Wie sich Gelsen vor Überhitzung schützen

15. Dezember 2011, 18:41
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Um ihre kühle Temperatur zu wahren, sondern Stechmücken beim Blutsaugen Urin ab

Tours/Wien - Wir schauen meist nicht genau hin. Eine Gelse setzt sich auf unsere Haut und beginnt zu saugen: Entweder man merkt nichts, und das Tier kann sich ungestört laben, oder man macht den Plagegeist kurzerhand platt.

Wer ihm jedoch etwas länger zusieht, kann Seltsames beobachten. Während sich das Insekt vollpumpt, bildet sich an seinem After ein Tropfen. Es ist Urin. Die Mücke vollzieht eine sogenannte Prä-Diurese. Sie entzieht dem aufgenommenen Blut so schnell wie möglich Wasser und Salze und konzentriert so die Nährstoffe. Das hilft, noch mehr aufnehmen zu können.

Bei manchen Stechmücken aber färbt sich der Tropfen rot. Blut gelangt hinein. Der Biologe Claudio Lazzari von der Universität Tours in Frankreich observierte diesen Vorgang mehrfach und wunderte sich über die mutmaßliche Verschwendung. "Blut ist eine sehr kostbare Ressource", sagt der Wissenschafter auf STANDARD-Nachfrage. Warum also einen Teil davon gleich wieder ausscheiden?

Die Tiere waren offenbar nicht krank, also musste es einen anderen Grund geben. Lazzari ging dem Phänomen zusammen mit seiner Kollegin Chloé Lahondère auf den Grund. Die beiden Forscher ließen Moskitos der asiatischen Art Anopheles stephensi Mäuse und Menschen stechen und fotografierten sie dabei mit Wärmebildkameras.

Die Aufnahmen zeigen Erstaunliches: Wenn sich das Insekt mit warmem Blut vollsaugt, steigt seine Körpertemperatur erheblich an. Sobald sich aber ein Blut-Urintropfen gebildet hat, findet eine deutliche Kühlung statt, vor allem im Hinterleib. Verursacht wird dieser Effekt von der Verdunstung. Sie entzieht dem Tropfen und darüber auch dem Mückenkörper Wärme, wie die Forscher im Fachmagazin Current Biology berichten.

Das Kühlen dürfte für die Stoffwechselprozesse der geflügelten Blutsauger von enormer Bedeutung sein, da die Temperatur des begehrten Warmgetränks oft weit über der ihres eigenen Körpers liegt. Zu viel Wärme schadet indes Enzymen und anderen Proteinen. Dementsprechend dürfte die Abgabe einer geringen Blutmenge als Preis die Kosten einer möglichen Überhitzung mehr als wettmachen, vermutet Claudio Lazzari.

Je größer schließlich der Tropfen am After, desto stärker der Kühlungseffekt. Abgesehen davon könnten Blutinhaltsstoffe vielleicht die Verdunstung begünstigen, meint Lazzari. Der Hitzeschutz wird vermutlich nicht nur den Insekten selbst zugutekommen, sondern auch den symbiontischen Bakterien, die in ihrem Darm leben. Und die Malariaerreger, denen Anopheles-Mücken als Überträger dienen, dürften ebenfalls davon profitieren.

Doch der Kühlungsmechanismus findet sich nicht bei allen Moskitos. Exemplare von Aedes aegypti geben beim Saugen nie Blut in den Urin ab. Kein Wunder, sagt Claudio Lazzari. Diese nordafrikanischen Gelsen produzieren schließlich schützende Hitzeschock-Proteine, wie US-Forscher neulich entdeckten (vgl. Pnas, Bd. 108, S. 8026). Gelsen der auch in Österreich sehr häufigen Gattung Culex verzichten sogar ganz auf die Prä-Diurese. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2011)

  • Die Wärmebildkamera enthüllt, wie die saugende Gelse trotz warmen Bluts (rot) 
mittels Urintröpfchen (blau) kühl bleibt.
    foto: lahondère

    Die Wärmebildkamera enthüllt, wie die saugende Gelse trotz warmen Bluts (rot) mittels Urintröpfchen (blau) kühl bleibt.

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