Urteil gegen Jacques Chirac

Gut für Frankreich

Kommentar | Stefan Brändle, 15. Dezember 2011, 18:54

Das sehr symbolische Urteil räumt auf mit der Straflosigkeit im Élysée-Palast

Jacques Chirac wird Weihnachten in Ruhe und Frieden in seiner Privatresidenz in Marokko feiern können. Der französische Ex-Präsident erhält zwar eine Haftstrafe, bleibt aber auf Bewährung frei - und das ist gut so. 79-jährig, angeschlagen, wohl unter Alzheimer leidend, soll der "alte Jacques" , wie ihn die Franzosen liebevoll nennen, seine Tage im Frieden mit Gattin Bernadette und seiner Stiftung beschließen können.

Trotzdem war es richtig und wichtig, dass der Gaullist verurteilt wurde - mit zwei Jahren sogar überraschend hart. Die Richter ließen sich von den Appellen des Chirac-Lagers nicht beirren: Sie verfügten über handfeste Beweise, dass der frühere Bürgermeister von Paris die Steuerzahler mit Rathaus-Scheinjobs für Parteifreunde geprellt hatte.

Die Kritik seiner Anhänger, das Urteil ergehe "viel zu spät" - so Premierminister François Fillon - ist an Heuchelei kaum zu überbieten: Fast zwanzig Jahre lang versuchten sie die Ermittlungen, den Prozess und schließlich das Urteil selbst mit allen Mitteln zu hintertreiben. Zu Beginn hatten sie eine starke Waffe: die von der Verfassung garantierte Immunität des Präsidenten schützte Chirac von 1995 bis 2007. Wie einst der Monarch in Versailles bleibt der Staatschef der Fünften Französischen Republik juristisch unberührbar - mehrere Revolutionen und demokratische Verfassungen haben daran nichts geändert: "Le Président de la République" steht über dem Gesetz; während seiner Amtszeit kann er höchstens wegen Hochverrats, aber nicht etwa wegen Mordes belangt werden.

Auch nach seinem Amtsende blieb Chirac wie durch eine unsichtbare Hand geschützt: Die Exekutivgewalt unter seinem Nachfolger und Parteifreund Nicolas Sarkozy wies sogar die Staatsanwaltschaft als oberste Anklagebehörde an, eine Verfahrenseinstellung und danach einen Freispruch zu verlangen. So hielt Chirac, der Kopf der Pariser Korruptionsaffären, den Kopf jahrelang aus der Schlinge, während seine Mitarbeiter, unter ihnen Alain Juppé, stellvertretend für ihn Haft- und Geldstrafen einsackten - weil sie eben keine Immunität genossen.

Damit ist jetzt Schluss. Das sehr symbolische Urteil räumt auf mit der Straflosigkeit im Élysée-Palast. Infrage gestellt ist aber nicht nur die Allmacht des Präsidenten, sondern die des ganzen Zentralstaates. So ist das erfreuliche Urteil für Chirac nur ein kleiner Tritt - aber für Frankreich ein großer Schritt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2011)

at. engel
00
16.12.2011, 18:52
etwas zusammengestrickt

So beliebt Chirac auch ist - mehr für seine unkomplizierte Art als für seine Politik - nennt ihn eigentlich niemand "le vieux Jacques"; keine Ahnung, wo der Autor das aufgeschnappt haben will.
Keine Ahnung auch, warum Journalisten bei Frankreich immer gleich ins Faseln geraten. Die Rolle des Präsidenten hat nichts - aber schon gar nichts - mit versailler Absolutismus oder irgendeinem französischen Atavismus zu tun, sondern ist die Folge der Erfahrungen mit der IV. Republik, die sich in einer tiefen Krise befand und so zerfahren war, das Politik gar nicht mehr möglich war. Auch in der III. Republik hatte der Präsident nur eine repräsentative Rolle.
Als Signal ist das Urteil natürlich ein Fortschritt.

centerum censeo
01
16.12.2011, 15:24
eine beachtliche leistung.

dieses ( zwar nur mehr symbolische ) urteil ist meines erachtens ein bemerkenswertes. hut ab !

WernaeI Spindelmann
01
16.12.2011, 13:02
Frage: Faymann? Häupl?

Der Quantität nach, "Sieben Millionen für den Werner" u. ä., müssten unsere beiden Altwiener Sumpfblüten ja eine Unbedingte ausfassen.

Dreistein
 
00
16.12.2011, 12:15
Ein ehemaliger Spitzenpolitiker, der - wenn auch nur bedingt - verurteilt wird, wäre in Österreichistan undenkbar!

Das Urteil gegen den Uwe Scheuch darf man hier als Ausrutscher bezeichnen, welches in zweiter Instanz ziemlich sicher wieder aufgehoben werden wird.

Hierzulande wird gegen Politiker solange nicht ermittelt, bis die Verjährung eingetreten ist. Bestenfalls wird ermittelt, dann aber ebenfalls bis nach den Eintritt der Verjährung. Bei uns braucht es dazu auch gar keine berlusconischen Gesetze, bei uns erledigt das die Justiz selbst.

Chucho
02
15.12.2011, 22:41

So, und jetzt schauen wir uns mal an, was Österreichs Bürgermeister und Regierende so treiben ... allen voran natürlich der Michi Häupl in Wien ...

"... dass der frühere Bürgermeister von Paris die Steuerzahler mit Rathaus-Scheinjobs für Parteifreunde geprellt hatte."

In Österreich ist so etwas ein Kavaliersdelikt. Es gilt natürlich wie immer die Unschuldsvermutung!

sawi48
01
16.12.2011, 12:01
Naja -

wenn Du was weißt, solltest Du mit Deinen Beweisen zur Staatsanwaltschaft oder zu "Falter" und "Profil" gehen.

Helmut Hagen Plakolmer
11
15.12.2011, 19:30
libertè, fraternitè, EGALITE' ......

danke liebe franzosen, ihr habt europa zu einem besseren kontinent gemacht. noch nicht ueberall, an der peripherie arbeitet man noch daran, in einem gewissen kleinen fleck im zentrum europas ist das noch nicht angekommen. das habsburger gesindel war schliesslich nicht umsonst der feind nummer eins im kampf gegen das revolutionaere frankreich

Dramaqueen
10
16.12.2011, 15:27
Napoleon ein Revolutionär?

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