Das Vorarlberger Kinderdorf sucht Pflegeeltern für sechs kleine Mädchen und Buben
Bregenz - Sechs Babys und Kleinkinder, eines davon gerade erst auf die Welt gekommen, warten im Vorarlberger Kinderdorf auf einen guten Pflegeplatz. Fünf der kleinen Mädchen und Buben haben Migrationshintergrund, ihre Eltern kommen aus Ost- und Südosteuropa, sind teilweise schwer traumatisiert. Die Kinder leben zurzeit in sogenannten "Krisenpflegefamilien". Diese Auffangeinrichtung ist aber nur für kurzfristige Betreuung gedacht.
"Es wird immer schwieriger, Pflegeeltern zu finden", bedauert Silvia Zabernigg, Leiterin des Pflegekinderdienstes im Vorarlberger Kinderdorf. Waren die Pflegekinder vor zehn Jahren noch alle aus Vorarlberger Familien, steige die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund zusehends. Zabernigg glaubt nicht, dass Ausländerfeindlichkeit der Grund für die fehlende Bereitschaft ist, Pflegekinder aufzunehmen: "Es liegt eher daran, dass immer weniger Menschen langfristig Verantwortung für ein Kind übernehmen wollen", sagt die Psychologin.
Langfristig bedeute einige Jahre, "manche bleiben bis zur Volljährigkeit". Zabernigg begründet die Schwierigkeit, Pflegeeltern zu finden, mit dem gesellschaftlichen Wandel: "Die Zeitressourcen sind begrenzt, der Druck auf Familien wächst ständig. Ein Kind muss in die Alltagsstruktur, in die Familienplanung passen."
Genaue Prüfung
Auch das Bild der Pflegemütter habe sich gewandelt. Sie sind längst nicht mehr Hausfrauen, die sich um eine Schar Kinder kümmern, sondern sind berufstätig, arbeiten Teilzeit. "Um ein Baby aufzunehmen, muss man aber die Berufstätigkeit für eine Weile aufgeben, damit man sich auf die Bedürfnisse des Kindes konzentrieren kann."
Der Kinderwunsch allein macht noch keine guten Pflegeeltern aus. Bevor ein Kind an einen Pflegeplatz vergeben wird, prüfen die Expertinnen des Kinderdorfs genau, ob ein Paar, eine Familie, geeignet ist. Wesentliche Voraussetzung ist die Bereitschaft, mit den leiblichen Eltern zu kooperieren. Silvia Zabernigg: "Die Kinder brauchen den Kontakt zu den richtigen Eltern. Pflegeeltern müssen akzeptieren, dass der Kontakt für die psychische Entwicklung des Kindes wesentlich ist." Auf diese Kooperation werden Pflegeeltern intensiv vorbereitet, bekommen die Unterstützung des Kinderdorfs. Was aber noch fehle, sei die Schulung in interkultureller Begegnung. (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2011)