Um ihre kühle Temperatur zu wahren, sondern Stechmücken beim Blutsaugen Urin ab
Tours/Wien - Wir schauen meist nicht genau hin. Eine Gelse setzt sich auf
unsere Haut und beginnt zu saugen: Entweder man merkt nichts, und das Tier kann
sich ungestört laben, oder man macht den Plagegeist kurzerhand platt.
Wer ihm jedoch etwas länger zusieht, kann Seltsames beobachten. Während sich
das Insekt vollpumpt, bildet sich an seinem After ein Tropfen. Es ist Urin. Die
Mücke vollzieht eine sogenannte Prä-Diurese. Sie entzieht dem aufgenommenen Blut
so schnell wie möglich Wasser und Salze und konzentriert so die Nährstoffe. Das
hilft, noch mehr aufnehmen zu können.
Bei manchen Stechmücken aber färbt sich der Tropfen rot. Blut gelangt hinein.
Der Biologe Claudio Lazzari von der Universität Tours in Frankreich observierte
diesen Vorgang mehrfach und wunderte sich über die mutmaßliche Verschwendung.
"Blut ist eine sehr kostbare Ressource", sagt der Wissenschafter auf
STANDARD-Nachfrage. Warum also einen Teil davon gleich wieder ausscheiden?
Die Tiere waren offenbar nicht krank, also musste es einen anderen Grund
geben. Lazzari ging dem Phänomen zusammen mit seiner Kollegin Chloé Lahondère
auf den Grund. Die beiden Forscher ließen Moskitos der asiatischen Art Anopheles
stephensi Mäuse und Menschen stechen und fotografierten sie dabei mit
Wärmebildkameras.
Die Aufnahmen zeigen Erstaunliches: Wenn sich das Insekt mit warmem Blut
vollsaugt, steigt seine Körpertemperatur erheblich an. Sobald sich aber ein
Blut-Urintropfen gebildet hat, findet eine deutliche Kühlung statt, vor allem im
Hinterleib. Verursacht wird dieser Effekt von der Verdunstung. Sie entzieht dem
Tropfen und darüber auch dem Mückenkörper Wärme, wie die Forscher im Fachmagazin
Current Biology berichten.
Das Kühlen dürfte für die Stoffwechselprozesse der geflügelten Blutsauger von
enormer Bedeutung sein, da die Temperatur des begehrten Warmgetränks oft weit
über der ihres eigenen Körpers liegt. Zu viel Wärme schadet indes Enzymen und
anderen Proteinen. Dementsprechend dürfte die Abgabe einer geringen Blutmenge
als Preis die Kosten einer möglichen Überhitzung mehr als wettmachen, vermutet
Claudio Lazzari.
Je größer schließlich der Tropfen am After, desto stärker der Kühlungseffekt.
Abgesehen davon könnten Blutinhaltsstoffe vielleicht die Verdunstung
begünstigen, meint Lazzari. Der Hitzeschutz wird vermutlich nicht nur den
Insekten selbst zugutekommen, sondern auch den symbiontischen Bakterien, die in
ihrem Darm leben. Und die Malariaerreger, denen Anopheles-Mücken als Überträger
dienen, dürften ebenfalls davon profitieren.
Doch der Kühlungsmechanismus findet sich nicht bei allen Moskitos. Exemplare
von Aedes aegypti geben beim Saugen nie Blut in den Urin ab. Kein Wunder, sagt
Claudio Lazzari. Diese nordafrikanischen Gelsen
produzieren schließlich schützende Hitzeschock-Proteine, wie US-Forscher neulich
entdeckten (vgl. Pnas, Bd. 108, S. 8026). Gelsen der auch in Österreich sehr häufigen Gattung
Culex verzichten sogar ganz auf die Prä-Diurese. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2011)