Zwei Wochen vor Ablauf der Abzugsfrist am Jahresende 2011 - und acht Jahre und neun Monate nach Kriegsbeginn - wurde am Donnerstag der amerikanische Militäreinsatz im Irak offiziell beendet.
Bagdad/Wien - Acht Jahre und neun Monate nach dem Beginn des Irakkriegs im
März 2003 und "nachdem viel Blut von Irakern und Amerikanern" geflossen ist,
soll nun nach den Worten von US-Verteidigungsminister Leon Panetta die Mission
erfüllt sein, einen Irak zu schaffen, "der sich selbst regieren und sichern
kann". Panetta fügte bei der offiziellen Zeremonie zum Einsatzende, das am
Donnerstag in Bagdad verkündet wurde, noch hinzu, dass der Irak in den nächsten
Zeiten wohl vermehrt mit Terrorismus zu kämpfen haben werde. Bei allen
Herausforderungen würden die USA jedoch weiter an der Seite des Irak stehen,
sagte Panetta.
Der reale Abzug der US-Truppen aus dem Irak, den Premier Nuri al-Maliki,
damals in seiner ersten Amtsperiode, 2008 noch mit US-Präsident George W. Bush
ausgehandelt hatte, ist natürlich noch nicht komplettiert. Bis Jahresende werden
jedoch die letzten etwa 4000 Soldaten der US-Armee - die schon seit Ende August
2010 offiziell keine "Kampfeinsatz"-Aufgaben mehr hatten - über Kuwait abgezogen
sein. Das ist der Weg, den sie 2003 als Invasionsarmee nach Bagdad nahmen. Der
Krieg schien nach ein paar Wochen gewonnen, als das gesamte Regime von Saddam
Hussein in den Untergrund verschwand - und mit ihm die irakische Armee von den
Straßen.
Triumphalistisch verkündete Bush am 1. Mai 2003 das Ende des Kriegs, der
danach erst richtig begann und 4500 US-Soldaten das Leben kostete. Dazu kommen,
wie das Brookings Institute in seinem Irak-Index anführt, bis September 2011
32.200 Verletzte, viele von ihnen so schwer, dass sie nie wieder ein normales
Leben führen werden. Der irakische Blutzoll wird für immer eine Schätzung
bleiben: "Zehntausende" Tote ist die übliche Sprachregelung, es gibt
Berechnungen, die auf Hunderttausende verweisen.
Natürlich bleiben die USA im Irak weiter stark präsent - mit tausenden
Botschaftsangehörigen, zu denen auch Militärs gehören. Soldaten werden auch für
Trainingsmissionen im Irak präsent sein, schon um die irakische Armee am
militärischen Gerät auszubilden, das die USA dem Irak verkaufen.
Aber der Krieg, an dessen Höhepunkt 2007 die USA 170.000 Mann im Irak hatten,
ist zu Ende. Damals hatte sich Bush zum "surge", der Aufstockung der Armee,
entschieden, nachdem in den Jahren zuvor der kapitale Fehler gemacht wurde, den
Einsatz parallel zur sich verschlechternden Lage zurückzufahren. Viel ist über
diesen "surge" diskutiert wurden, in die US-Geschichtsbücher wird er als
entscheidendes Mittel zur Wende im Irak eingehen.
Bei genauerer Analyse sind jedoch auch andere Faktoren nicht zu leugnen: wie
die traurige Tatsache, dass damals, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs zwischen
Sunniten und Schiiten, die bis heute anhaltenden beiderseitigen konfessionellen
Säuberungen gewisser Gebiete bereits vollzogen waren und damit Konfliktpotenzial
wegfiel. Bagdad etwa hat heute ein völlig anderes konfessionelles Make-up als
2003.
Die US-Truppen, denen ihre Politiker versprachen, dass sie mit Blumen
empfangen würden, waren im Irak nicht beliebt. Dazu trugen nicht nur Verbrechen
wie in Abu Ghraib oder Übergriffe auf die Bevölkerung bei. Die Besatzer (was sie
völkerrechtlich nur anfangs waren, danach hatten sie ein Uno-Mandat) hatten
unter anderem ein Angst-Problem: Was wie "trigger happiness" aussah, war oft nur
Panik. Die Iraker werden die Amerikaner nicht vermissen und umgekehrt.(DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2011)