Die US-Armee verabschiedet sich vom Irak

Analyse15. Dezember 2011, 18:18
3 Postings

Zwei Wochen vor Ablauf der Abzugsfrist am Jahresende 2011 - und acht Jahre und neun Monate nach Kriegsbeginn - wurde am Donnerstag der amerikanische Militäreinsatz im Irak offiziell beendet.

Bagdad/Wien - Acht Jahre und neun Monate nach dem Beginn des Irakkriegs im März 2003 und "nachdem viel Blut von Irakern und Amerikanern" geflossen ist, soll nun nach den Worten von US-Verteidigungsminister Leon Panetta die Mission erfüllt sein, einen Irak zu schaffen, "der sich selbst regieren und sichern kann". Panetta fügte bei der offiziellen Zeremonie zum Einsatzende, das am Donnerstag in Bagdad verkündet wurde, noch hinzu, dass der Irak in den nächsten Zeiten wohl vermehrt mit Terrorismus zu kämpfen haben werde. Bei allen Herausforderungen würden die USA jedoch weiter an der Seite des Irak stehen, sagte Panetta.

Der reale Abzug der US-Truppen aus dem Irak, den Premier Nuri al-Maliki, damals in seiner ersten Amtsperiode, 2008 noch mit US-Präsident George W. Bush ausgehandelt hatte, ist natürlich noch nicht komplettiert. Bis Jahresende werden jedoch die letzten etwa 4000 Soldaten der US-Armee - die schon seit Ende August 2010 offiziell keine "Kampfeinsatz"-Aufgaben mehr hatten - über Kuwait abgezogen sein. Das ist der Weg, den sie 2003 als Invasionsarmee nach Bagdad nahmen. Der Krieg schien nach ein paar Wochen gewonnen, als das gesamte Regime von Saddam Hussein in den Untergrund verschwand - und mit ihm die irakische Armee von den Straßen.

Triumphalistisch verkündete Bush am 1. Mai 2003 das Ende des Kriegs, der danach erst richtig begann und 4500 US-Soldaten das Leben kostete. Dazu kommen, wie das Brookings Institute in seinem Irak-Index anführt, bis September 2011 32.200 Verletzte, viele von ihnen so schwer, dass sie nie wieder ein normales Leben führen werden. Der irakische Blutzoll wird für immer eine Schätzung bleiben: "Zehntausende" Tote ist die übliche Sprachregelung, es gibt Berechnungen, die auf Hunderttausende verweisen.

Natürlich bleiben die USA im Irak weiter stark präsent - mit tausenden Botschaftsangehörigen, zu denen auch Militärs gehören. Soldaten werden auch für Trainingsmissionen im Irak präsent sein, schon um die irakische Armee am militärischen Gerät auszubilden, das die USA dem Irak verkaufen.

Aber der Krieg, an dessen Höhepunkt 2007 die USA 170.000 Mann im Irak hatten, ist zu Ende. Damals hatte sich Bush zum "surge", der Aufstockung der Armee, entschieden, nachdem in den Jahren zuvor der kapitale Fehler gemacht wurde, den Einsatz parallel zur sich verschlechternden Lage zurückzufahren. Viel ist über diesen "surge" diskutiert wurden, in die US-Geschichtsbücher wird er als entscheidendes Mittel zur Wende im Irak eingehen.

Bei genauerer Analyse sind jedoch auch andere Faktoren nicht zu leugnen: wie die traurige Tatsache, dass damals, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs zwischen Sunniten und Schiiten, die bis heute anhaltenden beiderseitigen konfessionellen Säuberungen gewisser Gebiete bereits vollzogen waren und damit Konfliktpotenzial wegfiel. Bagdad etwa hat heute ein völlig anderes konfessionelles Make-up als 2003.

Die US-Truppen, denen ihre Politiker versprachen, dass sie mit Blumen empfangen würden, waren im Irak nicht beliebt. Dazu trugen nicht nur Verbrechen wie in Abu Ghraib oder Übergriffe auf die Bevölkerung bei. Die Besatzer (was sie völkerrechtlich nur anfangs waren, danach hatten sie ein Uno-Mandat) hatten unter anderem ein Angst-Problem: Was wie "trigger happiness" aussah, war oft nur Panik. Die Iraker werden die Amerikaner nicht vermissen und umgekehrt.(DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2011)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    US-Verteidigungsminister Leon Panetta bei der Ankunft in Bagdad. Die amerikanische Flagge wurde am Donnerstag eingeholt, die letzten regulären US-Soldaten ziehen bis Jahresende ab.

Share if you care.