Wie etablierte Institutionen ihre Glaubwürdigkeit verspielen: Anmerkungen zur Konjunktur des Grubenhunds am Beispiel der "Sexschule"
In den vergangenen Tagen geisterten Meldungen über die Gründung von Europas angeblich erster "Sexschule" durch die Medien, davor empörten sich Journalisten über ein fehlerhaftes Kafka-Buch, das im österreichischen Schulunterricht verwendet werden soll - passend zur Pisa-Diskussion und zum Bildungsvolksbegehren.
Beide Meldungen waren natürlich "Zeitungsenten" - allerdings nicht von findigen Redakteuren aufgetischt, sondern ganz gezielt gestreut - von einer Organisation, die ansonsten Wichtigeres zu sagen hat.
Noch bevor es zur "feierlichen Eröffnung" der Schule kam, wurde der Hoax aufgedeckt. Hinter den Aktionen stehe die Vogelbasis "Birdbase" , also die "Junge Industrie" , die mit der Abwicklung eine skandinavische Agentur betraut hatte. Mit dem kafkaesken Fehler-Buch habe man auf die Schwächen in Österreichs Schulen hinweisen wollen, mit der Sexschule auf das virulente Thema Pensionen - denn ohne Nachwuchs keine Beitragszahler ...
Nun, wenn irgendeine "schwindlige" Gruppe solche Dinge fabriziert, wäre man in seiner Meinung bestätigt, dass es eben so ist, dass Medien gerne Dinge ungeprüft übernehmen, die eine schöne Story ergeben. Wenn aber solche Dinge von etablierten Organisationen verbreitet werden, muss man die Frage stellen dürfen, was ist da in der Kommunikation passiert - und um welchen Preis?
Die Industriellenvereinigung (IV) führt die Öffentlichkeit an der Nase herum, mit voller Rückendeckung in der Person des neuen Generalsekretärs, der dafür auch noch Mitgliedsgelder verschwendet. Wie soll man dieselbe Institution in künftigen Gehalts- oder Budget-Verhandlungen noch ernstnehmen? Wie wird ihr Präsident Veit Sorger in der nächsten ZiB2 reagieren, wenn ihm die Sexschule unter die Nase gerieben wird? Wie ist diese groteske Fehlleistung mit verantwortungsvoller Kommunikation vereinbar?
In der Grasser-Ära kam die Industriellenvereinigung erstmals öffentlich wegen Zahlungen an den Verein zur Förderung der New Economy unter Beschuss. Für die Finanzierung einer privaten Webseite des damaligen Finanzministers spendierte die IV 450.000 Euro. Der damalige Generalsekretär hatte alle Hände voll zu tun, das Schlamassel zu erklären. Es war aber klar, hier wird lobbyiert, so läuft das Geschäft, alle Rollen waren klar verteilt.
Der aktuelle Fall ist völlig anders gelagert. Jetzt geht es um die Reputation einer 150 Jahre alten Interessenvertretung und ihrer 3500 Mitglieder, um Irreführung und Betrug.
Im Wahn, etwas gegen die Pensionslücke und den Bildungsstau tun zu müssen, um die Öffentlichkeit aufzurütteln, greift die Industriellenvereinigung zu Mitteln, die selbst im politischen Geschäft in der untersten Schublade liegen. Das bewusste Lancieren von Falschmeldungen ist selbst in der abgebrühten Kommunikationsbranche ein unverzeihlicher Tabubruch. Daher müssen nach einer solchen Aktion klare Konsequenzen gezogen werden. Präsident Sorger wird wissen, welche. (Wilfried Seywald, DER STANDARD, Printausgabe 16.12.2011)
Wilfried Seywald ist Kommunikationsberater und Gründer der Nachrichtenagentur pressetext.