase herum, mit voller Rückendeckung in der Person des neuen Generalsekretärs, der dafür auch noch Mitgliedsgelder verschwendet.

klar, was sonst? es ist die vereinigung zur vertretung der interessen der österreichischen industriellen, wie sollte man das machen OHNE die leute ordentlich hinters licht zu führen?

Erwin Wolfram
01
16.12.2011, 16:28
Uebersetzung

Hile wir muessen verschleiern lassen, dass das pro Woche im Standard 3x passiert! Schnell, schnell unsere Reputation als Redaktion steht am Spiel! LOL dann koennen wir nicht mehr Klicki Bunti Deppenmeinungen von Nazis als Realitaet verkaufen und hebeln und unsere Portfolios auf Kosten von Anderen ausstatten.

Dr. Muffel
03
16.12.2011, 15:07
Lächerliche Entrüstung,

umso mehr, wenn aus dieser Ecke kommend.

nihil obstat
00
16.12.2011, 14:46

Zur Sexschule hätte die Kraus'sche Laufkatze noch besser gepasst als der Grubenhund.

wurm83
 
10
16.12.2011, 14:41
mehr nachwuchs

ich finde das kein besonders zukunftsorientiertes konzept...

ich mein mehr nachwuchs heute bedeutet noch mehr pensionisten morgen...dann braucht man wieder mehr nachwuchs...hat noch mehr pensionisten, ....

dass man so ein system nicht ewig machen kann mus allen klar sein...irgendwann gibt es nicht mehr genug ressourcen...

dolstnaretna hasenstück
00
16.12.2011, 14:27
zumindest die kafka-aktion war inhaltlich gut!

ob sie ihre Wirkung in der Öffentlichkeit erreicht hat, sei dahingestellt, weil sie eben viel zu spät (und erst über die plumpe Sexgeschichte) aufgeklärt wurde.

ABER: Der österreichische Journalismus braucht sich da nicht aufzupudeln. In dem Zustand, in dem sich die Österreichische Medien (-politik) und die Öffentlichkeit als ganzes befindet, hat von dieser Seite aber auch schon überhaut keine kritik zu erfolgen, was Kommunikationsstrategien anderer betrifft.

Der Fall genannte Fall Grasser (in sienen Einzelskandalen und auch als gesamtes Phänomen) ist für das absolute Versagen der Journailie das beste Beispiel!

geschlechtsumwandlung quotenposterin
20
16.12.2011, 12:55
Was war mit 9.11 ?

"Das bewusste Lancieren von Falschmeldungen ist selbst in der abgebrühten Kommunikationsbranche ein unverzeihlicher Tabubruch"

Hat man den Bezug zur Realität nicht ganz verloren ,
kann die Kommunikationsbranche
nur als Institution zur
Lenkung der Interessen
der Machthaber sehen .
Die veröffentlichte Meinung
ist eine einzige Lüge ,
in der vereinzelte Tatsachen nur dazu dienen ,
die Großen Lügen
glaubwürdiger zu gestalten .

Floaschkas
00
16.12.2011, 14:04
verharmlosen Sie nicht ein bißerl?

(schimpfen - das, für sich genommen, zwar zu recht - und gleichzeitig sich selbst handlungsunfähig machen - weil: wir wissen ja, wie böse die Welt immer schon war und bleiben wird)

Schüssel Biograf Walter Moers
04
16.12.2011, 11:49

Es liegt mir fern die Junge Industrie in Schutz nehmen zu wollen. Allerdings sollten sich die Damen und Herren Journalisten an der Nase nehmen, an statt sich über verantwortungslose Kommunikation zu empören. Es gehört nämlich auch zur Aufgabe des Journalismus nicht jeder blöden Meldung aufzusitzen.

Ich habe die Überschrift über die Sexschule gelesen und dachte mir, diesen Schwachsinn lese ich jetzt sicher nicht. Ein Journalist hätte zumindest prüfen müssen, ob er diesen Schwachsinn auch weiterverbreitet.

Vielmehr ist zu fragen, wieviel unreflektierten PR-Schwachsinn wir ständig als News unter die Nase gesetzt bekommen.

Man könnte ja glatt glauben, auch die öffentliche Meinung ließe sich etwa durch Regierungsinserate kaufen.

fischers
01
16.12.2011, 11:32
Warum es ein Tabubruch ist ?!

.. weil sich in der Kommunikationsbranche keiner mehr auf den Anderen verlassen kann? Weil übernehmen bzw. abschreiben von Artikeln ein nicht mehr kontrollierbares Risiko wird? Weil Redaktionen von nun an den Wahrheitsgehalt von Meldungen prüfen müssten? Ist es deswegen ein Tabubruch?
Viel mehr als auf das Pensionsproblem und die Pisa - Schrägstellung zeigt die Aktion der IV - seit der teuersten Website ever nicht mehr mein Freund - die Verlotterung der Medien, die ungeprüft und ungefiltert "Informationen" verbreiten........

Richard Ebner
11
16.12.2011, 11:29
Ich kenne nur einen Grubenhunt und ...

... keinen Grubenhund.

Stuff
00
16.12.2011, 17:28
Man weiss ja, dass Bildungslücken vorhanden sind

aber dass sie sich gleich zeigen…

De schdadisdig is a hund
00
16.12.2011, 12:42
Der Grubenhunt von Trapezunt

hat Karies und Muskelschwund

readymate
11
16.12.2011, 12:04
Sie kennen

offenbar nicht recht viel...!

.

spica
00
19.12.2011, 00:37
Wieviele Hunte sollte er denn kennen?

Richard Ebner
00
16.12.2011, 12:39
Darum ist es gut, dass wir Sie haben ....

readymate
00
16.12.2011, 17:06
Ja,

seien wir froh...!

.

readymate
00
16.12.2011, 15:24
Ja,

seien wir froh...!

.

Theobald Tiger
13
16.12.2011, 11:08
Ah, geh

solange niemand wußte, dass die Junge Industrie dahinter stand, galt die Aktion als witzig, originell, kritisch, künstlerisch... nun stößt sie einem famosen "Kommunikationsberater" sauer auf?

Floaschkas
00
16.12.2011, 14:06
welche Interessen lanciert werden, ist Ihnen wurscht? - und Sie wollen, dass es gefälligst anderen auch wurscht zu sein hat?

Theobald Tiger
00
16.12.2011, 17:12
...mir ist es wurscht

ob es Ihnen auch wurscht ist oder nicht, ist Ihre Sache.

Was mich in diesem Fall erheitert - in ernsteren Angelegenheiten ist es betrüblich - sind die verlogenen double standards.

Stünde hinter der Aktion eine "progessive" Künstlergruppe, wäre sie originell etc, da aber überraschender Weise die Junge Industrie der Auftraggeber war, ist sie bedenklich.

Rote Lola1
00
16.12.2011, 10:46
Woher kommt der Begriff "Grubenhund"???

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 48
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.